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Die Psyche des Tormanns

Gib‘ einem Kind einen Fußball und es hat eine große Sehnsucht: Ein Tor zu schießen.

Setz‘ einen Fan in ein Stadion und er hat einen großen Wunsch: Ein Tor zu sehen.

Das Tor, das vorrangigste Ziel des Fußballs. Jeder will es, das Spiel braucht es.

Nur einer nicht. Er ist der Bösewicht in dieser Geschichte. Er ist der „Zerstörer“ der Träume. Er ist anders.

Eine besondere Spezies

Er ist Teil des Teams, trainiert aber zumeist alleine.

Er ist so gut wie nie der Held, aber oft der Sündenbock.

Er steht 45 Minuten lang mit dem Rücken zu den Fans, die ihn hassen.

Er muss sich mit dem Vorurteil auseinandersetzen, verrückt zu sein.

Er ist eine besondere Spezies. Er ist der Tormann.

Der Einzelsportler im Team

Der Unterschied des Torwarts zum Feldspieler wird schon in der täglichen Arbeit klar ersichtlich. Während Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer zumindest einen Großteil der Arbeit gemeinsam verrichten, trainieren die Keeper im Abseits, teilweise nicht einmal am selben Platz.

„Wir haben schon eine speziellere Position innerhalb der Mannschaft. Wir haben einen eigenen Trainer, wir sind etwas von der Mannschaft getrennt“, ist sich Austrias Pascal Grünwald seiner Rolle bewusst.

Thomas Gebauer von der SV Ried sieht es sogar noch ein wenig extremer: „Wir sind Einzelsportler.“

Hans Leitert, Leiter der Tormann-Ausbildung bei RB Salzburg, differenziert: „Man muss vorsichtig sein, den Sportler in eine Schublade zu stecken. Der ist ein Teamplayer, der ein Einzelsportler – so ist es nicht. Ich glaube, dass es Torhüter gibt, die sehr egoistisch erscheinen und im Umgang mit Medien und der Öffentlichkeit als sture Hunde wirken, aber einfach alles für die Mannschaft geben.“

Oft Depp, selten Held

Doch eben diese Aufopferung wird oft nicht anerkannt. Vor allem nicht von den Beobachtern der Spiele. Tolle Paraden der Keeper werden nicht selten als selbstverständlich hingenommen. Passiert aber ein Schnitzer, wird der Schlussmann verteufelt.

„Wenn du über 90 Minuten fast alles hältst, dann aber einen Fehler machst und der Ball ist drin, bist du der Depp“, weiß Alexander Walke, der mit den Salzburgern 2011/12 Meister wurde.

Praktisch umgekehrt beschreibt er die Wahrnehmung der Leistung eines Offensivspielers: „Wenn du als Stürmer 20 Mal daneben schießt, ihn aber in der 90. Minute reinhaust und die Mannschaft 1:0 gewinnt, bist du der Held.“

„Kleine Fehler wirken sich bei uns eben sofort schwerwiegend aus“, ergänzt Grünwald. Gebauer bringt es auf den Punkt: „Wir dürfen uns nichts erlauben, müssen fast perfekt sein.“

Der Druck ist riesig

Doch das Streben nach Perfektion ist eben auch eine Geschichte des ständigen Scheiterns. „Mit diesem Druck muss man umgehen können“, findet der Ried-Goalie.

Für Walke kein Problem: „Wenn man schon mit acht, neun im Tor steht und mit 25 immer noch, dann hat man sich irgendwann damit angefreundet. Entweder man kann mit dem Druck umgehen oder nicht. Wenn nicht, ist man mit 25 auch nicht mehr im Geschäft.“

Bei diesem Thema setze auch die Arbeit des Tormanntrainers an, meint Leitert: „Was ist Druck? Druck ist nicht greifbar. Es ist ein subjektives Empfinden, wenn ich einer Situation ausgesetzt bin, der ich nicht gewachsen bin. Die Aufgabe eines Trainers oder Klubs ist, die Spieler so vorzubereiten, dass sie überzeugt sind, Dinge bewältigen zu können.“

Und wie sieht es mit dem Vorurteil, ein Tormann sei verrückt, aus?

