"Der spielt bei Ober-Grafendorf"

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"Wir sind gefordert, die Spieler am Boden zu halten"

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„Es kribbelt schon.“

Hermann Stadler und sein U17-Nationalteam wollen zur EM in der Slowakei.

Doch vorher gilt es noch die Quali-Gruppe mit Irland (Mo., 19 Uhr, Schwechat), Serbien (Mi., 19 Uhr Schwechat) und Georgien (Sa., 15 Uhr, FAC-Platz) zu gewinnen.

„Wir brauchen drei sehr gute Tage“, sagt der Coach, der auf den verletzten Salzburg-Jungstar Valentino Lazaro verzichten muss.

Vor den Spielen hat der 51-Jährige LAOLA1 ein ausführliches Interview gegeben. Er spricht über Talente, die zu schnell zufrieden sind, einen Stuttgart-Legionär, der sich positiv gewandelt hat, und Kicker, die ihr Potenzial nicht ausgeschöpft haben.

LAOLA1: Irland, Serbien und Georgien sind die Gegner. Ist davon auszugehen, dass die Serben der härteste Brocken sind?

Hermann Stadler: Wir haben noch gegen keines der Teams gespielt, ich kenne sie nur von Video-Analysen. Aber es stimmt schon, die Serben dürften die stärksten sein. Wobei man Irland und Georgien keineswegs unterschätzen darf.

LAOLA1: Wie hoch schätzen Sie die Chancen auf den Gruppensieg und damit die Teilnahme an der Endrunde in der Slowakei ein?

Stadler: Unser Ziel ist natürlich der erste Platz. Wobei die anderen drei Mannschaften dieses Ziel ja auch haben. Wir brauchen drei sehr gute Tage, um unsere Chance zu nützen.

LAOLA1: Welche Rolle spielt bei so einem Nachwuchs-Turnier der Heimvorteil? Große Zuschauermassen sind ja keine zu erwarten…

Stadler: Es kann schon eine Rolle spielen. Das gewohnte Umfeld ist sehr positiv – man kennt die Küche, das Hotel, und so weiter. Mit ein paar Hundert Zuschauern rechnen wir schon, und wenn ein Match an der Kippe steht, können uns die schon zum Sieg treiben.

LAOLA1: Valentino Lazaro kann verletzungsbedingt nicht dabei sein. Wie sehr fehlt er?

Stadler: Extrem. Das ist ein herber Verlust. Wenn ein Spieler mit 16 Jahren gegen Rapid in der Startelf von Salzburg steht, hat er eine sehr große Qualität. Aber es bringt nichts, sich über seine Abwesenheit zu ärgern, weil das jene Spieler, die da sind, abwerten würde. Außerdem fehlen ja mit David Domej, Michael Endlicher und Emrah Krizevac drei weitere Leistungsträger. Aber wir müssen uns mit ihrem Fehlen abfinden, mit Jammern kommen wir nicht weiter.

"Früher war Adrian Grbic eine launische Diva"

LAOLA1: Mit Adrian Grbic vom VfB Stuttgart und Michael Lercher von Werder Bremen stehen zwei Spieler im Kader, die im Sommer nach Deutschland gewechselt sind. Wie haben sie sich entwickelt?

Stadler: Grbic hat sich sehr gut entwickelt – nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch. Er ist viel reifer und professioneller geworden. Seine Einstellung zum Sport ist viel besser. Früher war er eine launische Diva. Ein Genie, aber gleichzeitig auch ein Wahnsinniger. Er hat geglaubt, es reicht, auf der Mittellinie die Gurkerl zu spielen, weil die Leute das sehen wollen. Das hat er sich aber abgewöhnt, mittlerweile ist sein Spiel auf den Endzweck ausgerichtet. Lercher war immer schon ein Beißer und Kämpfer. In Bremen ist er zum Stammspieler geworden und hat sich menschlich sicher weiterentwickelt. Er hat aber noch Luft nach oben.

