Koller: "Wir haben eine echt geile Truppe“

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Gelassen und stolz präsentierte sich Teamchef Marcel Koller einen Tag nach dem wichtigen 2:1-Erfolg des ÖFB-Teams im WM-Quali-Duell gegen Schweden den Journalisten im Happel-Stadion.

Im gleichen Atemzug trat der Schweizer aber auch in gewohnter Manier auf die Euphoriebremse.

"Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass wir noch nichts erreicht haben."

So gesehen verwunderte es nicht, dass der 52-Jährige gar nicht groß auf eine mögliche Teilnahme an der WM 2014 in Brasilien einging.

Vielmehr lobte der Zürcher den Teamgeist der rot-weiß-roten Auswahl. "

Das ist eine geile Truppe. Es ist nicht nur die erste Elf, die dazu beiträgt, wo wir jetzt stehen, sondern alle.“

Auch sonst hatte der Teamchef noch viel zu sagen. LAOLA1 hörte aufmerksam zu.

Marcel Koller …

… über das Spiel:

Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir das Spiel noch einmal anzuschauen. Die Wahrnehmung ist also so, wie unmittelbar nach Schlusspfiff: Wir hatten Probleme in die Partie zu kommen, waren nervös und konnten zunächst nicht das zeigen, was wir uns erhofft hatten. Schweden hat gut dagegen gehalten, hat die Räume eng gemacht. Mit ein bisschen mehr Mut und Selbstvertrauen hätten wir vielleicht von Beginn weg so spielen können, wie wir es nach der Führung getan haben. Da war mehr Sicherheit vorhanden, wir haben uns getraut, Fußballzuspielen. In der Pause habe ich gesagt, dass wir weiter nach vorne spielen müssen und nicht hinten drinnen stehen dürfen. Es war klar, dass Schweden in der Schlussphase alles nach vorne wirft. Da war es wichtig, den Gegner zu attackieren und hoch zu stehen. Das haben wir recht gut gelöst. Dass der Gegner aufgrund seiner exzellenten Spieler und seiner wuchtigen Spielweise gegen Ende für ein bisschen Aufregung sorgen wird, war auch klar. Wir haben die drei Punkte, das war unser Ziel. So fährt man gerne in den Urlaub.

… auf die Frage, ob das Glück zuletzt erzwungen wurde:

Die Mannschaft hat sehr viel gearbeitet, um die letzten Ergebnisse gegen Irland und Schweden erzielen zu können. Das geht eben nur durch sehr viel Arbeit. Und dann bin ich überzeugt, dass auch das Glück auf deine Seite fällt. Wir haben bei meinem ersten Match als Teamchef in der Ukraine sehr gut gespielt, aber in der 92. Minute ein Tor bekommen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Österreich oft sehr gut spielt, auch zu Chancen kommt, aber das Spiel verliert. Daran haben wir gearbeitet. Daher ist es wichtig, die Chancen, die sich einem bieten, auch zu verwerten. Oft sind es nicht viele, aber dann muss man zur Stelle sein. Diese Dinge kann man erzwingen und daher sind wir momentan auf einem guten Weg.

… über sein Verhältnis zu den Spielern:

Es ist sehr angenehm. Ich freue mich, wenn ich Kontakt mit ihnen habe. Ich versuche, normal zu bleiben, zeige ihnen, dass ich zwar ihr Trainer, aber nicht unantastbar bin. Sie sollen sehen, dass man mit mir sprechen kann. Heutzutage ist die Kommunikation viel wichtiger als früher. Sie war zwar auch vor ein paar Jahren wichtig, aber man hat es einfach nicht so oft praktiziert. Es war eben eine andere Zeit. Heutzutage brauchen die Spieler den Austausch. Es ist aber nicht immer leicht. Ich habe 23 Spieler und nur elf kommen zum Zug. Das ist das Beschissenste am Trainerjob. Man möchte eigentlich jeden einzelnen bringen. Das war auch gegen Schweden so. Jeder hat sich in der Vorbereitung voll ins Zeug gelegt und versucht, das Beste aus sich herauszuholen. Es können aber nur elf spielen. Das ist teilweise schmerzhaft und bereitet schlaflose Nächte, weil du dem Spieler etwas erzählen musst und weißt, dass er enttäuscht sein wird. Oft ist es einfach ein Bauchgefühl. Und das muss man vermitteln. Es ist nicht immer angenehm. Wir haben aber wirklich eine geile Truppe, die das unterstützt. Das ist wichtig. Es ist nicht nur die erste Elf, die dazu beiträgt, wo wir jetzt stehen, sondern alle. Das ist wichtig für den Teamgeist und die Entwicklung. Ich möchte mich daher bei allen Beteiligten bedanken. Wenn man erfolgreich ist, rückt man noch näher zusammen. Es bringt nichts, nur groß zu reden und keine Ergebnisse zu liefern. Der Erfolg ist ein wichtiger Faktor. Die Spieler spüren, dass etwas geht und man nach vorne kommt.

… über die Entwicklung seit seinem Amtsantritt:

Zum Teil ist es die Teamarbeit, das Gesamt-Paket am Platz. Wir versuchen in Ballbesitz gemeinsam nach vorne zu kommen und bei Ballverlust gemeinsam nach hinten zu ackern. Das haben wir gegen Schweden recht gut hinbekommen. Wir wissen aber, dass es noch weiter ausbaufähig ist. Vor allem in der Bewegung mit dem Ball. Das ist eben noch schwieriger, weil dieses runde Ding dazukommt. Wir müssen noch mehr Ballsicherheit entwickeln.

