"Spielphilosophie muss im ÖFB durchgängig sein"

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Willi Ruttensteiner schlüpft ab Montag in Bad Tatzmannsdorf in jene Rolle, die er schon vor sechs Jahren bekleidet hat.

Damals verlor die österreichische Nationalmannschaft mit dem Oberösterreicher als Interimsteamchef in England 0:1 und besiegte anschließend Nordirland 2:0.

Diesmal müssen aus den abschließenden EM-Quali-Partien in Aserbaidschan und Kasachstan möglicherweise mehr als drei Punkte her, damit Ruttensteiners Ziel, Platz vier zu halten, erreicht wird.

Mit der APA sprach der 48-jährige, hauptberufliche ÖFB-Sportdirektor nicht nur über die Siegchancen beim Osttrip, sondern unter anderem auch über seinen Vorgänger Dietmar Constantini und seine eigenen Teamchef-Ambitionen.

Frage: Wie sehen Ihre Erwartungen vor den Spielen gegen Aserbaidschan
und Kasachstan aus?

Wili Ruttensteiner: Es werden zwei sehr schwere Spiele. Uns erwartet ein Fight mit hoher Einsatzbereitschaft der Gegner. Wenn da der nötige Respekt nicht da ist, werden wir eine böse Überraschung erleben.

Frage:  Wie wird die Vorbereitung ablaufen?

Ruttensteiner: Die Spieler haben ihre Klub-Partien an unterschiedlichen Tagen, daher muss am Montag mit mehreren Trainern stark differenziert trainiert und gut regeniert werden. Dann haben wir zwei Tage Zeit, am Spiel in der Offensive und Defensive zu arbeiten. Ich habe mir die Schwerpunkte herausgearbeitet, die ich der Mannschaft vermitteln will, die aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Viel Zeit haben wir nicht, aber bei Nationalspielern geht man davon aus, dass sie Dinge in kürzester Zeit verstehen und umsetzen können.

Frage: Mit welchem System werden Sie spielen?

Ruttensteiner: Im heutigen Fußball ist oft das 4-4-2 die Basis, man kann aber nicht mehr sagen, dass man dieses System in Offensive und Defensive spielt. Es ist komplexer geworden. Man legt fest, wie die Mannschaft verteidigt, wie sie umschaltet, wie sie in der Offensive agiert. Ich will den Spielern eine genaue Vorstellung über die Ordnung in der Defensive und über die Offensivaufstellung geben.

Frage: Was hat sich an Ihrer Rolle im Vergleich zur interimistischen Tätigkeit vor sechs Jahren geändert?

Ruttensteiner: Auch damals war die Trainingskonzeption und Taktik in meinem Bereich. Andreas Herzog hat mich auf dem Platz und vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit wahnsinnig entlastet und viel Druck von mir genommen. Jetzt ist es mit Manfred Zsak und Franz Wohlfahrt eine ähnliche Ausgangssituation.

Frage: Genießen Sie es, derzeit viel stärker in der Öffentlichkeit zu stehen als in der Position des Sportdirektors?

Ruttensteiner: Es ist für mich vor allem eine Ehre, die Nationalmannschaft trainieren zu dürfen. Das sind die besten Spieler Österreichs. Auf der anderen Seite ist es eine undankbare Aufgabe. In Aserbaidschan und Kasachstan zu gewinnen und den vierten Platz zu halten, ist normal, aber wenn man dort verliert, ist man der Blamierte. Ich springe jetzt ein, weil es die Situation erfordert, und darauf bin ich vorbereitet. Ich bin über zehn Jahre als FIFA- und UEFA-Instruktor unterwegs, bin bei sämtlichen internationalen Konferenzen, bin auf den Plätzen, reflektiere die Spiele der Nachwuchs-Nationalmannschaften, bin sechs bis acht Jahre international in der Spielbeobachtung. Ich weiß, was passieren kann, ich kenne alle Gefahren und ich glaube, dass ich eine Top-Arbeit abliefere."

Frage: Sehen Sie die nächsten Spiele auch als persönliche Chance?

Ruttensteiner: Damit beschäftige ich mich nicht. Ich möchte alle Aspekte mit hoher Qualität abdecken und auf den Lehrgang optimal vorbereitet sein. Das Urteil darüber überlasse ich anderen. Für mich ist der Reiz, mir selbst etwas zu zeigen und nicht der Öffentlichkeit. Mein Anspruchsniveau ist es, dass ich als Sportdirektor in einer Notsituation des ÖFB die fachliche Qualität besitze, die Nationalmannschaft zu führen, und das habe ich in den zwei Spielen vor sechs Jahren schon bewiesen.

Frage: Das ÖFB-Team war von einer EM-Teilnahme weit entfernt.
Inwieweit fällt dieses Scheitern auch in Ihren Verantwortungsbereich?

