"Nicht nur Schokoladenfußball"

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"Ob 1:0 oder 5:0 interessiert keinen"

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„Wir sind Tabellenführer, aus drei Spielen brauchen wir einen Punkt. Also freut euch doch mal!“

Bei seiner Pressekonferenz hatte Teamchef Marcel Koller das Gefühl, dem einen oder anderen Journalisten Enthusiasmus vermitteln zu müssen. Oder Realismus, je nach Sichtweise.

Man könne nicht immer schöne Siege mit vielen Toren feiern, betonte der Schweizer: „Man muss nicht das Haar in der Suppe suchen. Es gibt eben nicht jeden Tag Schokoladenfußball.“

Nachdem die erhoffte EM-Qualifikations-Party schon vor dem Anpfiff aufgrund des russischen Sieges gegen Schweden ins Wasser gefallen war, fiel auch der 1:0-Sieg gegen Moldawien nicht unter die Kategorie rauschendes Fußball-Fest.

Das Geduldsspiel

Dafür präsentierte sich das Nationalteam ruhig, abgeklärt, unaufgeregt, selbstbewusst – und vor allem geduldig.

„Bei so einem Spiel gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man geht früh in Führung, bekommt mehr Räume und legt ein, zwei Tore nach. Oder es wird ein Geduldsspiel. Wir wussten, dass sie defensiv spielen. Deswegen wollten wir das Spiel breit machen und gute Passfolgen zeigen. Wir haben Geduld gebraucht, mussten ständig dran bleiben", erläuterte Koller.

„Wir haben gegen zehn Verteidiger gespielt“, meinte Arnautovic, Christian Fuchs sprach von einer „Zehn-Mann-Mauer“.

„Bis zu einem gewissen Grad war es frustrierend. Für mich war es wirklich eines der härtesten Spiele in der Qualifikation, weil du ohne Ende läufst und investierst, aber dann trotzdem noch zehn Mann vor dir hast. Das war wirklich sehr schwer. Wir haben die Lücken gesucht, haben sie auch schon erste Halbzeit gefunden, aber leider das Tor nicht gemacht", resümierte der ÖFB-Kapitän.

"Der Tormann hat uns gefühlte zehn Minuten weggenommen"

Dazu kam, dass es vor allem Moldawiens Schlussmann Ilie Cebanu oftmals nicht allzu eilig hatte, den Ball wieder ins Spiel zu bringen. „Der Tormann hat uns gefühlte zehn Minuten weggenommen“, schätzte Aleksandar Dragovic.

„Man hat ja gesehen, dass der moldawische Torhüter schon nach 30 Sekunden auf Zeit gespielt hat. Das hat schon alles über ihre Taktik ausgesagt. Sie wollten uns aus der Ruhe bringen. Aber das haben sie nicht geschafft. Wir wollten die Contenance bewahren, und das ist uns gelungen. Das spricht für die Reife dieser Mannschaft“, lobte Marc Janko.

Und zwar bis zum erlösenden 1:0 durch Zlatko Junuzovic in der 52. Minute. „So ein Abstaubertor passte irgendwie zum Spiel“, grinste der Goldtorschütze.

„Geduldsspiel“ war in der Nachbetrachtung der 90 Minuten gegen die Osteuropäer mit Sicherheit der am öftesten verwendete Begriff.

"Uns ist völlig egal, wie viele Tore wir schießen"

„Das haben wir schon vorher gewusst. Es ist groß bei uns auf einem Plakat gestanden, dass Geduld ein Faktor werden kann. Wir haben kein schnelles Tor geschossen, sind aber ruhig und konzentriert geblieben und im Endeffekt dafür belohnt worden“, verdeutlichte Julian Baumgartlinger.

 „Uns ist völlig egal, wie viele Tore wir schießen, auch wenn vielleicht jeder erwartet hätte, dass wir höher gewinnen. Aber uns ist das völlig wurscht, so lange wir drei Punkte einfahren“, betonte der Mainz-Legionär. „Ob 1:0 oder 5:0 interessiert keinen. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt und die drei Punkte geholt“, ergänzte Marko Arnautovic.

Zum bereits vierten Mal in dieser Qualifikation hat Österreich somit 1:0 gewonnen. Nach sechs Siegen und einem Remis aus sieben Partien ist der große Traum von der EM-Teilnahme in Frankreich zum Greifen nahe. Die ÖFB-Elf rangiert sieben Zähler vor Schweden und acht vor Russland. Noch ein Remis und Österreich ist durch.

Die weitere Verbesserung der ohnehin schon guten Ausgangsposition war jedoch Schwerstarbeit. Der moldawische Abwehrriegel hat dem ÖFB-Team einiges abverlangt.

