"Kann gewisse Zeichen setzen"

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"Am Ende ist es häufig eine Kopfgeschichte"

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Kurz bevor ihn Frankfurt-Goalie Kevin Trapp unsanft von den Beinen holt, gelingt es Martin Harnik, den Ball noch mit großem Einsatzwillen zur Mitte zu bringen.

Dort verwandelt Daniel Ginczek aus kurzer Distanz zum 1:1. Die Wende in einer Partie, die der VfB Stuttgart letztlich noch mit 3:1 gewinnt. Der erste volle Erfolg im Kalenderjahr 2015. In der brenzligen Situation der Schwaben ein Pflichtsieg, wie er im Buche steht.

Zwar hat der Traditionsverein immer noch die „Rote Laterne“ inne, die Hoffnung auf den Klassenerhalt hat freilich neue Nahrung bekommen.

Alles in allem sind es keine einfachen Wochen für Harnik, der gegen die Eintracht nach einer Rotsperre sein Comeback gefeiert hat. Eineinhalb Wochen ÖFB-Team sind so gesehen ein angenehmer Tapetenwechsel.

„Eine Art Therapie, wenn man beim Nationalteam ist“

Vom Tabellenletzten der deutschen Bundesliga zum Tabellenführer der EM-Qualifikations-Gruppe G quasi.

„Ich habe schon immer gesagt, dass es eine Art Therapie ist, wenn man beim Nationalteam ist, weil man einfach auf einmal komplett andere Ziele vor Augen hat, eine komplett andere Situation vorfindet als im Klub und hier natürlich auch eine ganz andere Stimmung herrscht. Es ist immer schön, hier zu sein, vor allem, um auch einmal Abstand zu gewinnen und dann mit dieser Kraft aus dem Team wieder zum Verein zurückzukehren“, beschreibt der 27-Jährige den angenehmen „therapeutischen“ Nebeneffekt eines ÖFB-Aufenthalts.

Wobei das Erfolgserlebnis vom Wochenende natürlich als Stimmungsaufheller in einer depressiven Situation diente. Laut Meinung von VfB-Coach Huub Stevens sei ein Sieg alleine jedoch zu wenig, um die Blockade seiner Schützlinge zu lösen.

„Die Situation beschäftigt einen natürlich, und ich denke, es wäre auch nicht normal, wenn es nicht so wäre. Abstiegskampf ist nie leicht und am Ende häufig eine Kopfgeschichte. Deswegen hat der Trainer mit seiner Aussage sicherlich Recht. Gleichzeitig muss man natürlich sagen, dass dieser Sieg dazu beigetragen hat, diese Blockade zumindest ein wenig zu lösen“, hofft der Flügelflitzer, dass der Schwung nach der Länderspiel-Pause mitgenommen werden kann.

„Es geht nicht darum, dass ich irgendwelche großen Reden schwinge“

Man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass man in Stuttgart die Rückkehr Harniks herbeigesehnt hat. Mit seiner Routine und dynamischen Spielweise zählt er zweifelsohne zu jenen, die in dieser schwierigen Situation vorangehen müssen. Seit 2010 im Verein, gehört er zudem schon zu den „Urgesteinen“ dieser Mannschaft.

„Es ist nicht entscheidend, wie lange man dabei ist. Wir haben im Winter zum Beispiel Serey Die verpflichtet, der auch sehr schnell eine wichtige Rolle eingenommen hat und vorangeht. Davon mache ich es nicht abhängig“, betont Harnik, der sich vor einer Leader-Rolle jedoch nicht scheut:

„Ich sehe mich aber schon in einer Position, in der ich gewisse Zeichen setzen kann. Es geht gar nicht darum, dass ich irgendwelche großen Reden schwinge oder einen Mitspieler verbal aufwecke, sondern eher darum, mit meinem Einsatz und Willen ein Zeichen zu setzen, dass wir uns nicht aufgeben und das Ding noch drehen wollen. Das 1:1 gegen Frankfurt war prädestiniert dafür. Dass es so gut geklappt hat, ist umso schöner. Das hat dann auch dazu beigetragen, dass wir die Wende in diesem Spiel geschafft haben.“

Diese drei Punkte brachten zumindest temporär Ruhe in den Verein, auch die Diskussionen um die Zukunft von Stevens sind dadurch ein wenig abgeebbt.