LAOLA1: Befürworten Sie es, dass Burschen in diesem Alter ins Ausland gehen?

Stadler: Es gibt kein Patentrezept. Ein Spieler kann sich im Ausland entwickeln, vor allem persönlich. Wenn einer aber immer Heimweh hat und damit nicht zurechtkommt, ist es zu früh, in diesem Alter schon ins Ausland zu wechseln. Es ist von Person zu Person verschieden. Wenn ich den Fall Grbic hernehme, war es sicher gut, dass er ins Ausland gegangen ist. Wir leisten jedoch in Österreich in den Akademien sehr gute Arbeit. Wenn einer erst mit 18 Jahren ins Ausland geht, ist das sicher auch kein Fehler.

LAOLA1: Bleiben wir trotzdem noch kurz bei Lazaro: Wie weit kann es für ihn nach oben gehen?

Stadler: Er ist vom Können her in seiner Altersklasse sicher einer der stärksten Spieler Europas. Wenn er verletzungsfrei bleibt und nicht abhebt – wovon ich sowieso nicht ausgehe – kann er eine große Zukunft haben. Internationales Niveau also.

LAOLA1: Auch Sascha Horvath ist schon sehr weit, trainiert regelmäßig mit den Austria-Profis. Was halten Sie von ihm?

Stadler: In seinem Fall ist es ähnlich wie bei Lazaro. Wenn einer mit 16 Jahren bei der Austria im Kader ist, noch dazu bei einer Austria mit so einem Lauf, ist das ein Zeichen von Qualität. Er hat das Potenzial, ein ganz großer Spieler in Österreich zu werden. Er ist für das U17-Team eine Top-Stütze. Ich erwarte mir bei diesem Turnier starke Spiele. Auch, weil wir in seiner Heimat, in Wien spielen.

LAOLA1: Merken Sie einen Unterschied zwischen jenen Spielern, die noch für die Akademie-Teams spielen, und jenen, die schon im Erwachsenen-Fußball dabei sind, wie etwa Nikola Zivotic und Petar Gluhakovic bei den Austria-Amateuren?

Stadler: Die sind schon abgebrühter, spielen nicht mehr so den Kinder-Fußball wie die Akademiespieler. Sie sind das Zweikampfverhalten der Erwachsenen eher gewohnt. Der Unterschied ist erkennbar, aber nicht so groß.

"Knasmüllner hat an seinem Körper viel zu wenig gearbeitet"

LAOLA1: Sie arbeiten schon jahrelang beim ÖFB, viele Spieler sind durch Ihre Hände gegangen. Gibt es welche, bei denen es Ihnen besonders weh tut, dass sie ihr Potenzial nicht ausgeschöpft haben? Ich nenne mal Christoph Knasmüllner als Beispiel…

Stadler: Das ist ein Paradebeispiel. Ich habe ihm immer gesagt: „Du hast ein hervorragendes Talent, aber du musst im Training mehr tun! Das ist zu wenig.“ Er hatte Riesenpotenzial, hat an seinem Körper aber viel zu wenig gearbeitet. Und seine Wechsel waren auch ein bisschen unglücklich. Wenn du bei den Bayern-Amateuren nicht fix spielst, dann zu Inter Mailand wechselst und in den Medien sagst, dass du dort in einem halben Jahr fix bei den Profis spielst… Christoph Mattes fällt mir auch ein. Er war ein Supertalent und jetzt spielt er bei Ober-Grafendorf. Er war in Holland bei Heerenveen und hat sich alleine von dieser Tatsache blenden lassen. Da gibt es sicher einige. Von Alexander Aschauer hat man sich auch viel mehr erwartet und jetzt ist er kein Stammspieler in Liefering. Das ist schade. Aber die meisten sind zumindest in die österreichische Bundesliga gekommen.

