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Heftige Reaktionen in der „Causa Ruiss“

Wie in den Wald hineingeschrien wird, so kommt es auch zurück.

Dass die Abrechnung von Bundesliga-Schiedsrichter Harald Ruiss nicht unbeantwortet bleiben würde, war so sicher wie eine Gelbe Karte für das Ausziehen des Trikots.

Der achtseitige offene Brief (HIER DAS SCHREIBEN IM WORTLAUT) mit gezielten Vorwürfen (HIER DIE ZUSAMMENFASSUNG) schlug natürlich hohe Wellen bei den Betroffenen.

Vor allem die beiden heftig kritisierten Protagonisten Johann Hantschk und Fritz Stuchlik wehren sich gegen die Anschuldigungen des 30-jährigen Akademikers (Lehrer für Deutsch und Geschichte), der mit seinen Leistungen in der Ersten Liga diese Saison kaum positiv auffiel. Seine nackte Bilanz zeigt acht Spiele, 44 Gelbe Karten, neun Gelb-Rote und zwei Rote.

Frustration als Motiv?

In erster Linie sprechen die Beschuldigten, wie Ruiss auch erwartete, unter anderem von Frustration.

„Er ist ein frustrierter Akademiker, der leistungsmäßig den Bundesliga-Anforderungen nicht entspricht“, erklärt Hantschk, der Vorsitzende des Bundesliga/Elite-Komitees gegenüber LAOLA1.

„Es ist menschlich nachvollziehbar, dass man frustriert ist, wenn man weiß, dass man ab nächster Saison nicht mehr der Bundesliga angehört. Ob der achtseitige Brief die richtige Frustrationsbewältigung ist, muss Harald Ruiss selbst wissen“, sagt Stuchlik.

Während das Bundesliga/Elite-Komitee nur für die Bundesliga-Referees zuständig ist, ist es die ÖFB-Schiedsrichter-Kommission für alle bis zur letzten Spielklasse.

Deren Vorsitzender ist seit einem dreiviertel Jahr Robert Sedlacek, selbst ehemaliger Schiedsrichter und Beobachter. Auch der Wiener kann die Reaktion nicht nachvollziehen, selbst wenn er Ruiss „gut leiden kann: So traurig die Geschichte ist, es ist für mich die Frustration eines gescheiterten Schiedsrichters.“

Auch Zustimmung

Der Sprecher der aktiven Schiedsrichter, Dr. Thomas Prammer, hält in seiner Erstreaktion fest: „Ich weiß, dass er verwarnt war, also einen gewissen Notenschnitt nicht erreicht hat. Ich weiß auch, dass es im April ein Gespräch mit ihm gab. Was ihm da genau gesagt wurde, weiß ich aber nicht – ich kann es mir aber jetzt zusammenreimen.“

Vereinzelt gibt es auch bedingte Zustimmung zu den Aussagen von Ruiss, wie etwa des früheren Schiedsrichter-Referenten Franz Wöhrer: „Die Leute, die jetzt am Werk sind, sind zu lange am Werk. Es ist eine gewisse Routine eingekehrt.“

LAOLA1 hat mit den Herren länger gesprochen und die wichtigsten Aussagen festgehalten:

JOHANN HANTSCHK

Der Bundesliga/Elite-Komitee-Vorsitzende

„In den ganzen Wochen, in denen er gepfiffen hat, ist er in den Medien gestanden. Wir bekamen Vorwürfe zu hören, warum wir ihn noch besetzen. Jetzt hat es eben ihn getroffen. Das ist menschlich tragisch, weil er Ziele hatte, aber dieser Rundumschlag disqualifiziert den Akademiker selbst“, so der 73-Jährige, dem Ruiss vorwirft, entgegen der Altersbestimmungen (Funktionärsgrenze liegt bei 70 Jahren, Anm.) das Amt zu bekleiden. Dem tritt Hantschk – von den Kollegen gestützt – wiederum entgegen.

„Es gibt eine Richtlinie, dass die Funktionärstätigkeit beim ÖFB in der Regel mit 70 endet – das ist richtig. Aber bei der letzten Wahl der ÖFB-Hauptversammlung hat das Präsidium für den Herrn Hantschk für die Führung des Bundesliga-Komitees eine Sonderregelung genehmigt. Alle Mitglieder der ÖFB-Kommission waren der Auffassung, ich möge diese Periode noch machen. Die endet nächstes Jahr mit der Hauptversammlung im Juni. Da werde ich dann selbstverständlich aufhören. Ich habe meinen Rücktritt mit dem Erreichen des 70. Lebensjahres angeboten, aber es wurde der Wunsch geäußert, dass ich noch eine Periode dranhänge“, klärt der „Schiri-Boss“ auf.

