"Deshalb haben sich andere aber nicht 'abgedrängt'"

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Ein Teil der ÖFB-Spieler hat direkt von Olmütz aus den Urlaub angetreten. Andere jetteten nach der Rückkehr nach Wien in den Süden.

Eine kräfteraubende Saison, die unter anderem auch Auswirkungen auf die Leistung bei der Generalprobe für die im September startende EM-Quali hatte, ging mit dem 2:1-Erfolg gegen Tschechien zu Ende.

Auch Teamchef Marcel Koller lechzt nach einer Auszeit, die er aber erst nach der Beobachtung von Gruppengegner Russland bei der WM erhält.

Bei der Nachbetrachtung zog der Schweizer positive Schlüsse aus dem Teamcamp, Sorgen macht er sich im Hinblick auf die anstehenden Aufgaben im Herbst keine.

MARCEL KOLLER...

…ÜBER FORTSCHRITTE IM TEAM-CAMP: Es war ein sehr gutes Trainingslager, auch wenn es am Ende einer langen Saison schwierig ist. Aber alle haben sich im Training reingehaut, das hat viel Spaß gemacht. Vom Einsatz her war es schwierig, aber jeder war zu hundert Prozent dabei und voll konzentriert und fokussiert. Was wir machen wollten, konnten wir umsetzen.

…ÜBER TESTSPIELE GEGEN ISLAND UND TSCHECHIEN: Gegen Island waren wir das bessere Team, konnten aber nicht gewinnen. Trotzdem kann man auch aus solchen Spielen das eine oder andere rausnehmen. Das wollen wir mitnehmen. Das Spiel gegen Tschechien war nicht das Gelbe vom Ei. Wir wollten aber was sehen, haben etwas anders gespielt und haben nicht nur mannschaftstaktisch Erkenntnisse gewonnen, sondern auch von einzelnen Spielern, die neu dazugekommen sind und sich aufgedrängt haben. Andere, die verletzt waren, haben auch gezeigt, dass sie auf einem guten Weg sind. Grundsätzlich sind einige Spieler auf der Suche nach einem neuen Verein. Wir hoffen, dass sie was finden, wo sie auch regelmäßig spielen. Spielpraxis und Rhythmus sind wichtig, um Top-Leistungen zu bringen. Gestern war der Kopf leer, die Beine schwer. Trotzdem hat es zum Sieg gereicht, das war auch wichtig.

…ÜBER FEHLER UND MÜDIGKEIT VOR DER SOMMERPAUSE: Das war das Saisonende. Es war klar ersichtlich: Wir sind nicht mehr zurückgelaufen, waren nicht konsequent, die Räume waren zu groß. Ab und zu hatten wir gute spielerische Szenen, aber nicht diese Konsequenz und Freude. Da war Müdigkeit, schlussendlich waren alle froh, dass es zu Ende war. Trotzdem ist es schöner mit dem Sieg in Urlaub zu fahren.

…ÜBER SYSTEMUMSTELLUNG UND PASSIVE TAKTIK GEGEN TSCHECHIEN: Es war nicht das Ziel, dass das System so passiv ist. Es war ein Mittelfeld-Pressing, aber mit der Idee zu attackieren, wenn der Ball da ist. Das haben wir leider nicht gemacht. Das war aus meiner Sicht die Müdigkeit, dementsprechend macht mir das keine Sorgen. Es war sicher eines der schlechteren Spieler unter mir, aber es beunruhigt mich nicht, weil ich nach zwei Jahren weiß, wie wir spielen und fighten können. In zwei Monaten spricht keiner mehr über diese Generalprobe. Da wird dann Ibrahimovic und hoffentlich auch wieder Alaba im Fokus stehen.

…ÜBER AUSWIRKUNGEN DURCH SPIELER, DIE SICH AUFGEDRÄNGT HABEN: Es wird keinen Generationswechsel geben. Nur weil sich welche aufgedrängt haben, haben sich andere nicht „abgedrängt“. Das sind Spieler mit viel Erfahrung, was in einer Quali wichtig ist und nicht nur junge Wilde. Wir ziehen jetzt aber keinen Strich. Sabitzer und Ilsanker hatten ein gutes Trainingslager und haben die Zeit genützt. Ilsanker wollten wir kennenlernen, weil wir doch anders spielen als Salzburg und mehr Spielaufbau reinbringen wollen. Uns war vorher nicht klar, wie er das spielerisch lösen kann. Aber er hat uns überzeugt und ist nun ein ernsthafter Kandidat für das Nationalteam.

…ÜBER BEDEUTUNG VON ERFAHRENEN SPIELERN IM ÖFB-TEAM: Sie sind gut genug, weil sie viel Erfahrung haben. Viele haben in ausländischen Ligen gespielt, können Situationen einschätzen, haben mehrfach Erfahrung mit Auswärtsspielen, als ein Spieler, der nur die österreichische Bundesliga kennt und plötzlich in Moskau vor 70.000 Zuschauern gegen Russland spielt. Das ist schon ein Unterschied. Wir brauchen viel Ruhe am Platz, dafür sind ältere Spieler wichtig. Das heißt aber nicht, dass sie dann spielen. Das hängt von der Leistung, dem Gegner, der Taktik ab, wie wir auflaufen wollen. Aber grundsätzlich denke ich, dass wir eine gute Mischung haben, das passt so.

