"Wir haben nicht vergessen, was da passiert ist"

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Stille, Tristesse, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit.

Wer die ÖFB-Kicker nach der 1:2-Niederlage in Schweden persönlich erlebte, konnte hautnah nachempfinden, welch Stich ins Herz der soeben geplatzte WM-Traum für sie war.

An diesem so bitteren Fußball-Abend konnte man tendenziell noch nicht erahnen, welche Zäsur in der jüngeren Nationalteam-Vergangenheit dieser 11. Oktober 2013 in der Friends-Arena sein sollte.

Der Jetzt-erst-Recht-Effekt, den dieses aus sportlicher Sicht traumatische Erlebnis auslöste, war erst später spürbar – vielleicht schon wenige Tage danach, als man sich beim ebenso ungemütlichen wie bedeutungslosen Gastspiel auf den Färöer nicht hängen ließ und souverän mit 3:0 siegte.

Stockholm als Wendepunkt

Ganz sicher jedoch beim im November folgenden Trainingslager in Spanien, als man sich nach der Vertragsverlängerung von Teamchef Marcel Koller auf das gemeinsame Ziel EM-Qualifikation einschwor und in der Folge eine noch konzentriertere und fokussierte Herangehensweise an den Tag legte.

Das Vorhaben: So etwas wie in Stockholm, als man sich nach famoser erster Halbzeit samt Führung nicht belohnte, sollte so schnell nicht wieder passieren.

So gesehen war dieses 1:2 ein klassischer Wendepunkt.

Es ist bis dato immer noch die letzte Pflichtspiel-Niederlage – der einzige Punkteverlust seither resultiert dabei interessanterweise aus dem 1:1 im Heimspiel gegen Schweden. Alle fünf folgenden Auswärtsspiele wurden gewonnen.

Knapp zwei Jahre später hat Österreich das EM-Ticket so gut wie in der Tasche. „Es ist aufgeschoben, aber das ist kein Problem“, meinte Julian Baumgartlinger nach dem Moldawien-Spiel, „wir sind alle geduldig genug, jetzt werden wir es bis Dienstag auch noch abwarten können. Dann wollen wir es aber auf jeden Fall, denn wir wollen dieses Spiel gewinnen und es fix machen.“

„Die Rechnung ist noch ein bisschen offen“

Es wäre fraglos sehr stimmig, wenn sich ausgerechnet in der Friends Arena der Kreis schließen würde. Am Ort des letzten großen Scheiterns. Dort, wo der große WM-Traum geplatzt ist.

Die ÖFB-Kicker ziehen in unterschiedlichem Ausmaß Motivation aus dieser Gelegenheit zur Revanche.

Kapitän Christian Fuchs etwa tangiert dieser Gedanke wenig bis gar nicht. „Das ist eine gute Geschichte für euch Journalisten“, grinst der Leicester-Legionär, „ich bin kein Mensch, der so denkt, ob eine Rechnung offen ist oder nicht. Es geht einfach darum ein gutes Spiel zu machen und die drei Punkte zu holen. Was ist der Vergangenheit war, ist nicht so wichtig.“

Baumgartlinger wiederum macht keinen Hehl daraus, dass dieser Hintergedanke existiert, auch wenn er die Pleite damals versäumt hat: „Das passt eigentlich perfekt. Die Rechnung ist noch ein bisschen offen. Das hat sich jeder gemerkt. Für uns wäre es schön. Wir fahren nur mit einem Ziel hin, und das ist zu gewinnen, auch wenn ein Punkt reicht.“

Marc Janko spricht nicht von offener Rechnung, meint jedoch: „Man sieht sich immer öfter im Leben, im Sport noch öfter als man meint. Deswegen haben wir auf jeden Fall nicht vergessen, was da passiert ist.“

Arnautovic spielt immer noch Fußball

Auch Marko Arnautovic hat den damaligen Showdown nicht vergessen, schon alleine wegen seiner Roten Karte in den Schlussminuten wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit gegen Johan Elmander, die sich jedoch als schauspielerische Einlage des schwedischen Stürmers entpuppte.

