Van Praag: Blatters kritischster Herausforderer

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Nicht viele Leute im Fußball-Geschäft haben die Courage, Sepp Blatter von Angesicht zu Angesicht zum Rücktritt aufzufordern.

Michael van Praag hat sich getraut. „Ich habe ihm gesagt, springe über deinen Schatten, du wirst dich unsterblich machen“, berichtet der niederländische FIFA-Präsidentschaftskandidat von einem Gespräch mit dem Amtsinhaber in Zürich.

Schon davor hatte van Praag dem Schweizer bei einem Kongress in Sao Paulo öffentlich den Abgang nahegelegt. Blatter bezeichnete dies kurz darauf als „größte Respektlosigkeit, die ich je erlebt habe“.

Ein Übergangspräsident als Reformer?

Dabei will van Praag, der Präsident des niederländischen Fußballverbandes, seinem Chef doch gar nichts Böses. „Ich habe ihn gebeten, mich bei meiner Bewerbung für das Präsidentenamt zu unterstützen. Die Idee war, dass er Ehrenpräsident wird und sein großes Netzwerk zugunsten der FIFA nutzt.“

Van Praag glaubt fest daran, dass es innerhalb der FIFA eine Wende braucht. Er will nicht vier weitere Jahre warten, bis Blatter endlich zurücktritt. Deswegen präsentiert er sich im Wahlkampf als Übergangspräsident, der in den nächsten vier Jahren einen geordneten Wandel einleitet und danach wieder in die zweite Reihe zurücktritt.

Manche werfen ihm deswegen vor, nur der Steigbügelhalter für UEFA-Präsident Michel Platini zu sein. Trotzdem wäre eine solche Amtszeit in der jüngeren Geschichte jenes Verbandes, der in den letzten 41 Jahren von lediglich zwei unterschiedlichen Präsidenten geleitet wurde, einzigartig.

„Nicht alles läuft falsch bei der FIFA. Sie hat sich gut entwickelt. Das Problem ist, dass die FIFA mit Korruption und Vetternwirtschaft in Zusammenhang gebracht wird. Das muss sich ändern“, erklärt der Holländer.

Der kritischste Kandidat

Im Vergleich mit den zwei anderen Blatter-Herausforderern, Prinz Ali bin al-Hussein und Luis Figo, schlägt van Praag schärfere Töne an. Höflich, aber bestimmt spricht er Themen an, die dem Fußball-Establishment oft unangenehm sind.

Unter van Praags Präsidentschaft wurde Ajax CL-Sieger

Erfolgreicher Ajax-Präsident

Ein Wahlkampf-Zuckerl wäre diese Maßnahme dennoch. Genauso wie van Praags Vorschlag zur Erweiterung der WM-Teilnehmer auf 40 Mannschaften. Auch das dürfte bei den kleineren Mitgliederverbänden, die vornehmlich eher Blatter wählen, gut ankommen.

Der Musik-Liebhaber weiß, wie Sport-Politik funktioniert. Bereits sein Vater war Präsident von Ajax Amsterdam, als der Klub in den 1970er-Jahren drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann. Er selbst stand von 1989 bis 2003 an der Spitze des Vereins und zeichnet sich damit unter anderem für den Champions-League-Titel 1995 verantwortlich.

Seit 2008 führt der mit Elektronik-Läden auf Flughäfen erfolgreich gewordene Unternehmer den niederlänischen Verband an. Mit der FIFA-Präsidentschaft hat er nun sein nächstes Ziel ins Auge gefasst. Ein Ziel, das ungleich schwerer zu erreichen sein dürfte.

Die Chancen stehen schlecht

Denn es müsste schon ein Wunder passieren, dass Amtsinhaber Blatter bei der Wahl am 29. Mai keine Mehrheit bekommt. Zu viele Unterstützer hat der Schweizer aus aller Welt. Sein System hat er seit 1981, als er Generalsekretär der FIFA wurde, kontinuierlich aufgebaut. Es läuft wie geschmiert.

Den letzten großen Skandal, die korruptionsverdächtigen WM-Vergaben an Russland und Katar, hat Blatters Weltverband mit zwei blauen Augen überstanden. Die Image-Werte der FIFA sind im Keller. Deswegen will van Praag, der die Unterstützung des deutschen Fußball-Bundes genießen soll, Blatter vom Präsidenten-Thron stoßen.