Den Vorwurf, wonach Hantschk trotz Nicht-Qualifikation (nie FIFA-Schiedsrichter, weil nur Leiter zweier Zweitliga-Spiele, lt. Ruiss) nie international hätte beobachten dürfen, kontert der Komiteechef ebenso: „Ich war zwei Jahre in der zweiten Liga und dann ein Jahr in der Bundesliga. Durch Umstände, die ich nicht näher beleuchten will, wurde ich an den Landesverband zurückgegeben. Es sind zwei negative Leistungen passiert. Ich war dann zehn Jahre untadeliger Beobachter der UEFA und hochgeschätzt. Man muss kein FIFA-Referee gewesen sein, um so ein Amt ausüben zu dürfen.“

Hantschk, der sich „nicht reinwaschen braucht, weil ich absolut weiß bin“, kann auch die thematisierte Benotung Robert Schörgenhofers nicht nachvollziehen: „Das ist die fachliche Expertenmeinung des Komitees. Wir befinden, wer welche Note bekommt. Das ist nicht Sache des Harald Ruiss. Es ist an den Haaren herbeigezogen.“

Resümierend hält Hantschk, der Ruiss wegen eines nicht abgelegten Lauftests das Abschiedsspiel nicht gewähren konnte, fest: „Die Vorwürfe sind untergriffig, entbehren jeder Wahrheit und Grundlage. Er hat den Brief wunderschön geschrieben, weil er Germanist und Lehrer ist. Aber ein Intelligenzler ist er nicht, sonst hätte er so etwas nicht geschrieben. Es wird zu klären sein, ob und wenn ja, wie wir vorgehen. Das sollen unsere Juristen klären.“

 

FRITZ STUCHLIK

Der Schiedsrichter-Manager

Das zweite Opfer der Ruiss’schen Anschuldigungen war Fritz Stuchlik, der Schiedsrichter-Manager, der als Administrator der Bundesliga-Referees fungiert. „Der Zeitpunkt der Attacke hat einen bitteren Beigeschmack, denn diese kam nach dem Rauswurf. Während seiner Zeit als Bundesliga-Schiedsrichter hat er nie einen Anlass dafür gesehen“, so der Wiener, der 2009 als Aktiver zurücktrat.

Die Anschuldigung, der 46-Jährige habe die erforderlichen Leistungen beim Lauftest nicht erfüllt, weist Stuchlik zurück: „Wäre ich das nicht erlaufen, wäre ich nicht auf der FIFA-Liste gestanden.“

Dass der Referee-Manager auch einmal auf internationaler Ebene gefehlt habe, gibt Stuchlik zu: „2009 bin ich wegen einer Achillessehnenverletzung nicht angetreten.“

Dass der Ex-Referee 2009 mit 43 Jahren zwei Jahre vor dem Alterslimit seine aktive Karriere beendete (Ruiss: „Weil seine körperlichen Defizite immer offensichtlicher wurden“), hat einen anderen Grund: „Ich war bereits seit 1992 als Schiedsrichter in der Bundesliga tätig und irgendwann möchte man, ehe es einem keinen Spaß mehr macht, sagen: ‚Danke, es hat mich sehr gefreut‘. Denn wenn es einen nicht mehr freut, dann ist man nicht gut vorbereitet und ein schlechter Referee.“

Die Tatsache, dass Stuchlik die Lauftests abwickle und das als Problem angesehen werde, kann der Manager nicht nachvollziehen: „Es gibt einen Unterschied zwischen ‚zuständig sein‘ und ‚abwickeln‘: Die Bundesliga mit Sitz im 13. Wiener Bezirk ist ja auch zuständig für die höchsten beiden Spielklassen, wickelt sie aber verständlicherweise nicht ab.“

Außerdem gäbe es an den Lauftests aufgrund der objektiven Messungen (Lichtschranken, etc., Anm.) nichts zu rütteln: „Die erhobenen Zahlen werden den anwesenden Mitgliedern der Schiedsrichter-Kommission sofort präsentiert. Und die Teilnehmer wissen auch, was sie leisten müssen.“