„Einen kleinen Vogel muss man schon haben, weil normal ist es nicht, was wir teilweise machen. Du darfst nie zurückziehen, weil du sonst zweiter Sieger bist“, sagt Gebauer.

Leitert ist der Meinung, dass ein guter Goalie nicht einmal besonders extrovertiert sein müsse: „Dino Zoff war kein wirklich extrovertierter Torhüter, war vielmehr die Ruhe in Person. Oliver Kahn ist und war eher extrovertiert. Ich kenne aber genug, die introvertiert sind, aber auf Top-Niveau spielen. Das ist kein K.o.-Kriterium.“

„Was ist, wenn ich einen introvertierten Torhüter habe, der nicht permanent zum Interview rennt, sondern sein Ding macht, aber komplett stressresistent, mutig und total fokussiert ist? Einer, der auch im heißesten Stadion, ganz cool und abgebrüht ist, solide Performances abliefert. Da spricht doch nichts dagegen!“

"Ganz normale Menschen"

Immer wieder als „Verrückter“ galt etwa Oliver Kahn. Doch selbst in dessen Fall relativiert Otto Konrad: „Ist einer verrückt, weil er gewinnen will? Ihm wurde es immer so ausgelegt, aber der will ganz einfach um jeden Preis gewinnen. Wenn ich drei solche Spieler in der Truppe habe, die nicht anderes im Kopf haben als den Sieg, sind das Typen, die man braucht. Der Torwart hat jedoch mehr Möglichkeiten das theatralischer auszuleben, steht oft im Mittelpunkt.“

Sie halten sich also nicht für verrückt. Wissen aber auch, dass sie oft die Deppen, aber selten die Helden sind, empfinden sich teilweise als Einzelsportler und lassen sich vom großen Druck, der auf ihren Schultern lastet, nicht beeindrucken.

Irgendwie sind sie schon eine besondere Spezies, diese Torhüter. „Abseits des Platzes sind wir aber ganz normale Menschen“, lacht Gebauer.

Harald Prantl/Kurt Vierthaler/Christoph Köckeis

Was mit der Vorbereitung auf eine Partie beginnt, hört naturgemäß mit der Nachbetrachtung auf.

Der Umgang mit der Kritik

„Wir analysieren jedes Spiel am Tag danach mit dem Tormann-Trainer. Auch wenn Fehler dabei waren, muss man das Spiel so normal wie möglich analysieren. Wenn man sich nämlich verrückt macht, wird es noch schlimmer. Wichtig ist, dass man aus den Fehlern lernt“, erzählt Gebauer.

Grünwald ergänzt: „Ich versuche, die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen, sondern dort zu lösen, wo sie sind. Ich denke schon, dass eine psychologische Unterstützung für viele ganz wichtig sein kann.“

Wäre da noch die Kritik von außen. Mit dieser könne er aber gut umgehen, meint der Tiroler: „Es ist nie schön, wenn man heftig kritisiert wird. Aber das ist genauso ein Job mancher Leute, wie es mein Job ist, die Bälle zu halten. Als Tormann bist du sowieso dir selbst gegenüber am kritischsten.“

Die Sache mit den Fans

Positionsbedingt hat der Keeper zudem während des Spiels eine besondere Nähe zu den Fans. 45 Minuten lang steht er mit dem Rücken zum harten Kern der gegnerischen Anhängerschaft.

Dass da etwas passieren kann, ist bekannt. Man erinnere sich nur an Rapid-Goalie Georg Koch, der immer noch mit den Folgen des Böllerwurfs eines Austria-Fans zu kämpfen hat.

Gebauer hat trotzdem keine Angst: „Mich spornt das an. Man stachelt sich selbst an, will keinen rein lassen. Jeder gehaltene Ball tut ihnen weh.“ Am liebsten spiele er sogar in der ersten Hälfte vor den gegnerischen Fans: „Da bin ich gleich richtig im Spiel drinnen.“

Doch die befragten Goalies erklären unisono: „Den größten Teil der Zeit nimmt man die Fans nicht wahr, ist viel zu fokussiert.“

Sind Goalies verrückt?

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