Personelles Erdbeben nach dem Ludwig-Abgang?

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Den ÖFB erwartet ein aufregendes Jahr – und das nicht nur wegen der EURO 2016.

Große Umstrukturierungen stehen an. Der Wartungserlass zwingt den Verband, das Nationalteam und die damit verbunden Wirtschaftsleistungen bis 1. Jänner 2017 in eine Kapitalgesellschaft auszulagern.

Die Gefahr dabei: Laufen die Umstrukturierungen in die falsche Richtung, ist der langfristige Erfolg des Nationalteams bedroht. Nicht zuletzt deswegen, weil die Zukunft von Protagonisten des Aufschwungs auf dem Spiel steht.

Das Timing für einschneidende Veränderungen ist dennoch ein günstiges.

Ludwig-Abgang bietet Chance

Generaldirektor Alfred Ludwig verabschiedet sich nach der EM in Frankreich in die Pension. Schon lange, seit drei Jahrzehnten, ist der Machtmensch der Strippenzieher des Verbandes. Eine Modernisierung erscheint längst überfällig. Diese Chance bietet sich nun.

Es geht in den kommenden Wochen und Monaten vor allem darum, den Fußballbund zukunftsfit zu machen.

 „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, führt ÖFB-Präsident Leo Windtner die Eigenmotivation, mit den Strukturen up to date zu bleiben, an: „Tatsache ist, dass sich das Umfeld so rasant weiterentwickelt, dass man nach fünf, sechs Jahren sofort wieder daran schreiten muss, die Organisationen und die Strukturen dieses Umfelds anzupassen.“

In seinen 21 Jahren als CEO der Energie AG hatte Windtner schon neun Adaptionen der Unternehmens-Strukturen zu verantworten. Dabei hat es der Oberösterreicher stets abgelehnt, zuerst über Namen und erst danach über Inhalte zu diskutieren. Im LAOLA1-Interview empfindet er diese Herangehensweise als typisch österreichisch.

„Ich werde nicht auf Zuruf agieren“, stellt der 65-Jährige in aller Deutlichkeit klar und verspricht, zuerst professionelle Strukturen aufsetzen und erst danach über geeignete Kandidaten für die neu geschaffenen Führungspositionen diskutieren zu wollen.

Ludwig-Ziehsöhne als Erben?

Nun ist Windtner zwar der Boss des ÖFB, jedoch nicht dessen einziger Entscheidungsträger. So gesehen ist in diesem Zusammenhang umso interessanter, dass die Namen der geplanten Chefs bereits durchgesickert sind, bevor der Restrukturierungsprozess so richtig ins Laufen gekommen ist.

Und zwar handelt es sich dabei um Bernhard Neuhold, aktuell Direktor für Organisation und Finanzen, der die Leitung der neu zu gründenden ÖFB Wirtschaftsbetriebe GmbH übernehmen, sprich der neue starke Mann rund um den Profibetrieb sein soll.

Sowie um den derzeitigen Direktor für Recht und Administration, Thomas Hollerer, der die Geschäfte im Trägerverband ÖFB verantworten soll.

Pikant dabei: Beide gelten verbandsintern als Ziehsöhne von Alfred Ludwig.

Von links nach rechts: Ludwig, Neuhold, Hollerer, Ruttensteiner

Dass andere Leute Namen transportieren, könne er nicht verhindern, betont Windtner. Er selbst wolle sich an diesem Namedropping nicht beteiligen.

Aus gutem Grund. Denn rein objektiv gesehen macht es auch keinen Sinn, sich auf die neuen Chefs zu einigen, bevor die neue Struktur beziehungsweise ihre endgültigen Aufgabengebiete ausverhandelt sind, sprich bevor überhaupt feststeht, ob die jeweiligen Kandidaten überhaupt die notwendige Qualifikation für bis dato noch nicht endgültig definierte Jobs mitbringen.

Optionen eines Struktur-Prozesses

An dieser Stelle erscheint es von Bedeutung, näher auf die bereits feststehenden Pläne beziehungsweise auf einige Optionen des aktuell im ÖFB stattfindenden Prozesses einzugehen.

