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Die Kinder des Jean-Marc Guillou

„Jean-Marc Guillou“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, wenn Yaya Toure nach seinem besten Trainer gefragt wird, „er war wie ein Vater für mich. Er war der wichtigste.“

Selbige Antwort wird man wohl von fast allen Superstars der Elfenbeinküste hören. Kolo Toure, Aruna Dindane, Arthur Boka, Gervinho, Salomon Kalou, Didier Zokora, Romaric und noch viele mehr gingen durch Guillous Hände.

Der Erfolg der Ivorer ist eng mit dem Franzosen verknüpft. Doch dieser Mann ist kein Heiliger, Kritiker werfen ihm vor, ein Kinderhändler zu sein. Er steht für die hässliche Fratze des globalisierten Fußballs.

Es war einmal in Abidjan…

Alles begann 1993, als der 17-fache Teamspieler in die Elfenbeinküste ging. Der heute 66-Jährige fädelte eine Zusammenarbeit mit dem Hauptstadt-Klub ASEC Mimosas ein und gründete in Abidjan eine Fußball-Akademie.

Wäre er in seiner Heimat geblieben, hätte er mit Dutzenden anderen Einrichtungen dieser Art konkurrieren müssen, in Afrika war Guillou aber alleine auf weiter Flur.

„Ich habe mich für Afrika entschieden, weil es hier ein unerschöpfliches Potential gibt. Vergleichbar mit Südamerika. Aber in Südamerika mischt die Mafia mit. In Afrika konnte ich alles allein aufbauen. Es war ein menschliches Abenteuer und ein wirtschaftliches“, so der Akademie-Boss im „Spiegel“.

Im Dezember 1993 sichtete er 5.000-6.000 Kinder und wählte die besten acht von ihnen aus. Sie sollten den Kern der ersten Akademie-Mannschaft bilden, nach und nach kamen immer mehr dazu.

Stets unterschrieben ihre Eltern Verträge mit dem Franzosen, der sich somit die Transferrechte der Spieler sicherte. Im Gegenzug erhielten die Kinder Training, Unterricht, Kost und Logie kostenlos. An den meisten Tagen wird zwei Mal trainiert. Auch in den Schulklassen ist alles darauf ausgerichtet, aus den Jugendlichen später einmal Profi-Kicker zu machen. Es wird viel Wert auf Fremdsprachen gelegt.

Guillou überreicht einem Schüler die begehrten Schuhe

Für Guillou war die Erntezeit gekommen. Schließlich wollten seine Investoren, darunter zu Beginn auch der AS Monaco mit Trainer Arsene Wenger, Profit sehen. Sieben bis acht Millionen sollen sie in die Fußballschule gesteckt haben.

Der Beveren-Deal

2001 wurde Guillou auf den KSK Beveren aufmerksam: „Darauf hatte ich gewartet: auf einen Klub, der sportlich und wirtschaftlich auf Hilfe angewiesen ist.“ Belgien war ideal, gab es in der höchsten Spielklasse doch keine Ausländerbeschränkung.

Der Franzose übernahm die Kontrolle des Klubs in der 46.000 Einwohner zählenden Stadt. In seiner ersten Saison bei Beveren transferierte er mit Yaya Toure, Arsene Ne, Joyelynn Pehe, Gilles Yapi und Zezeto fünf Ivorer nach Belgien.

Im darauffolgenden Jahr waren es schon sieben, 2003/04 weitere sieben, 2004/05 sogar zehn Ivorer, die folgten. Teilweise kamen alle zehn Feldspieler aus der Elfenbeinküste, wenn Beveren in der Liga antrat.

Guillou kassiert

Der Klub selbst hatte nur wenig davon. Wenn nämlich ein Afrikaner weiterverkauft wurde, strich Guillou zwischen 60 und 90 Prozent der Ablösesumme ein. Die Investoren der Akademie in Abidjan waren aber hochzufrieden, rund 200 Prozent Profit sollen sie in diesen Jahren gemacht haben.

