"Es läuft rund, aber das ist auch eine Gefahr"

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2015 ist in Fußball-Österreich nicht jenes Jahr, in dem der Realismus Hochkonjunktur hat, zumindest wenn es um das Nationalteam geht.

Und dagegen ist im Grunde genommen wenig einzuwenden. Die Freude über das Erreichte ist nur allzu verständlich.

Erstmalige Qualifikation aus eigener Kraft für eine EM, das als Gruppensieger, raketenartiger Aufstieg in der FIFA-Weltrangliste, das alles als Resultat einer beispiellosen Siegesserie in Pflichtspielen – die rot-weiß-rote und die rosarote Brille bieten derzeit denselben Blick auf ein euphorisiertes Umfeld.

„Das ist auch absolut gerechtfertigt! Da führt gar kein Weg daran vorbei. Aber man darf sich davon nicht blenden lassen“, betont Sebastian Prödl.

Die Stimme der Vernunft

Stimmen der Vernunft, die einen nüchternen Zugang wählen, findet man derzeit selten, und am ehesten noch innerhalb der ÖFB-Familie selbst.

Auch der Watford-Legionär genießt den aktuellen Höhenflug des Nationalteams. Gleichzeitig ist er jedoch froh, dass er nach dem 4:1-Triumph in Schweden direkt von Stockholm zurück nach London gereist ist:

„Es war vielleicht ganz gut für mich, die ganze Euphorie um die Nationalmannschaft nicht so extrem mitzubekommen, weil ich dadurch ganz einfach ein bisschen anders zu diesem Lehrgang angereist bin.“

In Zeiten des Erfolgs werden – nicht nur im Sport – oft die größten Fehler gemacht. Und genau dieses Schicksal will sich die ÖFB-Elf unbedingt ersparen. Entsprechend konzentriert präsentiert man sich im Vorfeld der Partien in Montenegro und gegen Liechtenstein und holt sich die Motivation aus Bonuszielen wie Topf zwei bei der EM-Auslosung.

Die interne und die externe Wahrnehmung

„Wenn du etwas geschafft hast und dann lässt du irgendetwas schleifen, stehst du im November da, hast ein Länderspiel und weißt nicht so recht, wo du stehst, obwohl du zur EURO fährst. Deshalb sind diese Spiele ein sehr guter Test für uns selbst – mit einem großen Hintergrund, denn Topf zwei wäre für die EURO sehr viel wert“, verdeutlicht Prödl.

Aber interne und externe Wahrnehmung gehen nun mal oft nicht Hand in Hand. Selbst in seinem Freundes- und Bekanntenkreis wäre er zuletzt immer nur auf die Abschlussfeier gegen Liechtenstein angesprochen worden, jeder sei bereits in Party-Laune, zum Montenegro-Spiel hätte ihn niemand gefragt.

Dabei sei Montenegro angesichts der Ausgangsposition, dass der Kontrahent unbedingt gewinnen muss, „die perfekte Vorbereitung auf die EURO, da sie ein Endspiel haben. Das kann dir in der Gruppe bei der EURO genauso passieren, dass du am zweiten Spieltag gegen eine Mannschaft spielst, die ein Endspiel hat. Es kann auch dein eigenes Endspiel sein. Das sind die perfekten Rahmenbedingungen.“

Der Steirer ist neben Martin Harnik, Christian Fuchs und György Garics eines von vier aktuellen Kadermitgliedern, das 2008 bei der Heim-EURO zum Einsatz gekommen ist.

Prödls Gänsehaut-Feeling

Die fehlende Turniererfahrung auf A-Team-Niveau ist im Hinblick auf das Großevent in Frankreich verglichen mit anderen Nationen vielleicht eines der größten Defizite der aktuellen ÖFB-Helden.

Ein Manko, das man zumindest nicht unterschätzen sollte.

In Stockholm hat dies bereits bestens geklappt. Spiele öfter früher zu entscheiden und sich somit Stress zu ersparen, ist so gesehen ein Punkt auf der Liste, allerdings kein leicht zu erreichender, wie Marc Janko verdeutlicht:

„Das sind Attribute, die eine Weltklasse-Mannschaft hat, da sind wir aber noch einen Schritt entfernt. Das liegt auf der Hand, das wissen wir alle. Diesbezüglich werden immer die Deutschen genannt, weil sie solche Partien extrem souverän runterspielen, auch einmal Tempo rausnehmen und ein gewisses Gleichgewicht in der Mannschaft haben. Bei uns waren im Endeffekt alle Spiele, die entscheidend waren, sehr knapp.“

Es gibt noch keine Garantie, dass wir auf diesem Level bleiben“

Für den Stürmer wiederum ist ein anderer Entwicklungsschritt ein ebenso wichtiger: „Weil ich Offensivspieler bin, sehe ich natürlich, dass wir noch kaltschnäuziger werden und weniger Chancen auslassen können.“

Wenn eine Mannschaft trotz euphorisierten Umfelds weiß, dass sie noch nicht am Zenit ist, sondern noch To Dos auf ihrer Agenda hat, ist dies zumindest kein schlechtes Zeichen.