  • Die bereits bestehende AFM GmbH  (Austrian Football Marketing) geht in die ÖFB Wirtschaftsbetriebe GmbH über und wird um die Profibereiche erweitert. Derzeitiger Geschäftsführer der AFM ist Alfred Ludwig.

Zudem gilt es die Zuordnung folgender Beteiligungen zu klären:

  • ASM (Austrian Sportstravel Management) – die AFM hält 50 Prozent der Anteile an diesem Joint Venture mit der Hogg Robinson Austria GmbH. Alfred Ludwig ist einer der beiden Geschäftsführer.
  • Fußballösterreich Spielbetriebs und Vermarktungs GmbH – der ÖFB ist als Gesellschafter mit 50 Prozent beteiligt, die weiteren 50 Prozent gehören der Bundesliga beziehungsweise den Landesverbänden. Geschäftsführer ist Franz Hansbauer.

Daneben besteht der ÖFB weiterhin als hoheitliche Instanz, die wirtschaftlichen Agenden werden indessen von der Wirtschaftsbetriebe GmbH wahrgenommen.

Auch U21 und Cup wandern in Kapitalgesellschaft

Aus einem Gutachten der KPMG, das sich mit den steuerlichen Optimierungsmöglichkeiten dieser notwendigen Umstrukturierung befasst, und das LAOLA1 vorliegt, geht hervor, dass „der Betrieb der Nationalmannschaften betreffend das A-Team und die U21 auszugliedern sind, da hier die wesentlichen Betragsgrenzen für Profisportler aktuell bzw. zukünftig überschritten werden.“

Zudem könne festgehalten werden, dass „aus umsatzsteuerlicher Sicht die Eingliederung des ÖFB-Cup-Bewerbes in die steuerpflichtige Wirtschaftsbetriebe GmbH gegenüber der Eingliederung in den gemeinnützigen Verein vorzuziehen ist.“

Auch Sparten wie Ticketing oder Hospitality dürften in die GmbH wandern, während neben den Nachwuchs-Nationalteams auch das Frauen-Nationalteam beziehungsweise die Frauen-Bewerbe (Bundesliga, Ladies-Cup) sowie der Breitensport im ÖFB bleiben.

So weit, so unspektakulär – die Ausgliederung des Profibetriebs in eine Kapitalgesellschaft ist erstens ohnehin nur die Anpassung an geltendes Recht und zweitens ein notwendiger Schritt in Richtung moderner Unternehmungsführung. Profi-Fußball-Vereine sind längst mittelständische Unternehmen, genauso trifft dies auf den ÖFB (Jahresbudget etwa 25 Millionen Euro) zu.

Ruttensteiner eine der „Kardinalsfragen“

Dennoch ergeben sich drängende Fragen. Zum Beispiel: Wo wird in Zukunft der Sportdirektor samt seiner Abteilung angesiedelt?

In den Wirtschaftsbetrieben, wo er als Leiter der Profisportabteilung, also unter anderem als Chef des Teamchefs, agieren würde? Im „Verein“ ÖFB, in dem die Nachwuchsabteilung verbleibt, die bekanntlich ein Steckenpferd von Willi Ruttensteiner ist?

Oder ein Mittelweg, in dem Ruttensteiner für beide Sparten arbeitet und direkt dem Präsidium oder einem etwaig zu bestellenden Aufsichtsrat unterstellt ist? Letztere Denkvariante hat LAOLA1 grafisch aufbereitet:

Fakt ist: Derzeit ist Ruttensteiner neben Neuhold, Hollerer und dem Direktor für Medien und Kommunikation, Wolfgang Gramann, einer von vier gleichwertigen Direktoren im ÖFB, die auf der Ebene unter Generaldirektor Ludwig die Geschicke des Fußballbunds leiten.

Eine Eingliederung der derzeitigen Sportdirektion in die ÖFB Wirtschaftsbetriebe GmbH wäre somit zumindest am Papier ein Machtverlust für Ruttensteiner, sollte in diesem Szenario tatsächlich Neuhold zu seinem Chef avancieren.

