Rapids verdientes Unglück

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Verdientes Unglück

Bei aller Dramatik lässt die Nachbetrachtung der Rapid-Partie an Objektivität vermissen.



Das war gestern natürlich sehr bitter, aus Sicht des SK Rapid. So knapp am Einzug in die Champions League-Gruppenphase zu scheitern, lässt selbstredend hängende Köpfe zurück. Auf der Tribüne, bei den Protagonisten am Feld und an der Linie. Der ganze Frust, alle Enttäuschung und das Lob an die eigene Leistung bei den Interviews unmittelbar nach dem Spiel sind nachvollziehbar und verständlich. Die Emotion muss erst einmal verarbeitet werden. Eine rationale Bewertung des Geschehenen darf von einem, der vor ein paar Minuten gerade einen Kopfball vergeben hat, der neun Millionen Euro wert gewesen wäre, nicht erwartet werden.

Der ganze, nach den Ajax-Partien hier angesprochene Spirit (hier geht's zum Kommentar), war auch in Lviv zu sehen. Rapid war da und hat nach schlechter Ausgangsposition den weit höher eingeschätzten Gegner wieder an den Rand einer Niederlage gebracht. Aber eben nur an den Rand. Und die Aufgabe der analysierenden Zunft muss es sein, die objektive Brille aufzuhaben. Ja, das war knapp gestern. Es war dramatisch und ein Europacupfight, der die Faszination des Fußballs ausmacht. Aber trotz allem: Shakhtar Donetsk ist nach zwei Playoff-Spielen der „verdiente“ Teilnehmer an der Gruppenphase. Rapid wäre der glückliche Teilnehmer gewesen. Die Ukrainer waren in drei von vier Halbzeiten die bessere, dominierende Mannschaft.

Ich möchte dieses Statement nicht falsch verstanden wissen. Die Leistung von Rapid soll keineswegs kleingeredet werden. Keine andere Mannschaft aus der Bundesliga kann im Moment einen solchen Auftritt hinlegen. Aber entweder man dominiert, ist überlegen und zwingt so den Gegner in die Knie oder man muss gnadenlos effizient sein und seine Gelegenheiten verwerten.

Ist beides nicht der Fall, sind Aussagen à la Sieger der Herzen, der Aufstieg wäre verdient gewesen und es hätte nur das Glück gefehlt ok für gerade ausgeschiedene Sportler, nicht für seriöse Journalisten. Es zeichnet das übliche Bild des Querschnitts der österreichischen Sportberichterstattung. Ausnahmen bestätigen die Regel. In den wenigsten Fällen liest oder hört man eine ausgewogene Betrachtung.

Eine dieser wohltuenden Ausnahmen war im ORF zu sehen, normalerweise eher das Gegenteil eines Garanten für qualitativ hochwertige Fußballberichterstattung. Der seit dieser Saison neue Experte Peter Hackmair fand die richtigen Worte. Obwohl ihm ORF-Mann Rainer Pariasek mit seinen üblichen Suggestivfragen versucht hat, die Standardsager in den Mund zu legen, die er gerne gehört hätte. Hackmair sprach stattdessen von einer ukrainischen Mannschaft, die seiner Meinung nach immer noch zulegen hätte können und die über beide Spiele gesehen trotz aller Dramatik am Ende der verdiente Aufsteiger gewesen sei. Und er sagte das ohne die Leistung Rapids zu schmälern.

Hackmair hat in den paar Minuten, die ihm für die Analyse zur Verfügung stehen, aufgezeigt, welche entscheidenden Fehler begangen worden sind und zugleich nicht mit Respekt für die Darbietung der Rapidler gespart. Ein Rookie vor der Kamera zeigt bei einem seiner ersten Auftritte vor, wie man es auch machen könnte. Trotz erschwerter Bedingungen mit Rainer Pariasek als Stichwortgeber. Es gilt auf viele weitere Hackmair-Einsätze zu hoffen, damit er die noch sichtbare Nervosität ablegen kann und seine Analysen noch souveräner über den Bildschirm kommen.

Die Rapid-Gemeinde braucht zudem ohnehin nicht lange trauern. In der Europa League-Gruppenphase gibt es zwar weniger Geld, dafür wahrscheinlich mehr Erfolgserlebnisse. In der Meisterschaft sind die Grünen derzeit das Maß der Dinge und die Zukunftsperspektiven haben insgesamt auch schon einmal schlechter ausgeschaut. Eine objektive Einschätzung des zwar vorhandenen Unglücks in den letzten Minuten, aber eines unterm Strich trotz allem verdienten Ausscheidens gegen Shakhtar Donetsk, würde das grün-weiße Umfeld schon verkraften.


 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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