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Hackmair


Liebe Freunde der gepflegten Hack-Ordnung!

 

Die Seleção erdrückt von 200 Millionen Brasilianern.

Spätestens nach dem 0:3 in Minute 24 offenbarte sich eindrucksvoll, was man seit Wochen gespürt hat. Die Mannschaft von Luiz Felipe Scolari war dem Druck in diesem Turnier nicht gewachsen.

Die überwiegend fantastischen Duelle bei dieser WM haben die vorherrschende soziale und politische Katastrophe erfolgreich in den Hintergrund gedrängt. Nicht aber in den Köpfen der Seleção. Die Last von 200 Millionen Menschen, das Leid eines ganzen Volkes, verteilt auf elf zarte Schultern, das kann nicht funktionieren. Die emotionalen Interviews der Spieler, ihre Weinkrämpfe während der Hymne, sie sagen alles. Schon vor der WM verkündete Neymar über die Medien: „Wir werden alles dafür tun, um den Brasilianern ihren Traum zu erfüllen. David Luiz versprach „für all jene zu laufen und zu kämpfen, die in diesem Land viel Leid ertragen müssen“. Im Halbfinale spielte die Mannschaft dann auch noch ohne, aber dafür umso mehr für Neymar (was sich der wohl denken wird?). Bei all diesen Botschaften habe ich mich immer gefragt: „Wann spielt ihr endlich für euch selber."

Von Beginn an lief bei der Seleção bei ihrer Heim-WM alles über die Emotion. Was aufgrund mangelnder sportlicher Gegenwehr in der Vorrunde noch ganz gut funktionierte, stellte sich ab den K.o.-Duellen als größte Hürde dar. Schon im Achtelfinale gegen Chile wäre der Traum fast geplatzt, erst im Elfmeterschießen zitterte sich die brasilianische Auswahl eine Runde weiter.

Das 1:7-Debakel im Halbfinale bewies nun endgültig die absolute Überforderung der Seleção. Natürlich präsentierten sich die Deutschen spielstark, clever und unheimlich zielstrebig, natürlich fehlten Neymar und Thiago Silva, natürlich lag in der taktischen Organisation eine Klasse zwischen diesen beiden Mannschaften und natürlich entwickelte sich die Partie absolut zu Gunsten unserer Nachbarn.

Trotzdem ergibt das alles keinen Unterschied von sechs Toren, schon gar nicht in einem WM-Halbfinale.

Die Achillesferse der Brasilianer war ihre mentale Zerrissenheit. Einerseits bedarf so eine sportliche Herausforderung einer absoluten Fokussierung, andererseits wurden sie durch das Turnier aber hautnah mit dem miserablen Zustand ihres Landes konfrontiert. Teilweise hatte ich den Eindruck, die kickenden Millionäre plagte beim Anblick des heimischen Elends ein schlechtes Gewissen und sie fühlten sich infolge dazu verpflichtet, ihrer armen Bevölkerung mit dem WM-Titel etwas zurückzugeben. Wie berührend und völlig naiv zugleich.

Was hätte dieser Titel im Land verändert? Vielleicht hätte er medial sogar noch die irren Investitionen gerechtfertigt. Vielleicht hat die Seleção ihren Leuten mit dem Ausscheiden langfristig sogar einen Gefallen getan. Anstatt ausgelassen den Weltmeister zu feiern, werden die Menschen wieder vermehrt auf die Straße gehen, um zu demonstrieren und Missstände aufzuzeigen. Wenn die Mannschaft ihren Leuten schon etwas zurückgeben will, warum nicht zum Beispiel die Hälfte ihrer jährlichen Gage für soziale Projekte spenden? Selbstverständlich wäre die Summe nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, sehr wohl aber ein deutliches Zeichen für die Gesellschaft.

Euer Fußball-Pensionist,

Peter


 

Peter Hackmair absolvierte für die SV Ried (2006-2011) und für Wacker Innsbruck (2011/12) insgesamt 120 Bundesliga-Spiele. Der 31-fache Nachwuchs-Nationalspieler, der 2007 mit der U20 bei der WM in Kanada sensationell Platz vier belegte, wurde Vizemeister (2007) und Cupsieger. Im August 2012 beendete der Mittelfeldspieler im Alter von nur 25 Jahren nach zahlreichen Verletzungen seine Karriere. Im September 2012 stellte Peter sein Buch "Träume verändern" vor, das bei Thalia und im ausgewählten Buchhandel erhältlich ist. Seither verstärkt er auch das Redaktions-Team von LAOLA1.


 

Das Erstlingswerk von Peter Hackmair, "Träume verändern", gibt es in sämtlichen Geschäften von "Thalia" und diversen anderen Buchhandlungen!

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