… über das Vertrauen in Spieler, die bei ihren Klubs nicht so zum Zug kommen:

Ich schaue grundsätzlich welches Niveau der Spieler besitzt, wie er Fußballspielen kann. Dazu kommt, dass ich selber Fußballer war und weiß, dass man auch einmal einen schlechten Tag haben kann – gerade beim Nationalteam. Du bist nur ein paar Tage da und dann wieder weg. Das ist schon ein großer Unterschied zum Klub, wo du jeden Tag zusammenarbeitest. Ich bin bei den Spielern, die ich aufstelle überzeugt, dass sie uns weiterbringen können. Es ist einfach wichtig, 100 Prozent am Platz zu geben und Leidenschaft zu zeigen. Das hat sich gegen Schweden gezeigt. Dann springt der Funke von den Fans über. Die Atmosphäre gestern war fantastisch. Natürlich ist es angenehmer, wenn du gewinnst, als wenn du verlierst und der Buhmann bist.

… auf die Frage, ob der Schweden-Sieg der schönste Moment seiner ÖFB-Ära war:

Ich hoffe, dass noch schönere Momente kommen werden. Wenn du gewinnst, ist es immer schön. Wir haben aber noch nichts erreicht. Ich bin keiner, der jetzt Jubeltrubel durch die Gegend läuft. Die Gefahr ist dann zu groß, dass man, wenn man ein bisschen erfolgreich ist, etwas nachlässt und die Dinge nicht mehr ganz so konsequent anpackt. Das wäre der größte Fehler.

… auf die Frage, ob Österreich schon WM-reif ist:

Wir sind noch davon entfernt. Wir würden es uns wünschen, bei der WM teilzunehmen. Doch das sind jetzt noch Wünsche. Es stehen noch vier schwere Spiele am Programm. Ich möchte jetzt auch nicht über Brasilien sprechen. Das nächste WM-Quali-Match ist gegen Deutschland. Jeder weiß, wie Österreich bei einem Duell mit den Deutschen fiebert. Dieser Begegnung gilt unsere volle Aufmerksamkeit.

… über Platz zwei in der Gruppe:

Es ist natürlich etwas anderes, ob man Jäger oder der Gejagte ist. Ich kenne dieses Gefühl von meiner aktiven Karriere. Wenn du vorne bist, musst du ans Limit gehen, denn jeder will gegen dich gewinnen. Außerdem wollen auch die anderen oben stehen. Die werden alles versuchen, damit du wieder runterkommst. Dennoch ist diese Situation angenehmer, als wenn du hinterherhinkst. Wenn du unten bist, kommen alle daher und meckern – alles ist schlecht. Ich bin lieber vorne als hinten. Ich will aber keine Hochrechnungen machen, das machen die Journalisten. Wir sind am zweiten Platz, Schweden müsste am Dienstag sehr hoch gegen die Färöer gewinnen, um uns zu verdrängen. Daher ist es nach wie vor berechtigt, dass wir um die Teilnahme mitspielen.

… über Alabas Rolle im Team als Sechser:

David ist ein hervorragender Fußballer. Die Position im Team bereitet ihm keine großen Probleme, ist aber eine Umstellung. Wenn er so wie bei den Bayern auf der linken Seite spielt, hat er es mit zwei Gegenspielern auf der Linie zu tun. Im Zentrum sind drei, vier, fünf Spieler in unmittelbarer Nähe. Das wahrzunehmen, braucht ein bisschen Zeit. Außerdem ist er das Gefühl für die Situation nicht so gewohnt.

… über Fortschritte im physischen Bereich:

Das Match in Dublin war sicher das intensivste in dieser Quali-Phase. Schweden war ähnlich, wobei es doch Unterschiede gab, weil der eine oder andere länger nicht gespielt hat, teilweise seit drei Wochen keine Spielpraxis hatte. Ganz wichtig ist und bleibt das Selbstvertrauen. Wenn du dir zutraust, 90 Minuten dagegen zu halten, ist das ein Mosaiksteinchen am Weg zum Erfolg.

… über Marko Arnautovic:

Marko hat bei jedem Spiel ein Ferserl dabei, das war auch diesmal so. Aber das gehört zu seinem Spiel. Er hat die Sache gut gemacht und dem großen Druck standgehalten. Ich spreche auch sehr oft mit ihm. Bei ihm muss sportliche Konstanz einkehren, nicht nur einzelne Farbtupfer. Er muss nach seinem Urlaub bei seinem Verein wieder Anschluss finden und regelmäßig spielen. Bei den Dingen, die er abseits des Fußballs macht, muss er sich vorher überlegen, was er macht. Nicht nachher.

… über seine Vertrags-Situation:

Ich habe immer gesagt, dass das Schweden-Spiel zu wichtig war und ich mich durch nichts ablenken lassen wollte. Es gibt auch jetzt noch keinen Termin. Wenn es etwas zu vermelden gibt, wird man das auch kommunizieren. Natürlich würde es mir schwer fallen, diese Mannschaft zu verlassen. Aber so ist der Trainerjob. Auch wenn die Lage nicht so schön ist, ist es schwierig, ein Team zu verlassen. Denn dann schießen dich alle auf den Mond und du musst schauen, dass du da wieder runterkommst.

… über Peter Stöger und mögliches Köln-Engagement:

Deutschland ist eine andere Welt und nicht vergleichbar mit Österreich. Ob die 2. Deutsche Liga für ihn ein Auf- oder Abstieg wäre, möchte ich nicht beurteilen. Köln ist jedenfalls ein Traditionsverein und Fußball-verrückt. Sie haben einen Zuschauerschnitt von 40.000. Der Fußball wird von den Medien sehr intensiv behandelt. Und das ist manchmal nicht so einfach.

 

Aufgezeichnet von Martin Wechtl

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