„Ich mag Sepp Blatter als Person, aber er ist derjenige, der für den Zustand, in dem sich die FIFA momentan befindet, die Endverantwortung trägt“, prangert der Niederländer an. Es sei seine Aufgabe sowie die der beiden anderen Herausforder, Prinz Ali von Jordanien und Ex-Weltfußballer Figo, möglichst viele Leute von einem Wechsel zu überzeugen.

Die Chancen dafür stehen schlecht. Van Praag will sich davon jedoch nicht entmutigen lassen. „Ich verfolge meinen eigenen Plan und vertraue diesem. Wenn jeder kleine Klub vor einem Spiel gegen einen größeren darüber nachdenken würde, ob er eine Chance hätte, dann wäre die Niederlage schon von vornherein besiegelt.“

An mangelnder Courage wird der Niederländer nicht scheitern, an Blatters Netzwerk aber wohl schon.

 

Jakob Faber

„Ich finde es unakzeptabel, dass das Gehalt von Herrn Blatter nicht öffentlich gemacht wird. Bei einem Unternehmen ist das etwas anderes. Aber der Präsident wird gewählt. Deswegen haben wir das Recht zu wissen, wie viel Geld er verdient“, so der 67-Jährige.

Sein Zauberwort heißt Transparenz. Etwas, das aktuell in der FIFA-Zentrale nicht gerade hohe Bedeutung genießt. Als Beispiel bringt van Praag dafür einen Bonus in Höhe von 500.000 Dollar, den alle 208 nationalen Verbände im letzten Jahr erhalten haben. „Das Geld kam aus heiterem Himmel. Wir wissen nicht, warum es ausgezahlt wurde. Es ist verantwortungslos, wenn die Mitglieder nicht wissen, wie ihr Geld ausgegeben wird.“

Reform der Scheindemokratie

Hinter den Kulissen ist der Zweck dieser „Bonuszahlungen“ freilich ganz genau bekannt. Es sind Überweisungen wie diese, mit denen sich Blatter seine Wiederwahl sichert. Für die europäischen Länder haben solche Summen keine große Bedeutung.

Kleine Verbände und insbesondere deren Funktionäre profitieren von diesem Geld jedoch enorm. Sie stützen Blatters Macht. Möglich macht dies ein unverhältnismäßiges Wahlsystem, das jedem Nationalverband – unabhängig von der Zahl seiner Mitglieder – genau eine Stimme gewährt.

Van Praag will die korrumpierte Scheindemokratie der FIFA reformieren. Vor allem die umfangreiche Entscheidungsmacht des Präsidenten ist ihm ein Dorn im Auge. „Letztes Jahr wurden 27 Millionen Dollar in einen Film investiert“, spielt er auf den mit Stars wie Tim Roth besetzten FIFA-Streifen „United Passions“ an. „Das Exekutiv-Komitee hat davon nichts gewusst. Er (Blatter, Anm.) hat das alleine entschieden. Das ist aber nicht seine Schuld. Diese Macht wird ihm von den Statuten gegeben.“

Der Niederländer will deswegen ein neues Gremium einführen, im Zuge dessen die Präsidenten der Kontinental-Verbände in die Entscheidungen des FIFA-Vorsitzenden miteingebunden werden.

„Es gibt auch schöne Hotels mit vier Sternen“

Gleichzeitig soll die FIFA jedoch „schlank und rank“ gemacht werden. „Wir müssen die Kosten senken. Im niederländischen Verband denken wir regelmäßig darüber nach, wie wir bei den Ausgaben sparen können. Bei der FIFA habe ich das noch nie gehört“, sagt van Praag.

Ginge es nach ihm, würden die FIFA-Funktionäre einige ihrer Privilegien verlieren. Dekadenter Luxus, wie er momentan nur allzu gerne genossen wird, soll der Vergangenheit angehören. „Es gibt auch sehr schöne Hotels mit vier Sternen“, erklärt der ehemalige Amateur-Schiedsrichter.

Die eingesparten Summen will er den nationalen Verbänden zu Gute kommen lassen. Statt bisher 250.000 sollen sie eine Million Dollar pro Jahr als Förderung erhalten. Ein 600-Millionen-Geldregen, der an Blatters Methoden mit den „Bonuszahlungen“ erinnert.

Im Interview mit dem „Tagesspiegel“ wehrt sich van Praag jedoch gegen solche Vorwürfe. „Ich will nicht einfach Geld verschenken. Die FIFA soll den Verbänden mehr über die Schulter schauen. Das Geld muss für die Fußballentwicklung ausgegeben werden.“

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