Taktik-Analyse: Solide, aber mit Baustellen

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Die Spannung vor dem ÖFB-Testspiel in der Ukraine war groß.

Wie werden sich die Österreicher unter Neo-Teamchef Marcel Koller präsentieren? Und wird schon eine taktische Handschrift des Schweizers erkennbar sein?

Letztlich steht nach 90 Minuten eine unglückliche 1:2-Niederlage auf dem Papier. Die LAOLA1-Taktik-Analyse lässt das Spiel noch einmal Revue passieren.

Die Handschrift Kollers – Was ist neu?

Der neue Teamchef schloss mit seiner Aufstellung an jener seines interimistischen Vorgängers Willi Ruttensteiner an. Einige Veränderungen nahm Koller aus taktischer Sicht dennoch vor:

  • Alabas Rolle in der Zentrale

Die Aufgaben zwischen den zentralen Mittelfeldspielern waren klar verteilt. Julian Baumgartlinger, der eine ausgezeichnete Partie machte (siehe Einzelbewertung), mimte den klassischen Sechser. Sein Partner David Alaba hatte die Erlaubnis, bei eigenem Ballbesitz nach vorne zu stoßen, um gemeinsam mit dem zurückhängenden Stürmer Marko Arnautovic den Raum vor der Abwehr zu besetzen. So wurde aus dem nominellen 4-4-2 bei eigenem Ballbesitz ein 4-1-3-2 oder je nach der Position von Arnautovic sogar ein 4-1-4-1. Der Bremen-Legionär ließ sich mit zunehmender Spielzeit immer öfter zurückfallen.

  • Flügel halten ihre Positionen

Gegen Kasachstan fehlte es dem österreichischen Spiel an Breite, da die Außenspieler zu oft in die Mitte zogen. Im Gegensatz dazu hielten Andreas Ivanschitz und Martin Harnik bzw. der eingewechselte Veli Kavlak diesmal ihre Positionen konsequenter. „Unsere Raumaufteilung war sehr gut“, stellte Sebastian Prödl fest.

  • Hoch stehende Abwehr und Pressing

„Wir wollen nicht abwarten, bis der Gegner Fehler macht, sondern selbst Fehler provozieren“, meinte Teamchef Koller vor der Partie. Dies gelang der ÖFB-Elf vor allem in der ersten Spielhälfte ausgezeichnet. Die Viererkette stand extremst hoch. Nicht umsonst tappten die Ukrainer gleich fünf Mal in die Abseitsfalle. Gleichzeitig betrieben Baumgartlinger und Co. immenses Forechecking. Insbesondere der Mainz-Legionär fing viele Bälle ab, wodurch die Ukrainer in der eigenen Hälfte eingeschnürt wurden. „Wir hatten viele Ballgewinne. Es ist uns gut gelungen, nach vorne zu verteidigen“, meinte Emanuel Pogatetz. Leider führte ausgerechnet der erste Konter, der nicht frühzeitig unterbunden werden konnte, zum 1:0 der Ukrainer in der 18. Minute.

Die Ukraine kontert

Oleg Blochins Mannschaft überraschte damit, dass sie nicht überraschte. Die Ukrainer spielten gegen den nominellen Außenseiter Österreich genauso wie gegen den absoluten Favoriten Deutschland: Auf Konter. Ausgehend von einem tief stehenden 4-5-1-System schwärmten die Offensiv-Spieler bei Ballgewinn in der eigenen Hälfte so schnell wie möglich Richtung ÖFB-Tor aus.

Taktische Baustellen

Das ÖFB-Team hatte über weite Strecken mehr vom Spiel. Die Ukraine war größtenteils nur über Konter gefährlich. Koller änderte vielleicht auch deswegen während der Partie nichts an der Spielausrichtung. Dennoch waren zumindest drei taktische Baustellen erkennbar:

  • Keine gefährlichen Aktionen über rechts

Bei Österreich liefen fast alle Angriffe über links. Dies lag zum einen an der Verfassung der beiden Außenverteidiger. Während Fuchs mit seinen Vorstößen, wie beim Treffer der Österreicher, permanent offensive Präsenz zeigte, funktionierte das Zusammenspiel von Franz Schiemer und Harnik überhaupt nicht. Gleichzeitig waren aber auch die zentralen Kreativzellen Alaba und Arnautovic eher auf der linken Seite zu finden, als sich rechts für einen Doppelpass anzubieten. Vier Tore und vier Assists hat Harnik in der deutschen Bundesliga schon auf seinem Konto. Es wird an Koller liegen, diese Waffe auch für das ÖFB-Team zu nützen.

Diese Grafik zeigt die Linkslastigkeit des österreichischen Spiels:

  • Wo war der letzte Pass?

„Wir haben den Ball gut laufen lassen. Was jedoch gefehlt hat, war der letzte Pass oder die entscheidende Flanke“, hielt Harnik nach dem Spiel treffend fest. Während die Spieleröffnung beim ÖFB-Team gut funktionierte, haperte es an der Kreativität im letzten Angriffsdrittel. Mit der Janko-Chance (51.) spielte das ÖFB-Team nur eine sogenannte „Hundertprozentige“ heraus. Natürlich war dafür auch die tiefstehende ukrainische Defensive verantwortlich. Hauptsächlich war die Koller-Elf über Weitschüsse gefährlich. Auch weil dafür scheinbar ein eigener Spielzug eingeübt wurde: Fuchs spielt einen flachen Pass auf Janko, der für einen Distanzschützen ablegt.

  • Anfälligkeit für Konter

Lässt ein Trainer seine Abwehr hoch stehen, so geht er damit immer ein gewisses Risiko ein, für Konter anfällig zu sein. Auch Österreich fing sich damit das 0:1 ein. In den nächsten Trainingseinheiten muss Koller dieses Risiko minimieren, will er weiterhin mit einer weit aufrückenden Verteidigung spielen. Eine schlechte Figur machte die ÖFB-Abwehr zudem auch bei schnellen Seitenwechseln der Ukrainer. Die Abwehr verschob in diesen Situationen meist zu langsam.

Fazit: Solides Koller-Debüt

64 Prozent Ballbesitz, 17:8 Torschüsse – Neo-Teamchef Koller darf trotz der 1:2-Niederlage auf ein solides Debüt zurückblicken. Sein Team wusste mit Pressing und Spielkontrolle zu gefallen. Eine erste Handschrift des neuen Trainers war zweifellos zu erkennen.

Dennoch gibt es noch einige taktische Baustellen, um die sich der Schweizer in Zukunft kümmern muss. Vor allem die offensive Lähmung der rechten Angriffsseite sollte ihm zu denken geben.

Für den Gegner aus der Ukraine scheint ein dreiviertel Jahr vor der Heim-EM nach einem Sieg gegen Österreich und einem Remis gegen Deutschland alles Eitel Wonne. Doch um bei der Europameisterschaft erfolgreich zu sein, wird das Team mehr bieten müssen, als bloß eine biedere Konter-Taktik. Für Coach Blochin gibt es deswegen noch viel zu tun.

 

Jakob Faber/Peter Altmann

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