Sofern Ruttensteiner dem ÖFB überhaupt erhalten bleibt. Der Vertrag des Oberösterreichers läuft aus, verbandsintern soll er nicht ausschließlich von Freunden umgeben sein. Windtner ist jedoch, wie er im LAOLA1-Interview bekundet, fest entschlossen, den 52-Jährigen zu halten und das mögliche Worst-Case-Szenario zu verhindern, nämlich Teamchef Marcel Koller und Ruttensteiner zu verlieren.

Wo Ruttensteiner, sollte er bleiben, als Sportdirektor angesiedelt wird, ist laut ÖFB-Boss „eine von mehreren Kardinalsfragen im Zusammenhang mit der Neustrukturierung.“

Die ÖFB-interne Arbeitsgruppe

Mit der Beantwortung dieser Fragen betraut ist eine ÖFB-interne Arbeitsgruppe, der laut LAOLA1-Informationen folgende Herren angehören:

  • Horst Lumper (Präsident des Fußball-Verbandes Vorarlberg)
  • Wolfgang Bartosch (Präsident des Fußball-Verbandes Steiermark)
  • Sepp Geisler (Präsident des Fußball-Verbandes Tirol)
  • Gerhard Milletich (Präsident des Fußball-Verbandes Burgenland)

Auch Windtner nimmt an diesen Sitzungen teil. Geleitet wird die Gruppe dem Vernehmen nach von Geisler – im Zivilberuf Richter, also nicht per se ein Job, in dem Wirtschafskompetenz Grundvoraussetzung ist.

Bis zum kommenden Jahr will man, mit Hilfe externer Expertise wie etwa jener der KPMG, neue Strukturen vorlegen.

Auf deren Inhalt, und letztlich auch auf die personelle Besetzung der Führungspositionen, darf man bereits gespannt sein.

Zu lange Stillstand abseits der sportlichen Fortschritte

Ein Name wird darin nicht mehr auftauchen, und zwar jener von Alfred Ludwig.

Für seine Freunde ist er der „Mister Fußball in Österreich“, weniger Wohlgesonnene würden ihn als autoritären Alleinherrscher des ÖFB-Büros im Happel-Stadion bezeichnen.

Wie die Fassade des „Erfolgsfunktionärs“ Gigi L. überhaupt bröckelt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in von Ludwig verantworteten Bereichen zu lange Stillstand herrschte und man so in der Entwicklung mit den von Koller und seiner Crew orchestrierten sportlichen Fortschritten nicht mithalten konnte.

Beispiel Merchandising. Der „Standard“ arbeitete im Juni die „stiefmütterliche Behandlung“ dieses Sektors heraus. 2014 habe der ÖFB auf diesem Gebiet lediglich 170.000 Euro verdient – ein durchaus bescheidendes Ergebnis. Seit diesem Spätsommer ist es immerhin möglich, ein mit einem Spielernamen versehenes Trikot zu ordern (allerdings selbst innerhalb von Wien mit einer Versandgebühr von 10 Euro) – ob man diesbezüglich jahrelang einen „Trend“ auf dem Fanartikel-Sektor verschlafen hat, sei dahingestellt. Laut „Standard“ wurden in der Vergangenheit nur um die 1500 Trikots pro Jahr abgesetzt – das Potenzial war wohl auch schon vor dem aktuellen Boom höher.

Ludwig gibt Abschied zu Protokoll

Im selben Text bestätigte Ludwig, dass er spätestens nach der EM in Pension gehen und in Zukunft lieber mit seinen Enkerln spielen wolle. Seither bekräftigte er diese Absicht mehrmals.

Ob Ludwig wirklich aufhört und nach Jahrzehnten an den Schalthebeln der rot-weiß-roten Fußball-Macht tatsächlich von einem Tag auf den anderen loslassen kann?

Kenner der Szene bezweifelten dies lange Zeit. Optionen, etwa eine Funktion in einem etwaigen Aufsichtsrat, gebe es. Auch die Vermutung, er möchte sich nur zum Bleiben bitten lassen, etwa von seinen jahrelangen Wegbegleitern seines früheren Arbeitsgebers „Kronen Zeitung“, stand im Raum.

