Öffentliches Zuckerbrot und interne Peitsche

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„Oje, ein Hund, ich geh‘ keinen Schritt weiter!“

Marko Arnautovic bewies vor einigen Tagen zu Beginn des ÖFB-Camps in Seefeld Selbstironie, als ein Trainings-Zaungast mit einem Köter auftauchte.

Schließlich hatte sich der 23-Jährige Anfang März beim Spielen mit seinem Hund einen Innenbandriss im rechten Knie zugezogen.

Diese Wunden sind längst verheilt, ebenso wie nach seinem Doppelpack beim 3:2-Erfolg des Nationalteams jene durch das gellende Pfeifkonzert des Klagenfurter Publikums beim 3:1-Sieg gegen Finnland Ende Februar.

„Ein fantastisches Gefühl“

„Es ist natürlich ein fantastisches Gefühl, wenn man in der letzten Minute das Siegtor macht und im eigenen Stadion mit den Fans feiern kann, das ist einfach ein Wahnsinn“, strahlt Arnautovic.

Kein österreichischer Kicker übt sich derart gekonnt im Spagat zwischen Genie und Wahnsinn, wofür die 90 Minuten am Innsbrucker Tivoli sinnbildlich waren. Letztlich verfügen aber auch wenige die Gabe, aus dem Nichts heraus für derartige Impulse zu sorgen, wie der Werder-Legionär mit seinem Doppelpack. Vor allem der Siegtreffer fiel unter die Kategorie sehenswert.

Teamchef Marcel Koller nennt es ein „geiles Tor“, Julian Baumgartlinger findet: „Das sind die Einzelaktionen, die oft angesprochen werden, wenn man Individualisten oder Sonderkönner wie Marko hat.“

Bis zum ersten Ausrufezeichen, sprich seinem ersten Treffer, hat es allerdings gedauert. Gut eine Stunde lang gelang Arnautovic wenig. Mit dem offensiven Leerlauf stand er innerhalb der ÖFB-Elf jedoch nicht allein auf weiter Flur (siehe LAOLA1-Taktik-Analyse), weshalb Koller die Kritik an der Leistung seines Schützlings bis zu diesem Zeitpunkt relativiert.

Kollers Politik der kleinen Schritte

Defensiv habe er nämlich die Vorgaben erfüllt und so seinen Anteil daran, dass sich die Ukraine weitestgehend die Zähne am kompakt stehenden österreichischen Team ausbiss:

„Er hat das, was wir uns erarbeitet haben und ich von ihm sehen wollte, sehr gut umgesetzt - nämlich dass er versucht, vorne zuzustellen, sodass der Gegner nicht in die Tiefe spielen kann.“

Dennoch überlegte auch der Teamchef bereits, ob er den Wiener vom Feld nehmen sollte, wurde letztlich jedoch für die Entscheidung, ihn auf selbigem zu belassen, belohnt (siehe Kollers Nachbetrachtung).

Es scheint, als ob Kollers Politik der kleinen Schritte auch im Fall Arnautovic positive Effekte zeigen würde. Der Schweizer hält in der Öffentlichkeit stets die schützende Hand über den vermeintlichen „Problemboy“, wehrt sich stets vehement gegen den Vorwurf mangelnder Trainingsleistungen und fordert im Spiel keine Wunderdinge, die vielerorts von einem derart mit Talent gesegnetem Akteur erwartet werden.

„Haben in Österreich nicht viele Fußballer mit solchen Qualitäten“

„Ich bin einfach überzeugt, dass wir in Österreich nicht viele Fußballer mit solchen Qualitäten haben“, begründet der 51-Jährige seine Geduld und betont gleichzeitig: „Wir wissen aber auch, dass er das noch nicht hundertprozentig umsetzt. Das wird auch noch ein bisschen Zeit brauchen.“

Vermutlich eine richtige Entscheidung, wenn sich der Charakterdarsteller voll und ganz auf seine Aufführungen auf der Fußballbühne konzentrieren kann. Andererseits ist es zuletzt ohnehin ruhiger um ihn geworden, der letzte öffentliche Ausrutscher des werdenden Vaters ist schon eine Weile her.

