Die zehn Gebote des ÖFB-Fortschritts

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Schritt für Schritt für Schritt. Teamchef Marcel Koller verfolgt mit dem ÖFB-Team bekanntlich die Politik der kleinen Schritte, anstatt bei der Entwicklung zu hudeln oder hektisch zu agieren.

Mit dieser Strategie ist er schon ein gehöriges Stück weitergekommen. Als jüngster Beweis dafür dient das 1:2 gegen Deutschland.

Auch wenn die Punkte-Ausbeute am untersten Ende der Skala angesiedelt ist, brachte Rot-Weiß-Rot ein Nationalteam der höchsten Preisklasse gehörig ins Wanken.

Auch diesmal hat der akribische Arbeiter „Erfahrungswerte“, wie er es gerne nennt, gesammelt, „die man mitnimmt und die wir versuchen, das nächste Mal umzusetzen.“

Soll heißen: Beständiges lernen, sich weiterentwickeln, aus etwaigem Schaden klug werden. Stillstand ist Rückschritt.

Koller jedoch steht für Fortschritt. Dies kann man beobachten, wenn man gut ein Jahr zurückblickt, zum Kräftemessen mit dem WM-Dritten im Juni 2011. Beim selben Ergebnis wirkte das heurige 1:2 im Heimspiel gegen die DFB-Elf nicht wie ein chancenarmes Zufallsprodukt, sondern wie ein strategisch geplantes Werk.

Dennoch endete es mit einer für den Schweizer „frustrierenden Niederlage“. Eine jener seltenen Niederlagen, aus denen man weiteres Selbstvertrauen beziehen kann.

Aber auch eine, aus der man Lehren ziehen kann.

LAOLA1 nennt zehn Gebote für den weiteren Weg der Besserung.

Du sollst dich weiter in Geduld üben: Weiterhin der vielleicht wichtigste Punkt. Ja, dies ist die schwierigste Übung, und ja, Fußball-Österreich wartet schon lange, nein sehr lange, auf den endgültigen Durchbruch der ÖFB-Elf. Der Weg stimmt, aber um konstant auf dem gewünschten Level mitspielen zu können, sind noch einige Überholmanöver fällig. Das betrifft auch Felder, die schon gut klappen, wie das gegen Deutschland sensationelle und für die Amtszeit von Koller typische Pressing. „Auch das können wir weiter verbessern, da haben wir noch Potenzial nach oben“, sagt Koller, aber: „Dass das Zeit braucht, ist für mich als Trainer klar.“

Du sollst die Qualität weiter steigern: Das Reservoir an international herzeigbaren Kickern ist in den vergangenen Jahren um einiges größer geworden, nicht umsonst stehen große Teile des Nationalteams in ausländischen Top-Ligen unter Vertrag. Das heißt jedoch nicht, dass es keine fußballerische Luft nach oben gibt. „Sicherheit, Passspiel und Ruhe am Ball, das sind sicher Dinge, die man weiter entwickeln muss, speziell wenn man es mit Deutschland vergleicht. Das ist die absolute Weltklasse“, analysiert der Teamchef.

Du sollst mehr Konzentration an den Tag legen: Mit der Qualität steigt die Sicherheit, mit der Sicherheit die Konzentration. Die Zeit, als das ÖFB-Team teilweise überbemüht diverse Mängel kaschieren musste, sollte vorbei sein. Gegen einen Klassegegner wie Deutschland 90 Minuten voll da zu sein, fällt jedoch noch schwer. Koller vermisste in manchen Szenen, zum Beispiel vor dem 0:1 oder bei der vergebenen Großchance von Marko Arnautovic, die notwendige „Spannung“. Man darf davon ausgehen, dass dieses Thema auf der Agenda des Schweizers für die kommenden Lehrgänge weit oben stehen wird.

