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Der Mut des Jason Collins

„I'm a 34-year-old NBA center. I'm black. And I'm gay.“

Jason Collins hat sich geoutet. Als erster aktiver Athlet in einer der vier großen US-Sport-Ligen.

In einem mehr als bemerkenswerten Text in der „Sports Illustrated“, für den man eine dringende Leseempfehlung aussprechen muss.

Ein „game-changing interview“, wie es in manchen US-Medien bezeichnet wird. Eine Einschätzung, der man sich getrost anschließen kann.

Das Thema Homosexualität im Spitzensport ist kein neues, dafür ein hochsensibles. Die Frage, ob die Sport-Gesellschaft bereit ist für einen schwulen Mannschaftssportler, wird oft gestellt. So beliebt dieses Medienthema ist, so theoretisch und spekulativ blieben mangels Outing eines aktiven Profis die Antworten.

Die Betonung liegt auf aktiver Athlet. Einer, der auch gedenkt, seine Karriere fortzusetzen. Umso bewundernswerter ist der Mut von Collins, der es nicht darauf anlegte, als Erster – wie er es ausdrückt – „die Hand zu heben“, sich aber freut, die Diskussion zu starten:

 „I didn't set out to be the first openly gay athlete playing in a major American team sport. But since I am, I'm happy to start the conversation. I wish I wasn't the kid in the classroom raising his hand and saying, "I'm different." If I had my way, someone else would have already done this. Nobody has, which is why I'm raising my hand.“

Nun mag es auf den ersten Blick viele verwundern, dass ausgerechnet ein Profi aus den als konservativ geltenden USA diesen Tabubruch wagt. Auf den zweiten Blick ist es gar nicht einmal so überraschend.

Jason Collins spielte in dieser Saison für Boston und Washington

Vielmehr hat es sich zuletzt schon angedeutet. Womöglich – solche Vergleiche und Vermutungen sind nie ganz ungefährlich – ist man im US-Sport im Einbrechen der Mauern der Intoleranz sogar schon weiter als beispielsweise im europäischen Fußball.

Der Fall des US-Fußballers Robbie Rogers machte im Februar auch hierzulande Schlagzeilen. Er beendete gleichzeitig mit seinem Outing seine aktive Karriere. Im Alter von nur 25 Jahren.

Am 29. März outete sich mit Kwame Harris ein ehemaliger NFL-Profi. Der 31-jährige Tackle war im Draft 2003 immerhin ein Erstrunden-Pick der San Francisco 49ers. Harris war nicht der erste Footballer, der nach dem Karriereende zu seiner Homosexualität stand.

Esera Tuaolo spielte neun Jahre in der NFL und erreichte mit den Atlanta Falcons 1999 immerhin die Super Bowl. Der heute 44-Jährige wagte sich 2002 an die Öffentlichkeit. Bereits 1975 tat dies David Kopay. Der Running Back war der erste Profi einer der großen Ligen, der sich nach seinem Karriereende outete – als einer von bislang sechs ehemaligen NFL-Spielern.

Gerade in der NFL-Berichterstattung war das Thema Homosexualität in der jüngeren Vergangenheit immer präsenter – positiv wie negativ.

In der Super-Bowl-Woche leistete sich San Franciscos Cornerback Chris Culliver einen unverzeihlichen medialen Aussetzer, als er offen eingestand, sich nicht vorstellen zu können, einen schwulen Mitspieler in der Kabine zu haben. Das mediale Echo war heftig, die Ablenkung wohl zu groß, entsprechend miserabel seine Leistung im Endspiel.

Auf Seiten des Siegers Baltimore Ravens stand dafür eines der positivsten Beispiele. Brendon Ayanbadejo zählt seit Jahren zu den wortgewaltigen Vorreitern bezüglich Schwulen-Ehe, ebenso wie Minnesotas Punter Chris Kluwe.

Das Duo scheut dabei keine Konflikte. Als zu Beginn der vergangenen Saison ein Lokalpolitiker von den Ravens verlangte, Ayanbadejo einzubremsen, sprang ihm Kluwe sofort öffentlich zur Seite.