…ÜBER ALMER UND JANKO, DENEN MAN FEHLENDE SPIELPRAXIS ANSIEHT: Ich habe immer gesagt, dass Robert immer seine Leistung gebracht hat. Gestern hat er vielleicht ein bisschen unsicher und nicht so konzentriert gewirkt. Da war er aber nicht der Einzige. Wir werden abwarten und hoffen, dass er einen Verein findet. Die Trainingseindrücke waren gut, das Spiel ein bisschen weniger. Da kann man aber fast das ganze Team dazunehmen. Janko spricht viel mit mir, schätzt das ab, muss aber selbst eine Entscheidung treffen. Wichtig ist, dass er bei einem neuen Klub spielt, gefordert wird und einen Rhythmus hat. Wenn du individuell für dich trainierst, ist das wie wenn du verletzt wärst. Es braucht extrem viel Disziplin und Wille, wenn man nicht mit der Mannschaft mittrainieren darf und nur Fahrrad fahren, schwimmen oder was weiß der Kuckuck machen kann.

…ÜBER ZUKUNFT VON HINTEREGGER UND DRAGOVIC IN DER INNENVERTEIDIGUNG: Gestern haben wir nicht so gespielt, aber davor hat das drei Mal hintereinander schon gut funktioniert. Es sind aber noch 83 Tage, bis wir gegen Schweden in die EM-Qualifikation starten. Da kann noch viel passieren. Wichtig ist, dass wir Alternativen haben. Wir werden am Erfolg gemessen. Wenn ich das Gefühl habe, der Spieler bringt uns weiter und bringt gute Leistungen, dann ist das möglich. Hinteregger hat uns bisher nicht enttäuscht, das werden wir genau beobachten.

…ÜBER ARNAUTOVIC' AUFBLÜHEN UND WEIMANNS SCHWIERIGKEITEN: Wenn Arnautovic so spielt, kann er diese Stütze sein. In England war auffallend, wie viel Ballbesitz er hat. Die Spieler suchen ihn, er hat viele Aktionen und ruft sein Talent ab. Ich habe mit ihm gesprochen, dass er noch mehr kann und mehr fürs Team bringen muss. Es ist wichtig, dass er seine Möglichkeiten umsetzt und Präsenz, Technik, Schnelligkeit am Ball auf den Platz bringt. Bei ihm ist noch weiteres Potenzial nach oben, aber er muss auch defensiv nach Ballverlust arbeiten. Aber er kann das werden, was wir uns vorstellen. Bei Weimann ist es kein Rätsel, man braucht Geduld. Bei einem geht es schneller, beim anderen weniger schnell. Er muss an sich arbeiten, das Selbstvertrauen macht viel aus. Wenn man das nicht hat, zweifelt man vielleicht. Er muss schauen, dass er das in die richtigen Bahnen bringt.

…ÜBER NEU ENTSTANDENE SORGEN IM HINBLICK AUF DIE EM-QUALI: Ich zähle meine grauen Haare nicht, vielleicht sind mir auch wieder welche ausgefallen. Es ist natürlich besser, Tore durch Fehler im Testspiel zu bekommen. Dann können wir das ansprechen. Die Spieler müssen das mitnehmen, annehmen und auf den Platz bringen. Wenn ein Spieler zu viele Fehler macht und ein anderer besser ist, mehr Ruhe und Qualität hat, dann wird der andere spielen. Das ist eh klar. Keiner spielt bei uns, weil er ein Super-Kerl ist oder weil wir ihn mögen. Nein, wir müssen erfolgreich sein und dafür werden wir alles geben. Das heißt aber nicht, dass wir gleich das Vertrauen verlieren. Nur weil einer ein schlechtes Spiel macht, heißt das nicht, dass er nicht mehr aufgeboten wird. Wir haben über die letzten zwei Jahre gezeigt, dass wir schon eine gewisse Treue haben. Es ist absolut normal, dass Spieler auch einmal ein schlechtes Spiel machen können.

…ÜBER AUSSAGEN DER SPIELER; DASS EM-TEILNAHME ANSPRUCH SEIN MUSS: Das wird kein lockerer Weg werden. Die EM ist aber unser Ziel, wir wollen dorthin. Ob wir es schaffen, werden dann die Spiele zeigen. Aber ich glaube, dass wir es schaffen können.

…ÜBER KOLLERS SPIONAGE-TOUR BEI DER WM 2014 IN BRASILIEN: Ich werde mir die Gruppenspiele von Russland und vielleicht noch zwei andere Spiele anschauen. Das ist unser einziger Gruppengegner, der in Brasilien im Einsatz ist. Ich bin grundsätzlich wegen Russland vor Ort, um mir in kürzester Zeit ein Bild zu machen und Erkenntnisse zu ziehen. Allgemein schätze ich Brasilien, Argentinien, Spanien, Deutschland, Chile stark ein, auch Kolumbien. Belgien hat auch eine sehr gute Mannschaft, der aber vielleicht noch die Erfahrung bei großen Turnieren auf diesem Level fehlt. Das sind schon Teams, die viel bewegen können.

…ÜBER DEN WOHLVERDIENTEN URLAUB DER ÖFB-TEAMSPIELER: Sie sollen unbedingt ihren Urlaub genießen, abschalten und ja keinen Fußball spielen. Dann werden sie wieder frischen Wind, Energie, Spaß und Freude haben. Alles weitere beginnt dann im September. Ich weiß nicht, ob jeder die WM schauen wird. Der eine oder andere wird jedes Spiel schauen, das ist beim Teamchef schon was anderes. Ich mache dann Anfang Juli Urlaub.


Aufgezeichnet von Alexander Karper

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