Ruiss bezeichnet Stuchlik als jenen Mann, der alle Fäden (und damit Vorsitzende wie Hantschk) in der Hand hätte. Der Konter: „Ich bin kein Puppenspieler, alle Aufgaben sind klar verteilt. Und ich bin überzeugt, würden die vielen starken Persönlichkeiten im Spitzenschiedsrichterwesen wie Hantschk, Benkö etc. so empfinden, dann würden sie nicht tätig sein. Denn das sind so genannte Alpha-Tiere.“

Alles eitel Wonne sieht Stuchlik im heimischen Schiedsrichter-Wesen keinesfalls, allerdings befindet der langjährige Referee die Vorwürfe („Unprofessionlität“ und „Dilettantismus“) als übertrieben: „Meine Meinung ist, dass es sehr viele Verbesserungen gegeben hat, es aber noch Reserven gibt. Jedoch sind wir von der UEFA zertifiziert worden, wir erfüllen die Vorgaben der UEFA und der FIFA.“

 

ROBERT SEDLACEK

Der ÖFB-Schiedsrichter-Kommissions-Vorsitzende

Der Präsident des Wiener Fußball-Verbandes ist auch seit August 2011 Vorsitzender der ÖFB-Schiedsrichterkommission und damit Nachfolger des verstorbenen DDr. Gerhard Kapl.

Den offenen Brief kommentiert Sedlacek wie folgt: „Es sind viele Dinge darin, die entweder nicht den Tatsachen entsprechen oder eine Aufarbeitung von Sachen von vor 15 Jahren sind. Ob einer damals einen Lauftest geschafft hat oder nicht, ist eigentlich nicht relevant.“

Der bis 2000 aktive Referee verteidigt Stuchlik auch hinsichtlich der Lauftests: „Es ist doch klar, wenn es Lauftests gibt, dass sich nicht Hantschk um das Aufbauen etc. kümmert, sondern der Sekretär, oder wie es eben heißt, Manager. Die Entscheidung trifft dann sowieso der Vorsitzende, da wird alles abgesprochen.“

Auch die Ruiss-Kritik, es werde den Schiedsrichtern an ihren jeweiligen Standorten in den Bundesländern kein Masseur zur Verfügung gestellt, kann der 56-Jährige zurückweisen: „Es ist richtig, wir haben keinen Masseur. Aber es ist auch schwierig, für sieben bis neun Standorte 14 oder 18 Masseure zu haben. Wir können nur das Geld ausgeben, das die Bundesliga für das Schiedsrichterwesen ausgibt. Da kann nicht alles erfüllt werden.“

Die Bevorzugung von Referees aus gewissen Bundesländern weist Sedlacek zurück: „Man hat gute Leute und aus dem Topf holt man sich die zwei, drei besten. Die anderen sind dann nicht ausgeschieden, aber kommen später dran.“

Auch der Schiedsrichter-Boss des ÖFB gibt die Luft nach oben zu, „aber ich glaube, man kann das auch anders lösen, als in acht Seiten.“

THOMAS PRAMMER

Der Sprecher der aktiven Schiedsrichter

Dr. Prammer ist Rechtsanwalt und Sprecher der aktiven Schiedsrichter, sprich ist noch selbst am Feld unterwegs. Der Oberösterreicher hat gewisses Verständnis für Ruiss („Natürlich wird er nicht glücklich darüber sein, aus Notenschnitt-Gründen aus der Bundesliga heraus zu fallen“), hält aber fest: „Ich glaube, dass dieser Brief sehr überzeichnet ist. Im Schiedsrichterwesen wird es nie absolute Gerechtigkeit geben.“

Die Kritik an Hantschk und seinem Alter wischt Prammer weg: „Ich war vor drei Jahren auch schon Sprecher. Damals wollte Johann Hantschk gar nicht mehr weitermachen. Er wurde aber von DDr. Kapl und der Schiedsrichter-Kommission extrem dazu überredet. Da hat er mich sogar noch gefragt, ob das von den Schiedsrichtern eh gewünscht ist. Und es war mit Sicherheit gewünscht. Natürlich ist er schon 73 Jahre alt, aber zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Nachfolger, der sich angeboten hätte.“

Noch weniger triftig ist für den Linzer das „sportpolitische Bundesländer-Denken, das Ruiss festhält: „In diesem Punkt kann ich am Deutlichsten widersprechen! Ich bin einer von fünf Oberösterreichern in der Bundesliga. Das sind fünf von insgesamt 25 in der Bundesliga. Würde man sportpolitisch denken, dürften es nur drei sein. Ich denke, dass grundsätzlich die Besten in der Bundesliga pfeifen. Natürlich ist es aber so, dass man auch als sehr talentierter Schiedsrichter Pech haben kann. Das wird man aber nie verhindern können. Ein Schiedsrichter ist einfach nicht so messbar wie ein Sprinter.“