Ruttensteiner: Auf Sicht ist die Verantwortung nicht nur auf den Teamchef abzuwälzen, das wäre unfair. Ich hätte mich oft gern bei der
Nationalmannschaft mehr eingebracht, das war aber nicht möglich. In der Struktur des ÖFB ist der Sportdirektor derzeit beratend. Der Nationalmannschaftsbereich ist ein eigener Bereich. Da kann man sich nur so weit einbringen, so weit es der Teamchef zulässt. Meine Dienstbeschreibung ist, für die Nachwuchskonzeption und Beratung beim
Team verantwortlich zu sein, aber dort nichts zu entscheiden.

Frage: Haben Sie Ihrer Meinung nach trotzdem Fehler gemacht?

Ruttensteiner: Es gibt sicher Dinge im Kinder-Fußball, im LAZ- oder
Akademiebereich, bei denen man nachher draufkommt, dass man etwas
hätte besser machen können. Vielleicht hätte man auch beim Challenge-Projekt härter durchgreifen sollen.

Frage: Würden Sie sich mehr Einfluss im A-Team wünschen?

Ruttensteiner: Mit einer besseren Struktur könnte die Zusammenarbeit effektiver sein.

Frage: Geht die geplante Strukturreform in diese Richtung?

Ruttensteiner: Meine Meinung ist - unabhängig von meiner Position -, dass eine Durchgängigkeit von unten nach oben und von oben nach unten gegeben sein muss, was die Spielphilosophie betrifft. Im Nachwuchsbereich gibt es diese Durchgängigkeit. Ich glaube aber, dass es fachlich nicht richtig ist, wenn ein A-Teamchef dann ganz etwas anderes macht. Ich nehme das Beispiel Karel Brückner her. Ich sage nicht, dass es schlecht war, was er gemacht hat, aber er ist gekommen und hat seine Philosophie hingesetzt. Ich fände es besser, es gibt eine Philosophie bis ganz oben. Wenn ein Teamchef macht, was er glaubt, verändert er entweder von oben alles nach unten oder das von unten dringt nicht nach oben. Wenn wir die Durchgängigkeit von oben hätten, würden wir ständig die Philosophie ändern. Die andere Möglichkeit wäre, dass das Konzept von unten nach oben geht, und verschiedene Teamchefs bekleiden das Amt innerhalb dieser Grundprinzipien.

Frage: Und diese Grundprinzipien legen Sie fest?

Ruttensteiner: Da genügt eine Person nicht. Das müsste über die gesamte Führung, das Präsidium des ÖFB gehen.

Frage: Ist das Präsidium überhaupt das richtige Gremium für solche Entscheidungen?

Ruttensteiner: Die Mitglieder haben sportpolitische Entscheidungen zu treffen und müssen sie verantworten, haben sich aber noch nie herausgenommen, ein fachliches Konzept zu kreieren. Mich stört bei der hauptberuflichen Arbeit niemand.

Frage: In Ihrer Arbeit als Interims-Teamchef haben Sie Constantini gelobt, gleichzeitig aber auch Ivanschitz und Spry zurückgeholt und mit Stranzl und Garics Kontakt aufgenommen. Wie passt das zusammen?

Ruttensteiner: Constantini hat junge Spieler herangeführt und geholfen, dass sie über das Nationalteam ins Ausland gekommen sind. Er hat viel aufgebaut, aber es waren eben keine Ergebnisse da. Ich sehe meine Maßnahmen nicht als Bruch. Meine Aufgabe ist es auch, die Situation für den neuen Teamchef aufzubereiten und mit allen Spielern Kontakt aufzunehmen.

Frage: Wieso hat es die verstärkte Kommunikation nicht schon vor Monaten gegeben?

Ruttensteiner:
Die Spieler der Nationalmannschaft fallen in die Kompetenz des Teamchefs. Wenn mir ein Teamchef sagt, ich soll mit einem Spieler ein Gespräch führen, sitze ich schon im Flugzeug. Ohne Auftrag des Teamchefs aktiv zu werden, war für mich nicht möglich.

Frage: Steht eine gute Kommunikationsfähigkeit im Anforderungsprofil für den neuen Nationaltrainer?

Ruttensteiner: Das ist eine Frage nach dem neuen Teamchef, und zu diesem Thema beantworte ich derzeit keine Fragen.

Frage: Würde Sie es nicht selbst reizen, längerfristig Teamchef zu sein?

Ruttensteiner: Meine Arbeit als Sportdirektor ist noch nicht abgeschlossen. Wenn in den nächsten Jahren Erfolg da ist, würde mich die Trainertätigkeit sehr interessieren. Denn alles, was ich mir angeeignet habe, möchte ich dann schon im Profi-Bereich umsetzen.

Frage: Was verstehen Sie unter Erfolg?

Ruttensteiner: Wir haben Zwischenziele in allen Bereichen erreicht, aber eine U21-EM-Teilnahme und eine sportliche Qualifikation für ein Turnier mit dem A-Team fehlt. Wenn das erreicht ist, könnte ich sagen, meine Arbeit ist bis zu einem gewissen Grad beendet. Dann kann man sich neu orientieren, die Herausforderung suchen, einen Club zu betreuen, eine Nationalmannschaft - Nachwuchs oder A-Team - oder eine Tätigkeit im Ausland. 2016, wenn eine EM mit 24 Mannschaften gespielt wird, ist sicher ein Punkt, an dem man resümieren kann.

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