„Die meisten haben überhaupt keine Erfahrung. Ich habe zwei EM-Spiele absolviert, da ist die Frage, ob man überhaupt von Riesenerfahrung sprechen kann. Aber ich habe natürlich das Prozedere im Vorfeld miterlebt und weiß, welch eine eine Euphorie entsteht, welche Spannung aufgebaut wird. Wobei man sagen muss, dass unsere Mannschaft in einem anderen Zustand ist, als sie es 2008 war, also ist es schwer zu vergleichen“, erklärt Prödl.

An seine Kollegen, die in Frankreich Neuland betreten werden, kann der 28-Jährige seine Erfahrungen und Eindrücke von 2008 dennoch weitergeben. Und das Heim-Turnier hat fraglos bleibende Spuren in seinem Gedächtnis hinterlassen.

„Sehr aufregend, etwas ganz Neues, wenn man es noch nicht erlebt hat. Ich war damals 20 und die österreichische Liga gewohnt. Wenn ich aus Deutschland komme und eine EURO spiele, ist es etwas anderes. Auf einmal bist du bei der EURO und am Weg zum Stadion wirst du von 50.000 Fans empfangen. Bei jedem Training werden die Zäune hoch gefahren, weil keiner ein Foto machen darf, damit alles geheim bleibt. Es ist alles sehr komprimiert und hochkonzentriert. Du erlebst das Erlebnis Fußball ganz anders. Drucksituation, Spannung, Erwartungshaltung, Interesse – alles ist viel höher. Wenn man es erlebt hat, ist es ein anderes Kribbeln, ein anderes Einlaufen, selbst die Hymne singt man anders – ich kriege gerade fast eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es ist einfach richtig geil!“

Es gibt noch genug zu verbessern!“

Auf dieses Gänsehaut-Erlebnis darf sich die Mannschaft nun acht Monate lang freuen und mit ihr ganz Fußball-Österreich. Dennoch bleibt auf dem Weg bis nach Frankreich noch viel zu tun, auch wenn dies derzeit bisweilen vergessen wird.

„Es ist alles sehr rund gerade“, meint Prödl und warnt: „Aber das ist natürlich auch eine Gefahr, wo man vorsichtig sein muss, dass nicht irgendwie Lockerheit oder Selbstverständnis reinkommen. Das darf nicht passieren. Es gibt noch genug zu verbessern! Aktuell ist in der Berichterstattung alles eitel Wonne, aber das wird von außen reingetragen. Wir als Mannschaft nehmen das wahr, können es aber wegschieben, weil wir Ideen, Aufgaben und Ziele haben, die sich nicht mit dem decken, was von außen kommt.“

Und genau darum geht es auch: Diese Qualifikation soll keine Eintagsfliege bleiben.

Dafür ist laut Prödl noch mehr Konstanz gefragt: „Klasse-Mannschaften, die sich immer wieder qualifizieren, sind Teams, die Kontinuität und Routine haben, und das müssen wir erst reinkriegen. Wir sind jetzt auf ein Level aufgestiegen, das uns gut tut und wo wir uns wohlfühlen. Aber es gibt noch keine Garantie, dass wir da bleiben. Dafür gibt es einiges zu verbessern, nicht nur in unserem Spiel, sondern auch in unserem Auftreten – und zwar in unserem Auftreten bei der EURO, aber auch schon in diesen zwei Spielen.“

Die Duelle mit Montenegro und Liechtenstein können das österreichische Nationalteam also nicht nur in der Weltrangliste noch weiter nach vorne bringen.


Peter Altmann

Alle dieses Ideen und Ziele werden vermutlich nicht nach außen kommuniziert. Jene, die vor der noch laufenden Qualifikations-Kampagne genannt wurden, wurden indessen großteils mit beeindruckender Konsequenz umgesetzt – viel mehr Fokus auf Ergebnis-Fußball, anstatt in Schönheit zu sterben, bessere Ausbeute bei Auswärtsspielen oder mehr Zu-Null-Spiele, um nur einige Beispiele zu nennen.

Auch derzeit fallen genügend Schlagworte, wo noch Luft nach oben besteht. Man darf annehmen, dass diese beim im November folgenden Spanien-Trainingslager gebündelt und zu internen Zielen umgemünzt werden.

Noch keine Weltklasse-Mannschaft

Immer wieder war in dieser Woche zu hören, dass die Torgefahr abseits der Offensivkräfte zu gering ist. Dies monierten etwa Florian Klein und Julian Baumgartlinger, die sich diesbezüglich selbstkritisch in die Pflicht nahmen, auch Aleksandar Dragovic meint: „Ich muss torgefährlicher werden. Ich erziele zu wenige.“

Einmal in der Woche würde er in Kiew mit den Co-Trainern von Dynamo Extraschichten in punkto Standards schieben: „Aber dort ist die Taktik bei ruhenden Bällen nicht immer auf mich ausgerichtet, deshalb ist es schwierig, dennoch trainiere ich das.“

Der Ukraine-Legionär sieht auch beim Verhalten nach einer 1:0-Führung Verbesserungsbedarf. In einigen Quali-Spielen habe man sich zu weit hinten hineindrängen lassen: „Wir müssen probieren, dann noch ein bisschen mehr herauszuspielen. Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, müssen wir in der zweiten Hälfte mehr wie in der ersten spielen, das 90 Minuten durchziehen.“

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