Ruiss in Hilton-Hotelsuite verurteilt

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Ein achtseitiger Brief an die österreichische Medienlandschaft sorgte im Mai dieses Jahres für Aufsehen (Hier der offene Brief). Erste-Liga-Schiedsrichter Harald Ruiss erklärte seinen Rücktritt aus der Bundesliga und kritisierte dabei auch das österreichische Schiedsrichter-System.

Der ÖFB und die namentlich angesprochenen Johann Hantschk (Vorsitzender des Bundesliga/Elite-Komitees) und Fritz Stuchlik (ehemaliger FIFA-Referee und SR-Beobachter) attestierten dem 31-Jährigen Frustration und taten die Anschuldigungen als unwahr ab, ohne näher auf die Kritik einzugehen.

Die ehemaligen Spitzenreferees Franz Wöhrer, Bernhard Brugger und Richard Kern pflichteten dem Wiener allerdings bei. „95 Prozent der Aussagen im offenen Brief sind richtig“, meinte etwa Brugger damals bei LAOLA1.

Verhandlung in Hotel-Suite

Drei Monate später fand sich Mag. Ruiss am Freitag-Nachmittag im Hilton Danube Hotel in Wien wieder, um der Verhandlung über das Strafausmaß beizuwohnen.

Im Disziplinarausschuss saßen Alois Pemmer (ÖFB-Schiedsrichterkommission), Günter Benkö (Bundesliga-Besetzer, Mitglied des Elite-Komitees) und Thomas Prammer (aktiver BL-Schiedsrichter).

Nach über zweieinhalb Stunden Verhandlung steht das Urteil fest: Ruiss muss 200 Euro Strafe zahlen und ist für vier Monate gesperrt. Er darf also von der Regionalliga abwärts vorübergehend keine Spiele leiten.

Dem 31-Jährigen werden unkollegiales Verhalten, Beleidigung und Verspottung sowie Unsportlichkeit vorgeworfen.

Sinneswandel bei Günter Benkö?

Dass Benkö, der Ruiss noch vor einigen Wochen zugestimmt hatte („…viele Dinge, die Ruiss aufzeigt, kritisiert er zu Recht!“), gemeinsam mit dem aktiven Bundesliga-Schiedsrichter Prammer über den Wiener urteilen durfte, verwundert.

Darum hatte Ruiss im Vorfeld der Verhandlungen auch Anträge auf teilweise Befangenheit eingebracht. Diese wurden vom ÖFB nicht berücksichtigt.

„Bis zur Verhandlung wusste ich nicht einmal, was mir im Konkreten vorgeworfen wurde. Im Disziplinarausschuss waren Leute, die entweder dem Komitee angehören, das ich kritisiere, oder selbst aktive BL-Schiedsrichter sind“, zeigt Ruiss im Interview mit LAOLA1 Unverständnis.

„Kannte Verfahrensgrund nicht“

Ruiss kündigt auch an, gegen die Erstentscheidung Protest einlegen zu wollen: „Würde ich es nicht tun, käme das einem Schuldeingeständnis gleich. Ich stehe zu den Dingen, die ich geschrieben habe. Ich habe niemanden beleidigt, ich habe nur Fakten aufgezeigt.“

„Ich sehe mich vom ÖFB auch bestätigt. Auch heute wurde keiner der Kritikpunkte widerlegt. Es wurde bis heute nicht ausformuliert, was ich wem getan habe. Es wurde nicht gesagt, welche Personen ich beleidigt habe oder wodurch ich sie beleidigt habe. Das sehe ich als Mangel an. Bis heute kannte ich den Verfahrensgrund nicht.“

Hantschk weist Kritik zurück

Auch Fritz Stuchlik war bei der Verhandlung anwesend, da er als Zeuge zu den Themen „Lauftests“ und „Manager-Angelegenheiten“ geladen war.

Der 46-Jährige verließ die Hotel-Suite allerdings nach wenigen Minuten wieder, da der Ausschuss keine Fragen an den Schiedsrichter-Manager hatte. Die Kritik an Stuchlik blieb damit unkommentiert. Johann Hantschk erneuerte seine Aussage, wonach die Kritik von Ruiss falsch sei.

Die mangelnde Einsicht mancher Funktionäre stört Ruiss: „Ich sehe es als Versäumnis an, dass man meine Kritik nicht als Anlass nimmt, über Strukturen im Funktionärswesen nachzudenken. Auch in anderen Sportarten gab es zuletzt Kritik. Hier müsste ein Umdenken stattfinden.“

 

Rainer Liebich

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