Harnik und seine Kollegen spüren das Vertrauen der Öffentlichkeit

„In der Bundesliga gibt es so etwas natürlich nicht in diesem Stil. Beim Nationalteam hatten wir es jedoch schon beim einen oder anderen Gegner, wie zum Beispiel gegen die Färöer. Aber auch da ist es nicht mehr so wie vor zehn Jahren. Auch die vermeintlich kleinen Mannschaften haben taktisch und spielerisch dazugelernt.“

„Dürfen jetzt nicht mit elf Stürmern antreten“

Der 27-Jährige weist auf Erkenntnisse aus dem Videostudium hin, dass Liechtenstein in manchen Spielen auch nach vorne hin gute Aktionen mit dem Ball gehabt hätte und deswegen nicht zu unterschätzen sei: „Wir wären schlecht beraten, wenn wir denken, das Spiel findet nur in deren Hälfte statt. Wir dürfen jetzt nicht mit elf Stürmern antreten, weil wir denken, wir haben defensiv nichts zu tun.“

Alles andere als drei Punkte wären in diesem Kräftemessen jedoch eine herbe Enttäuschung, das ist jedem im rot-weiß-roten Lager bewusst – gerade angesichts der Euphorie, die derzeit um die ÖFB-Elf herrscht.

„Wir spüren natürlich dieses Vertrauen in der Öffentlichkeit – das kriegen wir auch nicht geschenkt, das haben wir uns erarbeitet. Wir wollen natürlich auch nach Liechtenstein fahren und gewinnen. Allerdings muss man 100 Prozent abliefern und sehr konzentriert reingehen. Liechtenstein hat nicht umsonst vier Punkte und in Moldawien gewonnen, wo wir uns sehr, sehr schwer getan haben. Auch das war kein Kinderspiel. Diesen jüngsten Ergebnissen zollen wir natürlich Respekt.“

Peter Altmann

„Ich würde es nicht seriös finden, wenn ich schon darüber nachdenke. Wir haben jetzt das große und sehr wichtige Ziel, die Klasse zu halten. Dann bleibt ja immer noch genug Zeit. Ich muss nicht bis zum Saisonende entschieden haben, was ich mache, wenn irgendetwas eintrifft. Damit beschäftige ich mich auch nicht. Das weiß mein Berater genauso.“

Ein wichtiger Zusatz, denn die Mechanismen im Fußball-Business laufen nun einmal so, dass sich andere Vereine mit Verstärkungen, die man von potenziellen Absteigern lukrieren kann, beschäftigen. Dies ist der Offensivkraft selbstredend bewusst:

„Natürlich ist es in diesem Geschäft so, dass gewisse Vereine die Situation sehen, natürlich auch darüber nachdenken und auch schon Gespräche führen wollen. Aber das kommt für mich und meinen Berater nicht in Frage. Denn ich habe einen Vertrag in Stuttgart, und den sollte man nicht nur in guten Zeiten erfüllen.“

„Auch die kleinen Mannschaften haben taktisch und spielerisch dazugelernt“

Ein klares Bekenntnis des 48-fachen Internationalen, der im Rahmen dieses ÖFB-Camps am kommenden Dienstag gegen Bosnien sein 50. Länderspiel absolvieren könnte.

Vorher steht jedoch das EM-Qualifikations-Gastspiel in Liechtenstein auf dem Programm. Die Kicker aus dem Fürstentum verteidigen bekanntlich mit Mann und Maus – eine Spielanlage, mit der Harnik beim Verein naturgemäß kaum konfrontiert ist:

Kein Patentrezept für strukturelle Änderungen

Ob Bruno Labbadia, Thomas Schneider, Stevens, Armin Veh und nun wieder Stevens – das Stilmittel des Trainerwechsels hat man beim VfB in den vergangenen zwei Saisonen zur Genüge ausgeschöpft. Mit Robin Dutt wurde zudem zu Jahresbeginn ein erfahrener Coach zum Vorstand Sport bestellt.

Unabhängig vom Klassenerhalt werden die Stuttgarter im Sommer diverse strukturelle Maßnahmen treffen müssen, um wieder an erfolgreichere Zeiten anzuschließen.

„Ein Patentrezept gibt ist nicht. Das lässt sich auch nicht von heute auf morgen ändern. Das ist eine Entwicklung, die ein bisschen braucht“, ist sich Harnik sicher, sieht seinen Arbeitgeber jedoch diesbezüglich auf einem guten Kurs:

„Ich glaube, dass wir schon im letzten halben Jahr Änderungen im Verein vorgenommen haben und schon einige Entscheidungen getroffen wurden. Ich denke grundsätzlich, dass wir da intern auf einem guten Weg sind. Aber es steht und fällt sowieso alles mit dem Sportlichen. Du kannst den Verein führen, wie du willst, wenn es sportlich nicht läuft, fällt es immer auf dich zurück. Deswegen müssen wir als Mannschaft wieder Ergebnisse liefern, und ich hoffe natürlich, wenn wir den Nichtabstieg geschafft haben, dass wir dann wieder erfolgreicher spielen.“

Gespräche mit anderen Teams wären „unseriös“

Sollte der Worst Case eintreten und der VfB den bitteren Gang in die 2. Bundesliga antreten müssen, wäre natürlich auch Harniks Zukunft in der Schwebe. Der gebürtige Hamburger steht noch bis Sommer 2016 unter Vertrag. Auf das Was-wäre-wenn-Spielchen im Falle eines Abstiegs möchte er sich jedoch gar nicht erst einlassen:

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