LAOLA1: Es gibt aber sicher auch Spieler, denen Sie ihre positive Entwicklung nicht zugetraut hätten, oder?

Stadler: Robert Zulj, zum Beispiel. Er hat sich enorm entwickelt, ist in Ried eine Fixgröße. Ihm traue ich den Sprung ins Ausland zu. Er war früher immer schön gemütlich, hatte eine lockere Einstellung. Er hat sich gewandelt und ist am richtigen Weg.

LAOLA1: Kommen wir zu einem anderen Thema: Es wird immer wieder über ein durchgängiges System aller ÖFB-Auswahlen diskutiert. Wird das in der Praxis umgesetzt bzw. wie weit ist das überhaupt umsetzbar?

Stadler: Wir haben im ÖFB alle die gleiche Philosophie. Das System ist da nicht entscheidend. Ob 4-4-2, 4-3-2-1 oder 4-3-3 – jeder Trainer kann das aufgrund der Spielertypen, die ihm zur Verfügung stehen, selbst entscheiden. Aber die Philosophie besagt: Offensiv-Gedanke, schnelle Ball-Rückeroberung, kontinuierlicher Spielaufbau. Das ist bei allen Mannschaften gleich.

LAOLA1: Abschließende Frage: Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit mit Marcel Koller vorstellen? Von der U17 ist es ja doch noch ein weiter Weg ins A-Team.

Stadler: Wir haben jedes Monat eine ÖFB-Trainer-Sitzung. Da sind von Koller über seine Assistenten bis hinunter zum U16-Teamchef und Sportdirektor Willi Ruttensteiner alle dabei. Dort werden alle Probleme und positiven Dinge angesprochen, taktische Analysen gemacht und so weiter. Wenn ich in Wien bin, bin ich öfter im Büro des Teamchefs – da sprechen wir über Gott und die Welt. Die Zusammenarbeit ist jedenfalls sehr intensiv und sehr gut.


Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Sie betreuen Spieler, die gerade zu den Amateuren hochgezogen werden und teilweise auch schon Profi-Luft schnuppern. Wie entscheidend ist diese Phase in ihren Karrieren?

Stadler: Sie sind an einem extrem wichtigen Punkt. Sie müssen jetzt den richtigen Schritt vom Nachwuchs zu den Erwachsenen machen. Jetzt ist die richtige Einstellung gefragt. Sie müssen 100 Prozent geben und dürfen nicht mit Spielen bei den Amateuren und einem Jung-Profivertrag zufrieden sein. Ich nenne die Beispiele Zivotic und Gluhakovic – sie sind von der U18 zu den Austria-Amateuren gekommen. Dort müssen sie Gas geben und spätestens in zwei Jahren zu den Profis oder einem anderen Bundesligisten kommen. Es ist wichtig, sich mit dem Erreichten nicht so schnell zufrieden zu geben.

LAOLA1: Wie schwierig ist es für die Burschen, die gerade im Begriff sind, ihre ersten Profi-Verträge zu unterschreiben, am Boden zu bleiben und sich nicht von irgendwelchen Managern verrückt machen zu lassen?

Stadler: Genau das ist der springende Punkt. Viele Spieler unterschreiben einen Jung-Profivertrag, kassieren mehr als ihre Freunde, haben das Toiletttascherl in der Hand und kriegen jeden Tag eine frische Trainingswäsche – damit sind sie zufrieden. Aber genau dann müssen sie sagen: „Jetzt gebe ich Vollgas!“ Es ist wichtig, nicht immer nur auf die Spielermanager zu hören, sondern ein Umfeld zu haben, das ihm hilft. Wir als Nationaltrainer und auch Vereinstrainer sind enorm gefordert, diese Spieler, denen es so gut geht, am Boden zu halten. Ich sage ihnen immer: „Ihr habt es selbst in der Hand. Wenn ihr euch jetzt zurücklehnt, werdet ihr alle scheitern.“

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