"Wir haben gegen zehn Verteidiger gespielt"

„Wir haben den Gegner von vornherein sehr defensiv erwartet, aber da haben sie sich selbst noch einmal übertroffen. Sie hatten eine gute Taktik“, zollte Martin Harnik Respekt, „wir hätten uns so einen Spielverlauf wie in Liechtenstein mit frühen Toren gewünscht, um gleich mal Druck aus dem Kessel zu nehmen. Das ist uns leider nicht gelungen, weil die letzte Flanke oder der letzte Pass nicht konzentriert angekommen sind. Das ist der einzige Vorwurf, den wir uns machen müssen. Wir haben 90 Minuten lang dominiert und Druck aufgebaut, aber uns zu selten belohnt.“

„Wir waren die überlegene Mannschaft, die haben nicht einmal Luft bekommen“, erklärte Arnautovic, dessen Treffer vor der Pause zu Unrecht wegen Abseits aberkannt wurde.

„Der Schiedsrichter hatte keine Lust, mir das zu geben“, schüttelte der Stoke-Legionär enttäuscht den Kopf, „dabei hat ein moldawischer Verteidiger den Ball zu mir gespielt. Da gibt es kein Abseits. Aber okay, es war so, das mussten wir akzeptieren.“

Freude über Almer-Rekord

So blieb die Rolle des Matchwinners Junuzovic, der zuvor schon zwei Kopfballmöglichkeiten vergeben hatte, vorbehalten. „Meine altbekannte Kopfballstärke“, grinste der Bremen-Legionär.

22 rot-weiß-rote Torschüsse zählte die offizielle Statistik letztlich, nur deren zwei für Moldawien. Wirklich eingreifen musste Goalie Robert Almer nur ein Mal.

Österreich Moldawien
Ballbesitz 67,7% 32,3%
Zweikämpfe 51,5% 48,5%
Torschüsse 22 2
Torschüsse außerhalb Strafraum 11 1
Torschüsse innerhalb Strafraum 11 1
Kopfballchancen 4 0
Flanken 27 6
Fouls 12 12

 

Nach dem 1:0 gegen Moldawien ist auch uns ein bisserl Stimmung im Bus erlaubt...

Posted by Das Nationalteam on Samstag, 5. September 2015

"Wir haben alle Trümpfe selbst in der Hand"

„Wir haben uns diese Position erarbeitet. Es war so ein langer Weg. Es war sehr wichtig, dass wir die Tabellenführung ausgebaut haben. Wir haben alle Trümpfe selbst in der Hand. Die Schweden müssen unbedingt, wir können uns auf uns selber konzentrieren“, meinte Junuzovic.

Auch wenn ein wenig Wehmut vorherrschte, dass man die Reise nach Frankreich nicht im ausverkauften Happel-Stadion feiern konnte, zählt nüchtern betrachtet nicht, wann man sich qualifiziert, sondern dass man sich qualifiziert.

Das sieht auch Harnik so: „Es war schon eine Luxussituation, dass wir heute nah dran waren an der Qualifikation, aber wir sind immer noch demütig und realistisch genug, dass wir uns über die Qualifikation freuen, egal wann wir sie fixieren.“

 

Peter Altmann/Jakob Faber/Alexander Karper

Der Torhüter durfte sich über den neuen ÖFB-Rekord von 513 Pflichtspiel-Minuten in Folge ohne Gegentor freuen.

Das tat auch der Teamchef: „Ich freue mich für ihn. Im Rückblick haben wir oft auch schwierige Zeiten erlebt – sowohl ich als auch er, weil er im Klub nicht zum Einsatz gekommen ist. Jetzt spielt er regelmäßig. Für den Rekord hat es natürlich auch die Leute vor ihn gebraucht. Der Rekord ist seiner, aber ich würde dem ganzen Team für diese Arbeit Lob zollen.“

Das machte Almer natürlich: „Es ist für mich als Torhüter nicht alltäglich, aber gleichzeitig ist es ein Zeichen für die ganze Mannschaft, dass wir defensiv gut zusammenarbeiten.“

"Wir alle haben ein größeres Ziel"

Der Rekord sei zwar etwas Besonderes, aber: „Wir alle haben ein größeres Ziel und wollen dieses am Dienstag erreichen.“

Geht Österreich beim Gastspiel in Stockholm nicht als Verlierer vom Platz, ist das Ticket für die EURO 2016 gelöst.

„Wir haben den Sack noch nicht zu“, stellte Arnautovic klar. Mit den Skandinaviern wartet ein Kontrahent, der sich durch die Niederlage in Moskau unter Zugzwang gebracht hat.

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