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"Diese Erfahrung in jungen Jahren würde viel bringen"

Sturm Graz ist im Playoff zur Champions League an BATE Borisov aus Weißrussland mit dem Gesamtscore von 1:3 gescheitert. Damit liegt der letzte österreichische Auftritt in der Königsklasse schon sechs Jahre zurück.

Mittlerweile Normalität, denken sich wohl österreichische Fußball-Beobachter.

Nicht so im Nachwuchs. Nach Jahren kontinuierlicher, nachhaltiger Arbeit gehört man zu Europas Elite und ist anerkanntes Export-Land für Talente.

Ist die Hochphase wieder vorbei?

Bis jetzt jedenfalls. Denn diese Saison geht ein Pilot-Projekt über die Bühne. Mit der "NextGen Series" wurde ein internationales Nachwuchsturnier geschaffen, an dem die Creme de la Creme der europäischen Spitzenklubs teilnimmt. Eine U19-Champions-League fernab der UEFA.

Das Teilnehmerfeld ist elitär: Barcelona, Aston Villa, Ajax, Basel, Celtic, Fenerbahce, Inter Mailand, Liverpool, ManCity, Marseille, Molde FK, PSV Eindhoven, Rosenborg, Sporting Lissabon, Tottenham, Wolfsburg.

Österreichische Vereine? Fehlanzeige. Während sich also der Nachwuchs der europäischen Top-Klubs gegenseitig fordert und so an internationaler Erfahrung und Klasse gewinnt, bleiben den heimischen Talenten Spiele gegen die AKA Tirol oder die AKA Burgenland. Eine Tatsache, die den hohen Stellenwert der heimischen Ausbildung wieder zurückwerfen könnte.

Modus an großen Bruder angelehnt

Nach einer Gruppenphase mit je vier Mannschaften und Hin- sowie Rückspiel soll ein Final-Turnier in Abu Dhabi den Sieger küren.

Gespielt werden die Gruppen an flexiblen Spieltagen, um den weiteren heimischen Spielplan sowie ausreichend Regenerationsphasen nicht zu gefährden. Begonnen wurde mit der ersten Partie am 17. August und wie in der Champions League werden die Gruppen beim Jugend-Pendant noch vor der Winterpause beendet.

Dabei hat sich das Projekt passenderweise im Rahmen der Champions League entwickelt, als die jeweiligen Vereine im Vorfeld der Spiele ihre U19-Mannschaften gegeneinander antreten ließen. Daraufhin führte eines zum anderen.

Österreichische Aufnahme im nächsten Jahr?

In diesem ersten Jahr nehmen die Teams noch auf „Einladung und Empfehlung“ am Turnier teil. Bei einem Erfolg soll nächstes Jahr aufgestockt werden, wie Jamie MacLaurin, Sprecher des Veranstalters "NextGen Series", gegenüber LAOLA1 bestätigt.

„Dieses Jahr hatten wir nur Platz für 16 Teams. Wir sind offen für Aufnahmen aller europäischer Länder und werden nächstes Jahr noch einige einladen.“

Will man den eigenen Nachwuchs die Möglichkeit bieten, sich auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln, sollten sich die Klubs also rasch bemühen, um einen der begehrten Plätze für das nächste Jahr zu erhalten.

Die "NextGen Series" soll den nächsten Messi produzieren

Finanzielle Belastung

Doch auch der 41-jährige Austrianer sieht organisatorische Probleme, wenn auch anderer Natur als der ÖFB. Durch die sechs Gruppenspiele, drei davon auswärts, und bei etwaigen Weiterkommen dem Finalturnier sind die Ausgaben natürlich hoch.

„Die Frage ist, wie es wirtschaftlich und organisatorisch ausschaut, denn als Verein selbst schafft man das finanziell mit den Reisen und Hotels fast nicht.“

Mit finanzieller Rückendeckung vom ÖFB ist vorerst noch nicht zu rechnen. „Eine derartige Aktivität gehört unbedingt mit der UEFA und den Nationalverbänden koordiniert. Es ist eine einschneidende Sache, die noch nicht so richtig gereift ist. Da sehe ich es mehr als eine private Aktion, in derer die Vereine selbst entscheiden müssen, ob sie teilnehmen und wie sie es organisieren“, so Ruttensteiner skeptisch.

Probleme mit der Altersstufe

Ein weiteres Problem könnte darstellen, dass gerade vor einem Jahr die heimische Akademie-Meisterschaft von U19 auf einen U18-Bewerb umgestellt wurde. „Das gehört zu den organisatorischen Schwierigkeiten, denn mit einer U18 brauche ich dort nicht mitspielen“, sieht sich Muhr mit einem weiteren Problem konfrontiert.

Alles Probleme, denen man sich natürlich stellen muss, um bei der neuen „U19-Champions-League“ dabei sein zu können. Dass es dabei nicht nur den österreichischen Verein so geht, beweist Manchester City. Die Engländer zogen extra ihre Teilnahme an der nationalen Reserves-Liga (dort spielen alle zweiten Teams gegeneinander) zurück, um sich voll und ganz auf die "NextGen Series" konzentrieren zu können.