Das Recht auf Schuhe

„Ich war zwölf Jahre alt, als ich dorthin kam“, erzählt Salomon Kalou. Seine erste Erinnerung an Abidjan: „Sie haben uns gesagt: ‚Es gibt keine Schuhe. Du musst barfuß spielen!‘“

Guillous Begründung: „Das stärkt die Muskeln und spart Geld. Und die Kinder bekommen ein noch besseres Gefühl für den Ball.“ In Kalous Fall dauerte es zwei Jahre lang, bis er sich das Recht auf Fußballschuhe erwarb.

„Man musste dafür einen Test bestehen. Wer erfolgreich war, bekam ein neues Paar Adidas, wer scheiterte, musste weiterhin barfuß spielen“, berichtet der nunmehrige Lille-Profi.

1999 warf die Akademie ihre ersten Früchte ab. Partner-Klub ASEC schockte alle Beobachter, als er im afrikanischen Super-Cup-Finale anstatt des A-Teams eine Truppe mit dem Durchschnittsalter von 17 Jahren aus Feld schickte – alles Guillous Akademiker. Die Talente zerlegten Esperance Tunis mit 3:1.

Auch die Toure-Brüder spielten unter Guillou

Teilweise nimmt das groteske Züge an. So spielten etwa acht Ivorer in der Thailänder Akademie, für deren Errichtung Arsenal eine Menge Geld beigesteuert hat.

Und einen neuen Klub hat Guillou, der im Laufe der Jahre rund 150 Spieler von Afrika nach Europa gebracht hat, auch schon. 2012 stieg der 66-Jährige beim Paris FC, einem französischen Drittligisten, ein.

„Es ist der richtige Zeitpunkt dafür. Die meisten Akademien haben zwischen 2007 und 2008 gestartet und es dauert vier, fünf Jahre, bis die Kinder 18, 19 Jahre alt sind, und auf diesem Level spielen können“, so der Mann, der so schnell wie möglich in die Ligue 1 aufsteigen will.

Drei Ivorer, drei Algerier, drei Spieler aus Mali und einer aus Madagaskar sind im Pariser Kader zu finden – alle aus dem reichhaltigen Akademie-Fundus des Franzosen. „Dieses Projekt ist viel stärker als das in Beveren“, behauptet Guillou.

Seine Investoren und er werden gewiss auch diesmal eine Menge Geld verdienen, und einige seiner Kicker zu Superstars. Doch viele andere bleiben auf der Strecke, stranden irgendwo in Europa.

Nein, Guillou ist kein Heiliger, vielmehr ein eiskalt kalkulierender Geschäftsmann. Sein Geschäft sind afrikanische und asiatische Kinder.


Harald Prantl

Auch das Nationalteam profitierte. 2006 traten die „Elefanten“ zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft an, 80 Prozent der Kaderspieler waren Absolventen von Guillous Akademie.

2006 kam es zum Bruch. Im Streit mit Partner-Klub ASEC gründete der Franzose eine neue Akademie in Abidjan, außerdem beendete er das Projekt in Belgien.

Zu diesem Zeitpunkt war die Kritik an seiner Person bereits groß. UEFA-Boss Lennart Johannson meinte, sein Geschäft sei „Kindesentführung und nichts Anderes“. Andere nannten ihn einen Menschenhändler.

„Mein Gewissen ist rein“, sagt Guillou selbst und behauptet, „ich tue mehr für den afrikanischen Fußball als die FIFA.“

Neues Projekt in Paris

Das Aus in Beveren war noch lange nicht das Aus des Franzosen. Mittlerweile hat er viele weitere Akademien gegründet – er besitzt Fußballschulen in Madagaskar, Thailand, Mali, Vietnam, Algerien, Ägypten, Ghana, Marokko, Belgien und eben der Elfenbeinküste.

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