Chris Kluwe gehört zu den Vorreitern im Kampf für Gleichberechtigung

Ayanbadejo wurde Anfang April von Baltimore entlassen. Eine Personalentscheidung, wie sie in der NFL hundertfach vorkommt. Auch Kluwe droht in Minnesota trotz starker Saison das Aus, da sich die Vikings am vergangenen Wochenende zum eher unüblichen Schritt veranlasst sahen, einen Punter zu draften.

Kaum ein Artikel ob ihrer beruflichen Probleme kommt ohne Hinweis auf ihren Einsatz für Gleichberechtigung aus. Dies zeigt, auf welch unerforschtes Terrain sich das Duo begeben hat. Natürlich können die Entscheidungen ihrer Arbeitgeber mit ihrem Engagement zusammenhängen. Müssen sie aber nicht. Man weiß es nicht.

Fest steht nur, dass ihr Einsatz für dieses brisante Thema Respekt verdient. Auch sie sind auf ihre Art Wegbereiter für ein zunehmend toleranteres Umfeld. Ein Umstand, auf den sich auch Collins bezieht:

 I'm glad I'm coming out in 2013 rather than 2003. The climate has shifted; public opinion has shifted. And yet we still have so much farther to go. Everyone is terrified of the unknown, but most of us don't want to return to a time when minorities were openly discriminated against. I'm impressed with the straight pro athletes who have spoken up so far -- Chris Kluwe, Brendon Ayanbadejo. The more people who speak out, the better, gay or straight.“

Ja, das Klima hat sich gewandelt, oder zumindest gebessert. Wer regt sich heute noch, anders als vor 20 Jahren, über einen schwulen Schauspieler oder Politiker auf? Auch im Sport wird das Klima toleranter, dennoch hinkt er noch meilenweit hinterher.

Umso spannender wird es zu beobachten sein, welche Auswirkungen das Outing von Collins auf seine Karriere hat. Er selbst schreibt, dass er keine Ahnung hat, das Beste erhofft, aber ganz pragmatisch mit dem Schlimmsten rechne.

Die relativ simple Frage aller Fragen lautet: Findet Collins auch nach seinem Outing noch einen Arbeitgeber?

Nun muss man wissen, dass sich der Center bereits im Spätherbst seiner Karriere befindet und schon in den vergangenen Saisonen eher am Ende der Ersatzbank Platz nahm.

In einer anonymen Spontanumfrage von ESPN bei 14 NBA-Teams, waren sechs der Meinung, dass Collins auch kommende Saison in der Liga unterkommen werde. Acht Teams äußerten sportliche Zweifel. Keines sah, zumindest offiziell, wegen seines Outings schwarz für seine Zukunft.

„I don't think he was going to be in the league next season no matter what. I don't think sexual orientation is the issue. I think 'Can he still play?' is the issue“, wird ein General Manager zitiert.

Man kann nur schwer in Worte fassen, wie wünschenswert es wäre, wenn Collins‘ Karriere in die Verlängerung ginge. Es wäre ein weiterer wichtiger Schritt, um Vorbehalte abzubauen und die Angst anderer schwuler Athleten vor einem Outing zumindest ein wenig zu mindern.

Bekommt er keinen Vertrag mehr, wäre die Schlussfolgerung der Öffentlichkeit nachvollziehbar, dass dies auch mit seinem Bekenntnis zu tun haben könnte.

Es ist klar, dass dieses Thema unglaublich viele Aspekte und Facetten hat. Nicht alle kann man in einem Text wie diesen behandeln. Auf eines kann man sich aber vermutlich einigen:

Collins ist froh, dass er sich 2013 und nicht 2003 outen durfte - es wäre schön, wenn dieses Thema allerspätestens 2023 auch im Sport keine große Sache mehr ist, sondern als Normalität betrachtet wird.

Collins hätte seinen mehr als fairen Anteil daran.

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