WM in Katar? - "Nur schwer vorstellbar"

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Kritik an Katar und der Vergabe der FIFA WM 2022 an den finanzkräftigen Wüstenstaat, damit hat man sich mittlerweile gewöhnt. Durch die ständige Konfronation verliert die Öffentlichkeit schön langsam das Gespür für die Dimension der Unsinnigkeit, die gesamte Fußball-Welt auf den Kopf zu stellen und ein WM-Turnier im November und Dezember abzuhalten, um Katar das nächste sportliche Großevent zu verschaffen.

Mit Dominic Maroh rückt nun aber ein aktiver Spieler die Befürchtungen der Fußballfans wieder in den Fokus, der die Gegebenheiten vor Ort selbst erlebt hat.

Der Verteidiger des 1. FC Köln absolvierte am vergangenen Montag mit dem Nationalteam Sloweniens ein Testspiel in Doha gegen die Auswahl Katars. Nach seiner Rückkehr zeigt sich der 28-Jährige schockiert über das fehlende Interesse am Fußball.

"Nurch Scheichs auf Sofas im Stadion"

"Ich war nicht lange da. Aber wir sind einen halben Tag ein bisschen rausgefahren und konnten die Atmosphäre spüren. Ich kenne mich nicht mit den Hintergründen aus und kann als Fußballer viele Dinge sicher nicht beurteilen. Aber spontan habe ich mich gefragt: Wie kann man da eine WM ausrichten? Das war mein erster Gedanke", berichtet Maroh dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Die 0:1-Niederlage seiner Truppe gegen die Hausherren war für ihn nicht nur sportlich blamabel sondern auch ein stimmungstechnisches Fiasko.

"Nicht mal 100 Fans" hätten der Partie beigewohnt. "Im Stadion waren nur ein paar Scheichs, die auf ihren Sofas gesessen haben. Also wirklich: auf Sofas?", kann es der gebürtige Baden-Württemberger nicht fassen.

"Da gab es eine Tribüne und darüber Glasscheiben. Dahinter sieht man die Sofas, riesige Pflanzen und eben Scheichs, die kurz bei der Hymne applaudieren und ansonsten eher gelangweilt rumsitzen."

"Die Kinder haben alle Cricket gespielt"

Von den Kulissen in Deutschland verwöhnt, sehnte sich Maroh nach der Rückkehr ins WM-Gastgeberland von 2006. "Wenn man dort Fußball spielt, fehlt einem schon die Atmosphäre. Ich habe mich darauf gefreut, wieder nach Köln zu kommen und die Leidenschaft in unserem Stadion zu genießen", sagt er.

Zumindest was die Mannschaft Katars angeht, befürchtet Maroh keine Auswüchse, wie etwa bei der Handball-WM, als ein zusammengekauftes und oftmals als "Söldnertruppe" bezeichnetes Team für die Gastgeber antrat. "Das System ist anders. Im Fußball ist es schwerer, eingebürgert zu werden. Man darf vorher nie für eine andere Nationalmannschaft gespielt haben", meint der Slowene.

Auch außerhalb der Arena sei nichts von Begeisterung für Fußball zu spüren gewesen. Die sportlichen Präferenzen sind in Katar anders gelagert: "Die Kinder, die man gesehen hat, haben alle Cricket gespielt. Da hat keiner mit einem Ball gegen eine Wand geschossen."

"Kann mir eine WM in Katar schwer vorstellen"

Berichte über die schlechten Bedingungen für Arbeiter in Katar kannte er schon aus den Medien, auf der Länderspielreise konnte er sich aber selbst ein Bild davon machen.

"Wir standen an einer Ampel, als sie an uns vorbeigefahren sind. Es war für mich erschütternd zu sehen: Es waren keine einheimischen Arbeiter, sie lagen in Baubekleidung über die Sitze gebeugt und hatten noch Tücher umgelegt, um den Sand nicht einzuatmen. Man hat sofort gesehen: Sie waren fix und fertig."

"Man verfolgt ja auch medial, dass angeblich Arbeiter aus fremden Ländern dort für einen Hungerlohn arbeiten. Wenn man dann noch hört, dass Menschen auf den Baustellen sterben, unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten oder nicht den versprochenen Lohn bekommen, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man als Fan dort Spaß haben kann", fürchtet er auch um die generelle Stimmung bei der WM 2022.

"In Deutschland gibt es auch Leid, aber nicht so, dass Menschen unterdrückt werden. Und die WM soll Menschen ja miteinander verbinden."

Sieben Jahre vor dem winterlichen Gipfeltreffen am Persischen Golf fehlt Maroh der Glaube daran, dass Katar der geeignete Austragungsort für ein solches Event ist: "Es kann bis 2022 noch viel passieren und Katar befindet sich ja noch im Aufbruch. Stand heute kann ich mir eine Fußball-WM in Katar nur schwer vorstellen – aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren."

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