Auszuschließen ist nichts, wahrscheinlich ist dieses Szenario nach derzeitigem Stand jedoch nicht. Ludwig scheint es mit seiner Abschiedsankündigung ernst zu sein.

Dies geht auch aus einem Protokoll der ÖFB-Präsidiumssitzung vom 26. Juni im Schlosshotel Mondsee, das LAOLA1 vorliegt, hervor. Darin ließ der 65-Jährige unmissverständlich bekräftigen:

„Ludwig teilt mit, er werde im Jahr 2016 endgültig in Pension gehen. Für diese Entscheidung gebe es niemals einen guten Zeitpunkt, aber der verpflichtend umzusetzende Wartungserlass biete nunmehr die Möglichkeit, die Verantwortung entsprechend aufzuteilen. Die mögliche Qualifikation des Teams für Frankreich ist in diesem Zusammenhang ein Glücksfall. Mit 66 Jahren ist es Zeit, die Führung in jüngere Hände zu legen. Er habe das Glück gehabt, mit der WM 1982 zu beginnen und könne allenfalls mit der EM 2016 seine Tätigkeit beenden.“

Ludwig-Ankündigung mit Sprengkraft

Aus der möglichen Qualifikation wurde inzwischen eine tatsächlich realisierte. Ludwig liegt vermutlich wenig daran, wortbrüchig zu werden und diese klar formulierte Ankündigung zurückzunehmen. Schließlich sei nicht nur das Erreichen des Pensionsantrittsalters ein Motiv für diesen Schritt. Auch die private Komponente spiele eine wichtige Rolle, wie aus dem Protokoll weiters hervorgeht:

„Auch habe er stets den Beruf vor die Familie gestellt, das will er aktuell nun umdrehen. Sollten aber mediale Untergriffe weiter anhalten, und seine Privatsphäre oder Familie angegriffen werden, werde er sofort um einvernehmliche Auflösung des Dienstverhältnisses ersuchen.“

Eine Ankündigung mit gewaltiger Sprengkraft.

Dass es zur Detonation kommt, ist indessen unwahrscheinlich. Der begnadete Netzwerker Ludwig ist, vorsichtig formuliert, in der Medienlandschaft nicht gerade von Feinden umzingelt, weshalb „Untergriffe“, wie er es nennt, maximal die Ausnahme von der Bewunderungs-Regel sind – noch dazu gegen seine Familie. So tauchte beispielsweise der Umstand, dass sein Sohn Markus Ludwig in der AFM als Assistent beschäftigt ist, bis dato keineswegs im medialen Rampenlicht auf.

So gesehen kann man sich voll und ganz auf die letzten Monate des Wirkens von Ludwig Senior konzentrieren. Dieser ließ abschließend im Protokoll festhalten:

„Ludwig stellt klar, er strebe nach seiner Pensionierung auch keine andere Tätigkeit im ÖFB an.“

Auswirkungen auf Koller-Entscheidung?

Fazit: Der Weg zur EM nach Frankreich wird also von diversen Personalrochaden begleitet. Möglich ist, dass sich bis auf den Abgang Ludwigs in die Rente trotz Umstrukturierung personell nur wenig ändert.

Mangelnde Sensibilität bei der Ausarbeitung der Job Description beziehungsweise der Besetzung diverser Posten könnte jedoch auch ein Erdbeben auf dem Personalsektor nach sich ziehen.

Nicht nur die Personalie Ruttensteiner betreffend. Auch von Koller weiß man, wie viel wert er auf sein bestens funktionierendes Team ums Team legt.

Will der Schweizer sowieso eine neue Herausforderung annehmen, lässt sich dies wohl kaum verhindern. Scheitert eine mögliche Vertragsverlängerung jedoch am Umstand, dass er zu viele Fachkräfte mit fairem Anteil am derzeitigen Erfolg verliert, ließe sich das der Öffentlichkeit kaum verkaufen.

So oder so: Den ÖFB erwartet ein aufregendes Jahr.


Peter Altmann/Jakob Faber

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