„Gegen Finnland hatte ich ein Blackout“

Auch nach dem Pfeifkonzert gegen Finnland, das quasi eine „Einladung“ zu einem Rundumschlag gewesen wäre, präsentierte sich Arnautovic selbstkritisch. Die Einschätzung seiner Leistung hat sich drei Monate später nicht geändert: „Gegen Finnland hatte ich ein Blackout, es ist mir gar nichts gelungen. Ich hatte einfach einen schlechten Tag.“

Seine ÖFB-Nebenmänner wissen, dass ihn das Klagenfurter Publikum damals mitten ins Herz getroffen hat. „Es war keine leichte Zeit für ihn. Ich glaube, am Spiel gegen Finnland hat er ein bisschen zu knabbern gehabt. Gegen die Ukraine hat er die beste Antwort gegeben. Ich freue mich sehr für ihn, das hat er sich wirklich verdient“, erklärt Marc Janko.

Sebastian Prödl glaubt, dass Arnautovic die gute Stimmung innerhalb des Nationalteams gut tue. Mit Zlatko Junuzovic legt der zweite Werder-Kollege die Latte sogar noch ein bisschen höher:

„Das zweite Tor war phänomenal. Das sind seine Qualitäten, er muss sie nur öfter umsetzen. Wir wissen alle, was er drauf hat, er selbst weiß es auch. Wenn er das von Spiel zu Spiel abrufen kann, wird er ein ganz Großer werden. Wir werden ihn auf dem Weg unterstützen, und er wird uns unterstützen.“

Nachlegen, um Kritiker verstummen zu lassen

Konstanz lautet das Stichwort - dann wird die Beziehung zwischen Arnautovic und dem Nationalteam nicht als Missverständnis in die österreichische Fußball-Geschichte eingehen, wie man es zwischenzeitlich schon befürchten musste.

Das wissen alle Beteiligten, angefangen vom Teamchef. „In der Vergangenheit ist viel vorgefallen, da hat er sicherlich seinen Teil beigetragen. Ich habe ihm gesagt: Sein Weg, um das zu ändern, kann nur der sein, dass er so wie gegen die Ukraine Tore macht. Er muss auch da noch mehr machen – das ist mir bewusst und ihm auch. Ich weiß aber auch, dass es nicht von heute auf morgen geht“, so Koller.

Und auch Arnautovic selbst weiß, dass er nachlegen muss, um seine Kritiker verstummen zu lassen. Deshalb will er sich mit dem Erfolgserlebnis gegen den EURO-Gastgeber gar nicht zu lange aufhalten:

„Man kann einen Tag zufrieden sein, aber ab sofort heißt es volle Konzentration auf Rumänien.“

Peter Altmann

Koller bremst also die öffentliche Erwartungshaltung, die bei Arnautovic tendenziell immer eine Spur höher ist als bei den meisten seiner Kollegen. Dies heißt jedoch nicht, dass er im Gegenzug nichts fordert:

„Ich kritisiere ihn auch, aber nicht in der Öffentlichkeit. Wenn ich das unter vier Augen mache, kriegt er schon mit, was er mitkriegen muss, wo ich das Gefühl habe, dass er sich in den Hintern kneifen und etwas tun muss.“

Öffentliches Zuckerbrot und interne Peitsche quasi. Arnautovic bedankt sich artig für das „Vertrauen des Trainers“ und ließ diese Dankbarkeit mit seiner innigen Umarmung für Koller nach dem Siegtreffer auch jedermann sehen. „Er hat mir vor dieser Szene die ganze Zeit gesagt, ich soll weitermachen, den Treffer erzielen und uns zum Sieg führen“, erzählt der Matchwinner.

ÖFB nimmt Arnautovic aus medialem Rampenlicht

Während des Camps in Seefeld stand Arnautovic bislang auch nicht so sehr im Fokus der Medien wie gewohnt. Das Rampenlicht gehörte vor allem dessen Kumpel David Alaba, während dem Bremen-Profi in manchen Zeitungen nur Hohn und Spott für seine Trainingsleistungen blieb.

„David hat es sich verdient. Er hat bei den Bayern eine sehr gute Saison gespielt. Die Journalisten stürzen sich natürlich auf ihn, weil er jetzt einer der Stars bei uns ist. Ob sie mich irgendetwas fragen oder nicht, ist mir gleichgültig. Ich rede natürlich mit jedem, aber es ist schon ein bisschen leichter, wenn es ruhiger ist“, nimmt Arnautovic die verringerte Präsenz in den Medien gelassen.

Wobei diese weniger auf das nicht vorhandene Interesse der Journalisten-Schar zurückzuführen ist, im Gegenteil. Es ist wohl auch Teil der ÖFB-Strategie unter Koller, den 23-Jährigen subtil aus den Schlagzeilen zu nehmen. Interviews sind nämlich nur noch bei den offiziellen Medienterminen möglich, Arnautovic wurde im Vorfeld des Ukraine-Spiels von diesen ferngehalten.

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