"Ich hasse es zu verlieren"

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Rund zehn Monate nach seinem Amtsantritt steht Marcel Koller vor seinem ersten Bewerbsspiel mit der Nationalmannschaft - und das gleich gegen Deutschland.

Im Interview machte sich der Schweizer Gedanken über die Chancen der ÖFB-Auswahl zum Auftakt der WM-Qualifikation am 11. September, über den in Österreich speziellen Umgang mit Siegen und Niederlagen und über die Aussichten auf eine Teilnahme an der Endrunde 2014 in Brasilien.

Frage: Haben Sie schon das 1:2 Österreichs gegen Deutschland in der EM-Qualifikation im Juni 2011 gesehen?

Marcel Koller: Dieses Spiel habe ich mir angeschaut, noch bevor ich dem ÖFB zugesagt habe. Da habe ich das eine oder andere gesehen, das man anpacken muss, aber ich habe das Match nicht in meine Überlegungen für den 11. September einbezogen. Dafür liegt es schon zu lange zurück, außerdem sind wir dabei, den Spielern unsere eigene Philosophie mitzugeben.

Frage: Damals hat die österreichische Nationalmannschaft gut gespielt und war zumindest einem Punktgewinn sehr nahe.

Koller: Aber schlussendlich hat man verloren. Für die Umgebung ist eine knappe Niederlage gegen Deutschland vielleicht angenehm, aber ich als Trainer hasse es zu verlieren, egal ob es eine knappe oder hohe Niederlage war.

Frage: Beim 1:2 hat Österreich wohl auch vom Termin profitiert. Wäre Ihnen eine WM-Quali-Partie gegen Deutschland im Juni, wenn die Club-Saison vorbei ist, lieber gewesen als im September, wenn alle Spieler noch ausgeruht sind?

Koller: Dass bei den Termin-Verhandlungen nicht alles nach unseren Wünschen laufen kann, war klar. Die österreichische Liga hat schon ein paar Spiele hinter sich, unsere Deutschland-Legionäre sind genauso weit wie die deutschen Spieler, deswegen hat der Termin keinen Einfluss. Für uns wird es wichtig sein, dass wir unsere Idee weiter verfolgen, und dass wir sie in den Trainings in den nächsten Tagen und natürlich im Spiel umsetzen.

Frage: Welche Bedeutung hat das Deutschland-Spiel für den weiteren Qualifikations-Verlauf?

Koller: Es fokussiert sich jetzt alles auf Deutschland, aber wir haben danach auch noch einige Spiele. Wenn wir verlieren, muss man nicht alles hinterfragen, und wenn wir gewinnen, haben wir auch nur drei Punkte.

Frage: Österreich gewinnt gegen Deutschland nur alle paar Jahzehnte - was muss passieren, damit es diesmal wieder so weit ist?

Koller: Wir müssen am obersten Level spielen, was Konzentration, Aggressivität und Laufbereitschaft betrifft. Und wir müssen die wenigen Chancen nützen, die wir bekommen werden. Wenn dann der Gegner den einen oder anderen Fehler macht, ist eine Überraschung möglich.

Frage: Bei einem Sieg wäre in Österreich der Euphorie keine Grenze gesetzt, bei einer deutlichen Niederlage wäre der Frust groß - haben Sie Verständnis für diese Mentalität?

Koller: Das ist hier in Österreich schon ein bisschen extrem. Aber ich akzeptiere das, die Mentalität eines ganzen Landes kann ich ja nicht verändern. Für uns im Trainerteam wird es wichtig sein, die richtigen Schlüsse zu ziehen und nicht zu jammern oder himmelhochjauchzend zu sein.

Frage: Hat es auch mit der österreichischen Mentalität zu tun, dass Differenzen zwischen dem Teamchef und einzelnen Spielern in den vergangenen Jahren oft in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurden, so wie zuletzt im Fall von Paul Scharner?

Koller: Das passiert auch bei anderen Nationen. Solche Dinge kann man aber als Trainer nicht gutheißen, da muss man dann Entscheidungen treffen. Fußball ist ein Mannschaftssport, und wenn einer nur auf sich schaut und gewisse Dinge fordert, die man ihm nicht zugestehen kann, dann muss man als Trainer sagen: 'Bis hier und nicht weiter.'

Frage: Ärgert es Sie, dass sich Scharner jetzt als Opfer präsentiert?

Koller: Ich habe den Brief von ihm. Wenn es noch bunter wird, könnte ich diesen immer noch herzeigen. Aber ich habe keine Probleme mit ihm. Ich habe ihn vor die Entscheidung gestellt, und er hat sich dafür entschieden, dass sich die Wege trennen. Das Thema ist für mich erledigt.

Frage: Auch ohne Scharner gilt das derzeitige ÖFB-Team als das beste seit vielen Jahren. Sind Sie auch dieser Meinung?

Koller: Jeder sagt, wir haben viele gute Legionäre, die regelmäßig spielen. Erst wenn alle bei ihren Vereinen Top-Spieler sind, sind wir eine Stufe weiter, aber so weit ist es noch nicht. Und wenn drei Legionäre fehlen, muss ich schon schauen, wie wir sie ersetzen können. In der Breite sind wir noch lange nicht so abgedeckt, dass wir Ausfälle verkraften können.

Frage: Könnte es sich trotzdem mit einer WM-Teilnahme ausgehen?

Koller: Es wird extrem schwierig, da muss alles passen. Wir müssen auf dem obersten Level spielen und können uns nicht viele Fehler erlauben, und das über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. Aber wir werden es versuchen und uns voll reinhauen.

Frage: Das aktuelle Team erreicht möglicherweise erst später den Zenit, an der EM 2016 nehmen 24 Mannschaften teil, an der WM 2014 nur 13 Europäer. Sollte man die bevorstehende WM-Quali also realistischerweise als Generalprobe für die EM-Quali 2016 sehen?

Koller: Ich habe keine Lust zu sagen, ich gehe in eine Qualifikation und bereite mich schon auf die nächste vor. Außerdem habe ich nur bis 2013 Vertrag. Wenn ich an einem Bewerb teilnehme, will ich alles versuchen, um das Unmögliche möglich zu machen.

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