Taktik-Analyse: Fehlende Durchschlagskraft

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0:0 - Österreich beendete den zwölftägigen Teamlehrgang mit einem Remis gegen Rumänien.

Vor 12.500 Zuschauern in Innsbruck war die Mannschaft von Marcel Koller dabei das bessere Team.

Gegenüber dem 3:2-Sieg gegen die Ukraine nahm der Schweizer fünf Änderungen vor. Das Tor hütete Christian Gratzei anstatt Heinz Lindner, für Andreas Ivanschitz spielte Guido Burgstaller, für Sebastian Prödl Aleksandar Dragovic, für Julian Baumgartlinger Veli Kavlak, und György Garics, der Florian Klein früh ersetzte, spielte diesmal gleich von Anfang an.

Der Spielverlauf: Zu wenig Durchschlagskraft

Der Spielverlauf ist schnell beschrieben: Wie erwartet stand Rumänien in einer 4-2-3-1-Formation tief vor dem eigenen Sechzehner und überließ Österreich das Spiel. Alaba und Co. durften dabei einen Querpass nach dem anderen machen, das Spiel in die Tiefe wurde von den Südosteuropäern aber unterbunden. Phasenweise setzte das Team von Victor Piturca auch zum offensiven Pressing an. Mit diesem hatte die ballsichere ÖFB-Defensive jedoch so gut wie keine Probleme. Auffallend am österreichischen 4-2-3-1-System war zudem, dass die Flügelspieler diesmal öfters in die Mitte zogen. Vor allem Marko Arnautovic, der nach 13 Minuten mit Guido Burgstaller die Seite wechselte und auf links ging, ließ sich immer wieder nach innen fallen.

Grafik 1: Die Formationen beider Teams

 

Letztendlich ergab sich ein recht einseitiges Spiel mit 64 % Ballbesitz auf Seiten der Österreicher. Durch geschicktes Gegenpressing wurden die meisten Konterversuche frühzeitig unterbunden. Nicht umsonst hatten die alles in allem schwachen Rumänen nur einen Eckball und den erst in der 90. Minute. Dass es dennoch nicht zu einem Sieg reichte, lag einerseits an der mangelnden Chancenverwertung nach Standardsituationen. Andererseits aber an fehlender Durchschlagskraft im letzten Angriffsdrittel. Beide Trainer hielten über das gesamte Spiel an ihren Systemen fest, änderten nur personell etwas. Deswegen sollen im Folgenden vier spezielle Aspekte des österreichischen Spiels näher analysiert werden:

  • Moderne Mittelfeldzentrale

„Im zentralen Mittelfeld baue ich auf drei spielstarke Typen. Die müssen defensiv wie offensiv gut sein. Wir spielen nicht mehr wie vor drei, vier Jahren mit zwei Sechsern. Nein, ich will Sechser, Achter, Zehner“, meinte Bundestrainer Joachim Löw angesichts seiner Auswahl des deutschen Mittelfelds für die Europameisterschaft. ÖFB-Teamchef Koller scheint die gleiche Philosophie zu verfolgen. Mit Veli Kavlak als Sechser, David Alaba als Achter und Zlatko Junuzovic als Zehner stellte er eine spielstarke Mittelfeldzentrale auf, die auch defensiv überzeugte.

Da jeder einzelne dieser Drei sowohl Sechser, Achter als auch Zehner spielen kann, wechselte das Trio des öfteren die Positionen. So gingen Kavlak und Alaba mit nach vor, wenn Junuzovic einmal aus der Tiefe das Spiel einleitete. Wichtig war nur, dass bei eigenem Angriff immer einer im Hinterraum absicherte, um den Konter zu verhindern. Vor allem Kavlak, der am öftesten in diese Sechser-Rolle schlüpfte, unterband einige Gegenangriffe, indem er nach Ballverlust aggressiv gegen den Ball presste. Mit Baumgartlinger, Ivanschitz, Pehlivan oder auch Leitgeb verfügt das ÖFB-Team noch über weitere geeignete Spieler für eine solch moderne Mittelfeld-Zentrale.