Die Offensivkraft war damals nach dem Schlusspfiff untröstlich: „Ich habe so viel Wut in mir, das kann ich einem Menschen gar nicht beschreiben“, schimpfte der Stoke-Legionär damals, „wenn mir einer ein Video zeigt, dass ich schuld bin, höre ich sofort zum Fußballspielen auf.“

"Am Freitag stirbt euer EM-Traum" provozierte "Expressen"

„Die Erfahrung, die wir beim letzten Mal gemacht haben, ist, dass wir dem Team schon noch mal mitgeben: Egal, was kommt, wir brauchen Gelassenheit. Wir sind Tabellenführer und können mit unserer Qualität in Schweden bestehen. Alles andere ist Zirkus und Schauspiel, aber nichts, was uns am Platz stören würde oder behindern könnte.“

Schließt sich der Kreis?

Selbst wenn auch diesmal ein schwedisches Manöver im Busch ist: Gibt das ÖFB-Team am Platz die richtige Antwort, ist eine alte Rechnung beglichen und der Kreis hat sich geschlossen.

Oder noch viel wichtiger: Österreich ist offiziell und unumstößlich Teilnehmer der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich.


Peter Altmann

„Für mich ist das gegessen“, meint Teamchef Marcel Koller. Der Schweizer weiß jedoch, dass auch diesmal das eine oder andere Psycho-Spielchen auf seine Schützlinge zukommen könnte:

„Sie sind unter Druck, brauchen Punkte. Es könnte sein, dass wieder irgendetwas im Gange ist. Aber das können wir ohnehin nicht beeinflussen“, betont der 54-Jährige, der nicht glaubt, dass dies seine Mannschaft verunsichern könnte:

Arnautovic spielt immer noch, hat seine Revanche-Gelüste jedoch im Griff: „Wenn ich eine Rechnung offen hätte, dann mit dem Schiedsrichter, denn er hat mir die Rote Karte gegeben.“

Bezüglich der sportlichen Ereignisse wählt er mit dem nötigen Abstand einen sehr realistischen und nüchternen Zugang: „In der ersten Halbzeit waren wir überlegen, in der zweiten Halbzeit waren sie besser. Es wollte einfach nicht sein. Am Dienstag haben wir die nächste Chance. Wir können jetzt groß reden und sagen, wir wollen dort gewinnen, aber wir müssen erst Tatsachen auf dem Platz schaffen. Wir wissen es noch nicht, aber wir hoffen natürlich, dass wir ein gutes Spiel hinlegen können.“

„Ich will die Erwartungen nicht zu sehr bremsen“

Bei aller aktuellen Euphorie ist den ÖFB-Spieler bewusst, dass am Dienstag eine schwierige Aufgabe wartet. Schon im Hinspiel in Wien hätten die Schweden dem Nationalteam das Leben schwer gemacht, betont Martin Harnik.

Nun kommt für den Stuttgart-Legionär die schwierige Situation des Kontrahenten dazu, weshalb er den Ball eher flach hält:

„Wir wissen, dass die Schweden durch ihre Niederlage in Russland vielleicht nicht um ihre Qualifikation bangen müssen, aber dass sie hart dafür arbeiten müssen. Dementsprechend wird es ein schwieriges Spiel. Ich will jetzt nicht tief stapeln oder die Erwartungen zu sehr bremsen, aber nicht umsonst haben wir dort das letzte Mal trotz einer sehr guten ersten Halbzeit verloren. Wir müssen noch einmal alles herausholen, um einen Punkt oder mehr mitzunehmen.“

Koller: „Alles andere ist Zirkus und Schauspiel“

Gewarnt ist man beim Nationalteam auch vor einem möglichen Spießrutenlauf. Denn beim Thema Fußball ist in Schweden von skandinavischer Unterkühltheit nur wenig zu spüren.

In allzu guter Erinnerung ist der Empfang für das ÖFB-Team beim letzten Stockholm-Besuch. In riesigen Lettern ließ die Boulevard-Zeitung „Expressen“ die Botschaft „Am Freitag stirbt euer WM-Traum“ auf die Außenwand des Teamhotels projizieren.

Eine Prognose, die letztlich leider zutraf.

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