Apropos Sprinter, mit den von Stuchlik abgewickelten Lauftests hat Prammer überhaupt kein Problem: „Natürlich sind die Lauftests strenger geworden. Mittlerweile ist der ÖFB dieser UEFA-Convention beigetreten. Daher ist es verpflichtet vorgesehen, dass es drei oder vier Lauftests gibt. Es ist klar, dass es unangenehmer ist, drei Mal zu laufen, als ein Mal. Es wird immer wieder jemanden geben, der das nicht schafft – etwa weil er sich verletzt. Theoretisch muss man von jemandem, der pfeifen will, erwarten können, dass er das schafft. Für all das kann der Herr Stuchlik aber gar nichts.“

 

FRANZ WÖHRER

Der ehemalige Schiedsrichter-Referent

Einer, der teilweise Zustimmung für die Aussagen Ruiss hat, ist Franz Wöhrer, der ab Mitte der 90er „sieben, acht Jahre“ als Schiedsrichter-Referent die Geschicke geleitet hat.

„Ich kann gewisse Aussagen nachvollziehen, da ich die genannten Personen 15, 20 Jahre kenne, sie in- und auswendig kenne. Ich war ja auch viele Jahre Schiedsrichter-Referent“, so der 72-Jährige.

„Es sind einige Punkte zu Recht genannt worden. Herr Hantschk hatte durch den Herrn Kappl stets Privilegien und wurde in alle Ämter gehievt“, erklärt Wöhrer, der sich 2010 zurückgezogen hat.

Hinsichtlich tendenziöser Beurteilung hat Wöhrer eine Anekdote parat: „Immer wo beurteilt wird, gibt es differenzierte Kriterien. Ich habe auch den Kollegen Schörgenhofer beobachtet und mit einer mittelmäßigen Leistung bedacht, der hat sich beklagt und per TV-Studien wurde die Note dann verbessert. Das sind Dinge, die mich verwundern.“

Die Anschuldigungen gegenüber Stuchlik und seinen Lauftests sieht Wöhrer ebenfalls Pro-Ruiss: „Es ist mit Sicherheit bei den Lauftests des Herrn Stuchlik etwas ungereimt verlaufen.“ Wie konnte er dann auf der FIFA-Liste stehen? „Weil er den Lauftest im Landesverband nachgemacht hat.“

Allgemein hält Wöhrer fest: „Einige Dinge wurden im Schiedsrichter-Bereich abgesprochen und durchgesetzt, die nicht immer im Statut so geregelt sind.“

Und hinsichtlich der „Leute, die zu lange am Werk“ sind, meint der Wiener: „Nächstes Jahr gibt es eine Wahl, dann gibt es wieder frisches Blut.“

 

Bernhard Kastler / Kurt Vierthaler

 

Harald Ruiss mag ein No-Name in der österreichischen Sportöffentlichkeit sein und sich mit seinen bisherigen Leistungen auch keine weitere Qualifikation für die Bundesliga verdient haben. Aber alleine aus Frustration sich hinzusetzen und acht Seiten zu schreiben, in denen so gut wie alles erstunken und erlogen sein soll? Schwer zu glauben. Klar wird manches überzeichnet sein, klar wird manches wohl auch widerlegbar sein, aber wohl auch nicht alles. Wie auch immer. Mir geht es vielmehr um den Diskurs. Alle Befragten sind sich einig, dass im Schiedsrichter-Wesen nicht alles perfekt ist. Offene Briefe wie jener von Ruiss mögen heißer gekocht worden sein, als sie tatsächlich sind, aber sie sorgen für Diskussionen. In der Öffentlichkeit, aber natürlich auch intern. Auch nach dieser Saison wissen wir Außenstehende, dass hinsichtlich des Schiedsrichtertums nicht alles eitel Wonne ist. Da dürfen wir Medien uns gar nicht ausnehmen, auch wir sind nicht frei von Schuld, wenn es um Kritik gegenüber Schiedsrichtern geht. Medien gelten als vierte Gewalt im Staat, als jene, die aufrütteln, Missstände aufdecken. Auch ein Brief ist ein Medium. Und auch wenn Aussagen gegen Aussagen stehen – Diskurs hat noch nie geschadet. Schon gar nicht, wenn es im Sinne des Spiels, das wir alle lieben, ist.

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