  • Das österreichische Pressing

ÖFB-Goalie Gratzei erlebte gegen Rumänien einen relativ ruhigen Arbeitstag. Wie schon gegen die Ukraine leistete die österreichische Defensive hervorragende Arbeit. Einerseits wurden, wie bereits erwähnt, rumänische Konter durch blitzartiges Gegenpressing nach Ballverlust sofort unterbunden. Andererseits funktionierte die Defensivarbeit aber auch, sobald die Rumänen einmal die Möglichkeit hatten, das Spiel von hinten aufzubauen.

Wie schon seit Anbeginn der Koller-Ära wurde auch am Dienstag wieder aus dem 4-2-3-1 in der Offensive ein 4-4-2 bei gegnerischem Ballbesitz. Der Zehner, in diesem Fall Zlatko Junuzovic, schiebt dann auf Höhe des Stürmers. Dahinter reihen sich zwei Viererketten auf, die relativ hoch und kompakt stehen. Auf permanentes Forechecking verzichtet das ÖFB-Team. Das wäre auch viel zu kraftraubend. Stattdessen geben die beiden vordersten Spieler quasi das „Kommando“, wann abgewartet wird und wann der Gegner unter Druck gesetzt werden soll. Läuft nun einer der beiden ÖFB-Angreifer einen Abwehrspieler an, so verschiebt das gesamte Mittelfeld mit nach vorne (siehe Grafik 2). Auf diese Weise sollen alle möglichen Anspielstationen für den ballführenden Gegenspieler abgedeckt werden und ein Ballverlust provoziert werden. Koller ist es damit gelungen, ein einheitliches und international übliches Pressingverhalten auch im ÖFB-Team einzuführen.

Grafik 2: Das Pressingverhalten des ÖFB-Teams bei Ballbesitz des rechten Innenverteidigers des Gegners.

  • Ruhiger Spielaufbau

Etwas, was beim 3:2-Sieg gegen die Ukraine nicht klappte, funktionierte gegen Rumänien umso besser: Der ruhige Spielaufbau. Die österreichischen Defensivspieler ließen sich in der eigenen Hälfte nicht unter Druck setzen, sondern versuchten sauber aus der eigenen Hälfte herauszuspielen. Die 64 % Ballbesitz kommen schließlich nicht von irgendwo her. Auf den Höhepunkt trieben es Dragovic, Alaba und Suttner, als sie in der ersten Halbzeit an der eigenen Grundlinie drei Gegenspieler mit Ein-Kontakt-Fußball aussteigen ließen. Zudem bewies auch Paul Scharner, dass er mit seiner Dynamik von hinten heraus eine wichtige Waffe sein kann. Die rechte Position in der Innenverteidigung scheint ihm dabei mehr zu liegen, als links, da er damit seinen stärkeren rechten Fuß besser einsetzen kann.

  • Probleme im Angriffsdrittel

Es zieht sich wie ein roter Faden durch Kollers bisherige Amtszeit. Im letzten Angriffsdrittel gerät das Kombinationsspiel ins Stocken. Das war beim Debüt in der Ukraine so und auch im Februar beim 3:1 über Finnland. Es fehlt an gefährlichen Flanken genauso wie an Pässen in die Tiefe und Laufwege, die Löcher in die Abwehr reißen. Einmal mehr war die Solospitze, ob sie nun Marc Janko oder Patrick Bürger hieß, zu wenig ins Offensivspiel eingebunden. Der Teamchef weiß aber, dass in diesem Punkt Verbesserungsbedarf besteht: „Natürlich müssen wir uns im Spiel nach vorne noch weiterentwickeln. Das werden wir auch tun.“

Fazit: Guter Weg, aber noch lange nicht am Ziel

Nach den beiden Spielen gegen die Ukraine und Rumänen kann das ÖFB-Trainerteam durchaus zufrieden sein. Ein klarer Fortschritt ist erkennbar, vor allem in der Defensivarbeit. Auch in der Offensive funktioniert der Spielaufbau schon ganz ordentlich. Nur im letzten Angriffsdrittel hapert es noch mit dem Zusammenspiel.

Koller und sein Team wissen also, wo sie den Hebel ansetzen müssen. Jetzt werden sie aber zunächst einmal die zukünftigen Quali-Gegner bei der Europameisterschaft beobachten. Und vielleicht kann sich der Schweizer ja in Zuge dessen von dem ein oder anderen EURO-Teilnehmer Ideen für das ÖFB-Team abschauen.

 

Jakob Faber

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