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Die Taktgeber im modernen Fußball

Rückpass zum Torwart – den Anhängern stockt der Atem. Eine Szene, die bitter peinliche Assoziationen weckt. Plötzlich schwirren Bilder verhängnisvoller Luftlöcher in den Köpfen herum.

Souverän befreit er sich, leitet gekonnt den Gegenstoß ein. Kollektive Erleichterung macht sich breit. Ihm bleibt das Schicksal einiger seiner Kollegen erspart. Er wird nicht zur Lachnummer.

Eine Reaktion mit Symbolcharakter.

Tatsächlich haften dem Mann zwischen den Pfosten jahrzehntelang bemühte Klischees an. Um ihn ranken sich zig Irrtümer, jenen vom technischen Unvermögen strapazieren Skeptiker gemeinhin am liebsten.

In der Vergangenheit fristeten selbst die Besten ihrer Zunft ein Dasein als bloße Absicherung. Einzige Aufgabe: Ball fangen und weit abschlagen. Spieleröffnung oder taktische Strebsamkeit – Fehlanzeige!

Doch von der Evolution rund um das Leder blieb der Tormann keinesfalls verschont. In der Gegenwart brilliert er durch Facetten-Reichtum. Ist Denker und Lenker. Taktgeber seiner Vorderleute.

Reform hinter der Abwehrkette

„Das Anforderungsprofil  ist unglaublich komplex geworden, obwohl es der Laie nicht mitbekam. Erst im Detail erkennt man die feinen Unterschiede in einem Sport, der schon ausgereift ist“, betont Otto Konrad, Vertrauensperson der ÖFB-Goalies, gegenüber LAOLA1.

Rückblick, April 2006: Ein Paukenschlag erschüttert das deutsche Nationalteam. Bundestrainer Jürgen Klinsmann degradiert Oliver Kahn zur Nummer zwei. Bei der Heim-WM, dem designierten Höhepunkt seiner Laufbahn, muss sich der unantastbar wirkende „Titan“ hinten anstellen. Jens Lehmann wäre moderner, so die Begründung.

Eine Argumentation, welche einen öffentlichen Diskurs über die Thematik nach sich zog. Warum soll der ewige „Schattenmann“ geeigneter sein als der dreifache Welttorhüter? Was zeichnet überhaupt einen zeitgemäßen Schlussmann aus?

Sechs Jahre danach verdeutlicht Österreichs U21-Beauftragter Franz Wohlfahrt: „Im Profi-Business ist technische Qualität erforderlich – ein Unterschied zu früher. In meiner Generation hatten die meisten Schwierigkeiten damit.“

Heutzutage könne sich jemand mit Ambition zur Weltklasse keine Defizite fußballerischer Art leisten. Andernfalls wäre er nicht sonderlich gefragt. Geschuldet sei dies dem reformierten Verhalten hinter der Abwehrkette.

„Ist er unsicher, wird es bedrohlich“

„Ein moderner Keeper hat die Pflicht, in das Offensiv-Spiel einzugreifen. Hohe Abschläge sind absolut zu wenig“, so Konrad. Der ehemalige Spanien-Legionär, dazumal hielt er zwei Saisonen bei Saragossa, ergänzt: „Er muss im Aufbau als zusätzlicher Akteur zur Verfügung stehen.“

Die Zeiten, in welchen der Torhüter dazu verdammt war, lediglich im Fünf-Meter-Raum zu verharren, sind längst vorbei. Überspitzt formuliert: Vom letzten Verteidiger erfuhr er einen Wandel zum ersten Angreifer.

Mitspielen: Nicht erwünscht - gefordert!

Der Keeper „mimt den Libero“

Um neuen Bedürfnissen zu entsprechen, wagt man bei Angriffen seiner Vorderleute weite „Ausflüge“. Die ideale Position gebe es dennoch nicht, als Richtwert nennt der langjährige Stuttgarter gleichwohl eine Distanz von rund 10 Metern außerhalb des Strafraums.

„Die Verbindung zur Abwehrreihe sollte stets vorhanden sein. Je nach Gegebenheit muss der Abstand zum Tor erweitert oder verkürzt werden. Ein fußballerisch Guter steht meistens weiter draußen, mimt den Libero. Bei Unsicheren würde die Kette automatisch tiefer stehen. Dadurch leidet die Offensive, da man den Raum zum Mittelfeld nicht schließen kann“, so Wohlfahrt weiter.

Talente werden getrimmt, mitzuspielen. Zum vertikalen gesellt sich unterdessen noch das essentielle horizontale Verschieben. Durch die Bewegung mit dem Geschehen schafft man Überzahl, und darum geht es im Fußball bekanntlich. Ebenso wird die defensive Handlungsschnelligkeit gewahrt.

Lange Pässe in die Schnittstelle der Innenverteidigung können hoch stehend entschärft, das Potenzial derlei indirekter Gefahr minimiert werden. Verständnis für das System ist dabei zwingend notwendig.

„Football brain“ notwendig

Konrad: „Es gibt Prinzipien der Raumdeckung, an die muss sich jeder Spieler halten. Der Tormann hat alles vor sich, sieht, ob sie befolgt werden. Wenn es aber nicht der Fall ist, muss er richtig reagieren.“ Bedeutet: Entweder er greift selbst ein, oder er liefert die entsprechenden Kommandos.

