"Wir haben im Team eine Art Ballon geschaffen"

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Auch eine Nacht nach dem 1:0-Erfolg der ÖFB-Elf gegen Russland ist die Leistung der rot-weiß-roten Kicker gar nicht hoch genug einzuschätzen:

Erstmals gewann eine österreichische Nationalmannschaft ein Bewerbsspiel in Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion. Es war die erste Heimniederlage der „Sbornaja“ nach 21 Begegnungen vor heimischer Kulisse.

Mit sechs Spielen ohne Niederlage startete Österreich zuletzt in die Qualifikation zur WM in Argentinien. Das war 1978. Damals gab es vier Siege und zwei Unentschieden.

Sechs Partien in Serie ungeschlagen blieb der ÖFB außerdem in der Quali zur WM in Frankreich 1998. Unter Teamchef Herbert Prohaska wurden dabei die letzten sechs Spiele sogar gewonnen, was dazu führte, dass Polster und Co. bei der Weltmeisterschaft an den Start gingen.

So wie vor 17 Jahren steht auch die aktuelle Auswahl kurz vor einem erfolgreichen Abschluss und der  Teilnahme an der Europameisterschaft 2016.

Dementsprechend glücklich und zufrieden zeigte sich Teamchef Marcel Koller bei der Nachbesprechung der Moskauer Sternstunde.

MARCEL KOLLER…

AUF DIE FRAGE, WOHIN DER WEG DIESER NATIONALMANNSCHAFT FÜHREN KANN:

Das ist eine schwierige Frage, weil es immer Auf und Abs gibt. Man ist immer abhängig davon, wie fit die Spieler sind und wie gut sie drauf sind, um das vorgegebene umsetzen zu können. Dazu die Psyche. Spielen sie bei ihren Vereinen oder stehen sie am Abstellgleis? Wir haben aber beim Team so eine Art Ballon geschaffen. Die Spieler fühlen sich wohl, wenn sie zur Nationalmannschaft kommen. Sie wissen, dass persönliche Probleme hier weggeschwemmt werden. Das dauert ein paar Tage, aber dann sind sie mittendrinnen. Das ist ganz wichtig. Hochrechnungen, wo der Weg hingehen könnte, kann man dennoch nicht machen. Wir sind aktuell am 20. Weltranglistenplatz und wollen natürlich noch weiter nach vorne kommen. Dafür benötigt es harte Arbeit und es kommt nicht von heute auf morgen. Es braucht solche Spiele wie gegen Russland, um diesen Schritt nach vorne zu kommen. Das habe ich bei der Abschlussbesprechung versucht zu vermitteln. Klar war es schwierig, weil es das letzte Match einer langen Saison und bei dem einen oder anderen der letzte Einsatz drei bis vier Wochen her war. Da den Fokus hoch zu halten, war nicht einfach. Es war ein Abwiegen, wo man hart bleiben musste und wo man etwas schleifen lassen konnte. Wir sind auch noch nicht bei der Europameisterschaft. Es sieht gut aus, aber definitiv ist es eben nicht.

DARÜBER, WELCHER SCHRITT DER SIEG IN RUSSLAND WAR UND WAS IHN DABEI BESONDERS GEFREUT HAT:

Dieser Schritt hat sich in den letzten dreieihalb Jahren entwickelt. Das 2:2 in Irland, mit dem späten Ausgleich von David Alaba war extrem wichtig. Vor allem für das Selbstvertrauen. Die Spieler merken, dass sie nicht nur gut spielen können, sondern auch Ergebnisse holen. Es gibt Vertrauen und Sicherheit, wenn die Spieler sehen, dass das, was wir ihnen mitgeben, Erfolg bringt und sie es auch umsetzen können. Ich war mir nicht ganz sicher, ob wir in Russland so frech auftreten können und unser Spiel, das sich die letzten Jahre entwickelt hat, auf den Platz bringen. Doch es ist uns gelungen und speziell in der ersten Hälfte war es sehr gut. Nach der Pause hat ein bisschen die Kraft gefehlt. Die letzten zehn Minuten haben mich aber wieder sehr gefreut. Da haben wir uns nicht eingeigelt, sondern haben unsere Spielweise forciert. Da wurde vorne attackiert. Der Ball wurde gehalten, es wurde die Zeit runtergespielt. Solche Sache hatten wir am Anfang noch nicht so drauf.