Eine Auseinandersetzung mit den bestehenden „Kinderkrankheiten“ sollte also eher früher als später geschehen, um im internationalen Vergleich nicht an Boden zu verlieren.

 

Andreas Aigner

„Würde enorm viel bringen“

Eine Ansicht, die auch Austria Wiens Nachwuchsleiter Ralf Muhr im Gespräch mit LAOLA1 teilt: „Na klar würde man es begrüßen daran teilzunehmen. Es ist sportlich hochinteressant, sich Woche für Woche mit internationalen Top-Teams zu messen. Da will ja jeder Spieler hin und auch jeder will sehen, wie es ist, sich mit den Besten zu messen.“

Darüber hinaus würden die Spieler viel lernen, wie Muhr erklärt: „Die internationale Erfahrung in diesen jungen Jahren würde enorm viel bringen. Das ist das Entscheidendste, denn wenn man gegen Engländer, Italiener oder Deutsche spielt, kann man sehen, was einem im Bereich der Technik, der Motorik, der Athletik oder auch der Taktik noch fehlt. Wenn man sich ständig mit den Besten misst, dann wird man auch selbst immer besser werden. Das ist ein normaler Entwicklungsprozess.“

ÖFB zurückhaltend

Nicht ganz so euphorisch gibt sich der österreichische Fußball-Bund, der sich vor allem daran stößt, dass es kein UEFA-Turnier ist. Gegenüber LAOLA1  gibt Sportdirektor Willi Ruttensteiner zu bedenken: „Es ist eine Sache, die zwar in Abstimmung mit, aber keine Sache der UEFA ist. Ich glaube, dass es gewisse Probleme birgt, weil es kein UEFA-Turnier ist, diese aber gefordert wäre, da mit den vielen Spielen die Belastung für die Jugendlichen neben der Meisterschaft, dem Nationalteam und der Schule sehr hoch ist. Unter dieser Last könnte es schon sein, dass das eine oder andere Talent zusammenbricht.“

Dem kontert MacLaurin: „Wir sind kein UEFA-Turnier, aber alle nationalen Verbände haben ihr Einverständnis dazu gegeben und die UEFA hat untermauert, dass sie über das Bestehen des Turniers glücklich ist.“ Zweifelt Österreichs Verband also seine eigene Zustimmung an?

Auf die Überbelastung angesprochen, zitiert MacLaurin die Worte von Mark Warburton, dem Entwickler der "NextGen Series", der einst bei Watford die erste Akademie Englands ins Leben rief: „Das ist für die meisten Spieler ein neuer Level, der es ihnen erlaubt, unbezahlbare Erfahrungen in allen möglichen Bereichen zu machen. Sie werden abseits ihres gemachten Nestes lernen ins Ausland zu reisen und vor großer Kulisse gegen einige der besten Youngsters spielen. Ich glaube, dass es eine ideale Ergänzung zu den jeweiligen Programmen der Länder ist.“

Über den Tellerrand blicken

Doch auch Ruttensteiner betont die positiven Aspekte einer solchen Veranstaltung: „Wenn es unter der UEFA läuft, kann man ja gar nicht dagegen sein. Sportlich gibt der Vergleich schon einiges her. Das sind Rückschlüsse auf das Training und den Prozess der Ausbildung, die natürlich wichtig sind. Und da nur im eigenen Saft zu braten, wäre sicher kontraproduktiv.“

Dabei trifft er auch die Meinung Muhrs: „Unser Niveau in Österreichs Jugend ist ja sehr gut. Wir können sportlich immer mit den Besten mithalten, aber wenn das natürlich regelmäßig passieren würde, wäre es sicher kein Nachteil.“

Eine Entwicklung die den heimischen Nachwuchs stärker und gleichzeitig attraktiver machen würde. Doch Angst, dass die besten Spieler alle weggekauft würden, wenn man sie den großen Klubs direkt präsentiert, hat der Austria-Offizielle keine: „Es ist ja eine Gegebenheit, der man sich stellen muss. Wir stehen dem auch positiv gegenüber, obwohl wir oft recht gute Spieler verlieren, aber das ist doch Part of the Game.“

Weiterentwicklung für ganzen Verein

Der Nachwuchsleiter rückt hingegen die positiven Faktoren für den ganzen Verein in den Vordergrund: „Auch für Trainer und die ganzen Betreuer könnte das von Vorteil und enormer Erfahrung sein, denn da passiert ja mehr, als nur das Spiel. Man kann sich inhaltlich mit den anderen Trainern austauschen und sich infrastrukturell wieder einiges abschauen, was speziell für uns gut wäre.“

„Aber auch für die Vereinsstruktur wären solche Erfahrungen und Kontakte von Vorteil. Das reicht von Vergleichen im Marketing über Öffentlichkeitsarbeit, etc. Da gäbe es schon viele Felder, in denen man lernen kann. Ich denke auch, dass es vom Image her eine gute Geschichte ist. Man wird wieder populärer und bekannter. Die österreichischen Kampfmannschaften spielen ja eigentlich nicht in dieser „Ersten Liga“ mit und daher denke ich schon, dass das recht lukrativ wäre“, so Muhr weiter.

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