Der 47-Jährige statuiert mit Petr Cechs Verhalten im Champions-League-Halbfinale ein Exempel. „Das Spiel Barcelonas war relativ leicht auszurechnen. Man wusste, sie würden es halblinks und halbrechts versuchen. Er hat sensationell gecoacht, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Um das erwarten zu können, muss man den Konkurrenten verstehen.“

„Trainer verlangen Aktivität. Er sollte beidbeinig sein. Für die Spielverlagerung ist das wichtig. Er muss in der Lage sein, einen Pass über 40 Meter an den Mann zu bringen. Vor allem die gute Ballmitnahme ist unerlässlich, um Drucksituationen zu lösen. Weiß der Gegner, dass im Tor jemand steht, der technisch nicht so beschlagen ist, wird er versuchen, das zu nützen“, erörtert Wohlfahrt.

Durch konsequentes Pressing geriete der im Ballbesitz befindliche Abwehrmann unter Druck. Um sich aus der misslichen Lage zu befreien, blieben zwei Auswege: „Entweder er schießt auf die Tribüne, oder passt zurück. Der Block schiebt nach, bedrängt den Schlussmann. Ist er unsicher, wird es bedrohlich.“

Technik und Taktik – zentrale Komponenten

Nicht zuletzt deshalb stehen Einheiten außerhalb des gewohnten Territoriums an der Tages-Ordnung. Vermehrt wird in diesem Zusammenhang auf die taktische Fortbildung wert gelegt. In der „Moderne“ eine zentrale Komponente. Konrad erklärt: „Der Goalie ist derjenige, der ein Spiel langsam oder auch schnell macht. Da kann der Betreuer laut schreien, bei 50.000 Fans wird er nicht gehört.“

Als die Experten noch aktiv ihre Handschuhe überstreiften, waren Besprechungen dieser Art nicht nur  rar gesät. Sie wurden regelrecht ausgeschlossen. Inzwischen trat die Bewusstseinserweiterung ein. Zu groß sind die Vorzüge, zu vielfältig die Varianten.

„Er kann ein Spiel breit machen: Wenn die Außenverteidiger wissen, sie bekommen an der Seitenlinie einen Pass, können sie sich außen positionieren, um sofort offensiv zu werden. Genau das ist Sinn der Viererkette“, gibt Wohlfahrt zu bedenken.

Der Begriff „Torspieler“ ist in aller Munde, wurde doch das Stellungsspiel entsprechend adaptiert.

Der im englischen Jargon geläufige Begriff des „football brain“ subsumiert die Anforderungen perfekt. Antizipation, Handlungsschnelligkeit, Übersicht – all das sollte der „verkappte Libero“ in sich vereinen. Natürlich unter höllischem Druck.

„Der Fußball ist wie jeder Sport schneller geworden“, offenbart Konrad: „Die Zeit ist der mörderische Faktor.“

„Das Überraschungsmoment ist ein anderes“

Erschwerend hinzu kommt das in aller Regel außerordentliche Rüstzeug der Kreativ-Abteilungen. „Das Überraschungsmoment veränderte sich. Wenn jemand nicht beidbeinig ist, hat er international nichts zu melden. Die Superstars ziehen rechts und links ansatzlos ab. Damals wussten wir: Peter Pacult hat den Rechten nur zum Stehen und schießt links“, sinniert Wohlfahrt über die alten Zeiten.

Überdies wurde die rasante Entwicklung punkto Strafraumbeherrschung bei Flanken bemerkbar. Jene werden mittlerweile derart wuchtig geschlagen, dass sich der Schlussmann diesbezüglich sogar etwas zurücknimmt. Ein Qualitätsverlust? Mitnichten!

Für das Austria-Urgestein vielmehr die „notwendige Konsequenz“: „Es ist schlichtweg nicht möglich, hohe Bälle am Elfmeterpunkt herunter zu pflücken. Zu meiner Zeit ging das, heute kommen die mit einem anderen Tempo.“

Der Ball als „größter Feind“

Angeschnittene Flanken wurden zur Waffe, das runde Leder zum größten Feind. „Beim Spielgerät hat sich irrsinnig viel getan. Der Ball ist schwerer zu berechnen, da er eine andere Flugbahn ein- und mehr Effet aufnimmt“, begründet Konrad den „Rückschritt“ im Luftkampf.

Ein Gesetz hat weiterhin Gültigkeit: „Kommt er aus dem Tor, muss er ihn haben. Alles andere wäre ein Worst-Case.“ Trotz steigender Fehleranfälligkeit gilt es, das „Hoheitsgebiet“ abzustecken. Konsequent, wenn auch mit Abstrichen.

„Man darf sich nicht bei jedem Schmarren schmeißen. Die Gefahr besteht darin, dass die Schüsse und Hereingaben ihren Kurs verändern“, bekräftigt der 47-Jährige. „Je länger ich auf den Beinen bin, desto effizienter kann ich handeln.“

Stellungsspiel gewinnt zusehends an Signifikanz. Sowohl in der primären Funktion als Torverhinderer, wie auch der offensiven Verpflichtung als moderner Taktgeber. Entgegen aller Klischees.

Christoph Köckeis

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