… DARÜBER, OB DIESE ABGEKLÄRTHEIT UND DIE RUHE NEUE QUALITÄTSMERKMALE SIND:

Gegen Russland war das der Fall. Ich möchte diese Eigenschaften natürlich in die Regelmäßigkeit hineinbringen, damit ich sie nicht immer ansprechen muss. Es muss selbstverständlich sein, dass man, wenn man führt, vor dem eigenen Tor hellwach sein muss und kein unnötiges Risiko eingehen soll.

… AUF DIE FRAGE, OB DAS VERDRÄNGEN VON NEGATIVEN GEDANKEN DIE DEUTLICHSTE STEIGERUNG IST:

Absolut. Wir haben ihnen das immer vermittelt, aber es braucht Zeit, damit es sich festsetzt. Es muss egal sein, was am Platz abgeht, ob wir gute oder schlechte Aktionen haben: Wir müssen dranbleiben und niemals aufgeben. Das fängt mit dem Anpfiff an und hört mit dem Abpfiff auf. In der Zeit dazwischen musst du alles tun, um erfolgreich zu sein. Wir sind jetzt soweit, dass die Spieler das auch am Platz spüren. Negative Gedanken können kommen, aber wir schieben sie wieder weg.

…AUF DIE FRAGE, WELCHE GEDANKEN ER VOR DEM EINSCHLAFEN HATTE:

Im Flieger war ich noch voller Adrenalin. Es braucht eine gewisse Zeit, um runterzukommen. Ich bin daher nicht gleich ins Bett, sondern habe zuerst den Koffer ausgepackt.

… DARÜBER, OB DIE FIFA-RANGLISTE, DIE DAS ÖFB-TEAM ALS EUROPAS NUMMER 14 AUSSPUCKT, DIE WAHREN KRÄFTEVERHÄLTNISSE WIDERSPIEGELT UND ÖSTERREICH MOMENTAN ZUR EUROPÄISCHEN SPITZENKLASSE GEHÖRT:

Ich würde das nicht so hoch ansetzen. Wir sind ein gutes Team und auf einem guten Weg. Aber es gab auch gegen Russland Dinge, die noch nicht optimal gepasst haben. Da müssen wir mehr Konstanz reinbringen. Die Wege in der Defensive gehören noch bewusster gegangen. Der eine oder andere muss sich da in den Hintern kneifen, um diese Wege zu gehen. Außerdem müssen wir in der Offensive unsere Torchancen ausnützen und mehr Ruhe reinbringen. Wir müssen das 2:0 machen, doch so war es bis zum Schluss spannend – das brauche ich nicht jedes Mal als Trainer. Daher sind wir noch nicht bei den Topteams.

…DARÜBER, OB ER SCHON EINEN BEFEHL FÜR DIE EM-QUARTIER-SUCHE AUSGEGEBEN HAT:

Das läuft im Hintergrund schon. Wir können ja nicht erst im November mit der Suche beginnen. Ich bin eingebunden. Aber es ist noch viel zu früh, um zu sagen, wo wir landen könnten.

…DARÜBER, OB ER ERSTAUNT IST, DASS DER AUSNAHMEFUßBALLER DAVID ALABA SCHON MEHRMALS ERSETZT WERDEN KONNTE:

Wir hätten es auch lieber, wenn David immer dabei wäre. Das Glück hatten wir nicht und er hat bei dem einen oder anderen wichtigen Spiel verletzungsbedingt gefehlt. Für mich ist wichtig, dass dann nicht großartig herumlamentiert wird. Ich kann nicht darauf Einfluss nehmen, wenn Spieler fehlen. Ich konzentriere mich lieber auf jene Leute, die da sind. Und man sieht, wie sich die Jungs reinhauen, wenn jemand ausfällt.

…DARÜBER, OB DIE AUSWÄRTSSERIE EIN SCHLÜSSEL ZUR ERFOLGREICHEN QUALIFIKATION IST:

Es ist wichtig, dass nicht nur in den Heimspielen gepunktet wird, sondern auch auswärts. Das ist eine wichtige Komponente – vor allem wenn du gewinnst und nicht nur einen Punkt holst.

