Mit Siegermentalität und klarer Idee zur Renaissance

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Schon 1994 war es spürbar.

Es war etwas Besonderes, das den späteren Weltmeister Brasilien umgab - ein eigener Flair, eine eigene Aura, ein eigenes Gefühl.

Angeführt von jenem Mann, der im fortgeschrittenen Alter von 31 Jahren nicht nur im Finale gegen Italien die Kapitänsbinde trug: Carlos Dunga.

Das Funkeln in seinen Augen und den unbändigen Willen hat der bereits zum zweiten Mal installierte Teamchef der Selecao bis heute nicht verloren.

„Versucht uns, diese Siegermentalität zu vermitteln“

Das bittere Abschneiden bei der Heim-WM inklusive 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland hat am Zuckerhut Spuren hinterlassen.

Trotz des vierten Platzes hatte Luiz Felipe Scolari keine Zukunft mehr. Es musste jemand her, der eine neue Euphorie entfacht und eine genaue Philosophie verfolgt.

„Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie, aber er hat diese Siegermentalität, die er uns versucht zu vermitteln. Dunga hat dieses Sieger-Gen“, schwärmt Manchester-City-Legionär Fernandinho von dem in die Bresche gesprungenen Dunga.

Der mittlerweile 51-Jährige schreckte vor der Aufgabe nicht zurück, einen Neuaufbau in Angriff zu nehmen und die Mannschaft radikal zu verändern.

Komplette Neuorientierung in der „Selecao“

Seit der Rochade am Trainerposten konnte die brasilianische Auswahl fünf Testspiel-Siege in Serie einfahren und musste bisher kein einziges Gegentor hinnehmen.

„Diesen Willen will er von jedem Spieler sehen. Das ist schon eine Veränderung zu vorher, darauf wird noch mehr geschaut“, weiß auch Porto-Defensivspieler Danilo zu berichten.

Veränderung ist ein gutes Stichwort. Alles beim Alten zu belassen und den eingeschlagenen Weg trotz der heftigen Rückschläge weiterzugehen, hätte in diesem Fall keinen Sinn gemacht.

Der Kader wurde komplett ausgemistet, nur sieben WM-Akteure spielen auch weiterhin eine Rolle in Dungas Überlegungen.

„Jeder Spieler gibt alles, um eine gute Rolle in der Mannschaft zu spielen. Das ist alles die Vorbereitung für größere Aufgaben“, meint Marquinhos von Paris St. Germain.

„Das Wichtigste ist, dass wir eine klare Spielidee haben“

Jeder einzelne Kaderspieler bestätigt und schwärmt davon, dass der Umbruch und Dungas Herangehensweise eine positive Entwicklung vorsieht.

„Das Wichtigste ist, dass eine klare Spielidee vorhanden ist“, stellt etwa Oscar, Dreh- und Angelpunkt in Brasiliens Offensivspiel und Schüler von Jose Mourinho beim FC Chelsea, klar.

Klingt beinahe so, als ob dies vorher nicht der Fall gewesen sei. Fakt ist vor allem, dass der Konkurrenzkampf und die mannschaftliche Geschlossenheit ihren Beitrag dazu leisten, das unzufriedenstellende Jahr 2014 gestärkt zu beenden.

Vor allem die in der „Selecao“ oft vernachlässigte Defensive erfreut sich neuer Stabilität, was nach Meinung der Spieler keinesfalls auf Zufall basiert.

Mehr Ausgewogenheit zwischen Defensive und Offensive

Das Torverhältnis von 12:0 in den letzten fünf Spielen hat gezeigt, dass in Zukunft eine ausgewogene Mischung zwischen Defensive und Offensive zum Erfolg führen soll.

„Die ganze Mannschaft arbeitet gut zusammen. Von vorne bis hinten ziehen alle an einem Strang“, lobt Oscar die neu umgesetzte Systemvariante.

„Wir sind defensiv sehr gut aufgestellt und vor allem organisierter als vorher“, nennt auch Fernandinho taktische Veränderungen als Grund, dass es derzeit so gut läuft.

Gut stehen und nach Ballverlust mit schnellem Umschaltspiel in die Spitze spielen, so lautet das Rezept, dass Dunga forciert und für dass es bereits bei der WM beste Beispiele gab.

Dungas Pläne gingen nicht immer auf

„Wir fangen mit den Stürmern zu verteidigen an und sind eine Einheit. Wir sind hinten gut aufgestellt und erzeugen über die Seiten viel Druck“, ist vor allem Außenverteidiger Danilo von dieser Herangehensweise begeistert, da er sich offensiv mehr einbringen kann.

Alles ist genau festgelegt, akribisch arbeitet Dunga für jeden Gegner ein Konzept aus. „Alles ist genau durchgeplant. Es gibt einen genauen Plan, wie wir jedes Spiel angehen“, ergänzt Fernandinho.

In der Trainerkarriere von Dunga war allerdings nicht alles durchgeplant. Schon von 2006 bis 2010 unternahm er einen Anlauf, Brasilien wieder auf den Thron zu hieven.

Vergeblich. Ohne jede Trainererfahrung übernahm er nach der WM 2006, seine erste Ära als Chefbetreuer endete nach einer 1:2-Viertelfinal-Niederlage gegen die Niederlande.

Kommt die zweite Teamchef-Ära zu früh?

Der Weltmeister von 1994 zog sich daraufhin in seine Heimat zurück und trainierte den SC International, wo er seine aktive Karriere sowohl begann als auch ausklingen ließ.

Mit dem „Campeonato Gaucho“ gewann er seinen ersten Klubtitel, musste aber auch dort nach einem Dreivierteljahr seinen Hut nehmen.

Trotz der wenigen Erfolge in seiner Trainerlaufbahn war er nach der WM-Blamage bei Brasiliens Nationalteam sofort wieder die erste Wahl.

Vergeben und vergessen, was einmal war. Das ist auch das Motto, um die Vorfälle der vergangenen Monate aus den Köpfen der Spieler zu bekommen.

„Natürlich hinterlässt das Spuren“

„Natürlich hinterlässt so ein Spiel wie das 1:7 immer Spuren. Das kann man nicht wegwischen, aber man muss nach vorne schauen. Wir zeigen mit guten Resultaten, dass wir das überwunden haben, auch wenn es noch in den Hinterköpfen ist“, blickt Oscar, der selbst bei der WM mitwirkte, zurück.

Auch Fernandinho meint: „Es ist natürlich noch präsent, aber das Wichtigste ist, dass wir daraus lernen. Das 1:7 war ein Ausrutscher.“

Somit muss nicht nur physisch, sondern auch mental ein Neuanfang eingeleitet werden. Das Spiel gegen Österreich wird das sechste auf einem langen Weg sein.

Dunga hat das Siegergen bereits. Gelingt es ihm, dieses auch seinen Schützlingen zu injizieren, stehen der Selecao schon bald wieder bessere Zeiten bevor.


Alexander Karper

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