… AUF DIE FRAGE, OB ES NOCH BEDARF AN PERSONELLEN VERÄNDERUNGEN GIBT:

Es ist wichtig, informiert zu sein, um zu wissen, wie die Spieler drauf sind. Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand gut drauf ist und besser ist, als jene, die wir für diese Position hier haben, laden wir ihn ein. Das haben wir mit Schobesberger gemacht. Er war das erste Mal dabei und man hat gesehen, dass für ihn alles neu war. Von seinen Qualitäten hat er aber gezeigt, dass er es auch im Nationalteam kann.

… DARÜBER, OB ES ZURZEIT NOCH NIE SO SCHWER WAR INS NATIONALTEAM ZU KOMMEN:

Das aktuelle Team ist schon sehr stark und sehr homogen. Das ist eine eingeschworen Truppe, eine Einheit. In der Vergangenheit hat man aber gesehen, dass immer wieder Spieler reinkommen können. Aber es muss schon eine hohe Klasse beinhalten, dass man die Chance bekommt – oder eine Verletzung, was wir natürlich nicht hoffen. Das ist einfach meine Philosophie. Ich möchte etwas aufbauen und eine Mannschaft formen, die wir nicht jedes Mal ändern müssen. Bis jetzt hat sich das gut bewährt.

…DARÜBER, OB ES IHN STOLZ MACHT, DASS MARC JANKO, AN DEM ER IMMER FESTGEHALTEN HAT, DAS TOR ERZIELT HAT:

Das ist auch eine Philosophie des Scoutings. Wir wussten, dass Marc gut Fußball spielen kann. Er hatte manchmal Pech mit seiner Vereinssituation. Aber wir zweifeln nicht an seinen Qualitäten. Wenn er fit ist und regelmäßig Einsätze hat, ist er ein Spieler, der im Strafraum eine hohe Präsenz hat und für wichtige Tore gut ist. Ich freue mich für ihn und hoffe, dass der eine oder andere Klub das auch so sieht und ihm eine Möglichkeit gibt, mitzuspielen:

… AUF DIE FRAGE, OB DAS ÖFB-TEAM DIE BISHER QUALTITATIV HOCHWERTIGSTE MANNSCHAFT IST, DIE ER JEMALS TRAINIERT HAT:

Der Vergleich ist schwierig, weil ich vorher Klubtrainer war. Im Nationalteam kannst du von überall die Spieler zusammensuchen. Bei Grasshopper Zürich hatte ich einmal eine sehr starke Truppe mit sehr viel individueller Qualität. Aber im Nationalteam ist das natürlich eine Stufe höher.

… AUF DIE FRAGE, WARUM DIE NATIONALMANNSCHAFT WIEDER SO STARK IST?

Das sind viele Faktoren: Die Spieler kennen sich. Sie kommen gerne zum Team und haben eine Freude dabei zu sein. Dazu die vorhandene Qualität und die Entwicklung unserer Spielweise. Wir sind erfolgreich, die Spieler spüren, dass es der richtige Weg ist und sie sich dementsprechend etwas zutrauen. Am Anfang unserer Zusammenarbeit gab es diese Sicherheit nicht. Doch jeder Sieg gibt einen Schub. Wichtig ist, dass wir immer 100 Prozent geben und an die Grenzen gehen. Wie die Mannschaft gegen Russland trotz der Temperaturen und den Gedanken an den Urlaub alles hineingeschmissen hat, war fantastisch.

… ÜBER DAS FEIERN MIT DEN FANS IN RUSSLAND:

Die Fans haben meinen Namen gerufen und dann kann ich nicht abhauen und mich verdrücken. Dann bin ich halt rüber gesprintet, aber eh nicht schnell (lacht). Die Interaktion mit den Fans gehört dazu. Wir haben immer gesagt, dass wir unsere Fans mit ins Boot nehmen wollen. Der Kontakt ist wichtig. Das wurde oft angesprochen. Es ist wichtig, dass die Spieler Autogramme geben, Fotos machen – sie müssen anfassbar sein. Oft werden die Spieler angehimmelt, fast wie ein Gott. Doch wenn es in einem vernünftigen Rahmen passiert, ist es wichtig mit den Leuten auch zu sprechen. Das bringt die Fans näher zu uns. Das ist sicher ein Mitgrund, warum die Fans ins Stadion kommen und uns so fantastisch unterstützen.

 

Martin Wechtl

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