Du sollst die „Koller-Mentalität“ annehmen: Ob spontan oder vorbereitet: Mit dem Begriff der „Koller-Mentalität“ ist dem 51-Jährigen am Mittwoch im Rahmen seiner Nachbetrachtung ein Begriff über die Lippen gekommen, der ihn und das Nationalteam noch einige Zeit begleiten wird. „Die gilt es dem Team einzuimpfen“, stellt der Eidgenosse klar. Was bedeutet „Koller-Mentalität“? Nicht nur gegen Erzrivale Deutschland, sondern gegen jeden Kontrahenten motiviert zu sein: „Egal welcher Gegner, wir müssen ans Limit gehen und die Leistungsgrenze erreichen.“ Ein geschickter Schachzug. Koller ist inzwischen mit der österreichischen Mentalität vertraut. In der Vergangenheit konnte das Nationalteam nach Erfolgserlebnissen bisweilen nicht nachlegen. Etwaige Selbstzufriedenheit lässt der Schweizer erst gar nicht aufkommen.

Du sollst einem Stamm vertrauen: Erstaunlich schnell hat Koller einen relativ fixen Kader gefunden, von der Startelf, die sich von Spiel zu Spiel sehr ähnelt, ganz zu schweigen. Zwei, drei Spieler würde er im Moment noch beobachten, aber: „Ich denke schon, dass der Kader, den wir in den letzten Monaten zusammengestellt haben, jene Spieler beinhaltet, die uns in diesem System am meisten bringen können. Ich glaube nicht, dass wir irgendwo etwas verpasst haben oder einen Stürmer nicht gesehen haben.“ Gespannt sein darf man mittelfristig auf die Entwicklung der Youngsters Andreas Weimann (Aston Villa) oder Raphael Holzhauser (Stuttgart), um zwei hochveranlagte Beispiele zu nennen. Auch Rapidler Deni Alar ist dem Teamchef mit seinen guten Leistungen in dieser Saison ins Auge gestochen. Kaum eine Rolle spielte unter Koller bislang Erwin Hoffer. Das jahrelange Kadermitglied kam bei Frankfurt zuletzt jedoch auch kaum zum Zug.

Du sollst effizienter werden: Zum Abschluss das Thema der Deutschland-Partie, es wird  wohl auch im Vorfeld des unangenehmen Kasachstan-Doppels, in das man als klarer Favorit geht, oft zu vernehmen sein: die Abschlussschwäche. „Was die Effizienz betrifft, müssen wir uns von den Deutschen noch etwas abschauen“, stellt Pogatetz klar. Auch Koller fordert mehr Ruhe und Gelassenheit vor dem gegnerischen Tor. Wobei man fairerweise betonen sollte, dass Österreich 2012 im einen oder anderen Test sehr kaltschnäuzig aufgetreten ist und wenig liegen ließ. Bezüglich des Deutschland-Spiels kann man es auch positiv sehen, wie dies Ivanschitz tut: „Wichtig war, dass wir zu Chancen gekommen sind. Daran merkt man einfach, welches Potenzial in der Mannschaft steckt.“

Peter Altmann

Du sollst das Selbstvertrauen konservieren: Selbstzufriedenheit nein, Selbstvertrauen ja. Dieses soll zur Selbstverständlichkeit werden. Viel war im Vorfeld des Deutschland-Spiels davon die Rede, es sei merklich gestiegen. Koller führte dies vor allem auf die zuletzt guten Resultate zurück. Gegen die Elf von Joachim Löw war die breite Brust durchaus zu beobachten. Auch das Lob für diese Leistung werde der Seele seiner Kicker gut tun. Dennoch fordert der Schweizer auf dem Platz noch mehr Mut, gerade im Spiel nach vorne: „Da können wir uns verbessern, uns noch mehr zutrauen. Das gilt für jeden, ob das die Mittelfeldspieler sind, nicht nur die außen, sondern auch die, die im Zentrum spielen, oder die Außenverteidiger, die offensiv öfter bis zur Grundlinie durchgehen können. Das sind Dinge, die mit mehr Selbstvertrauen kommen. Mit einem guten Gefühl traut man sich mehr zu.“

Du sollst seiner Linie treu bleiben: Dass Koller seine Linie kompromisslos durchzieht, kommt an bei den Spielern. Wenig verwunderlich, sind die Fortschritte am Feld doch eindrucksvoll zu bewundern. „Wir müssen diesen Weg weitergehen“, ist daher zurzeit ein oft gehörter Satz aus ÖFB-Mündern. „Wir haben es jetzt geschafft, in mehreren Spielen ein ähnliches Gesicht zu zeigen. Das ist auf jeden Fall ein Verdienst von Marcel Koller, dass er uns beigebracht hat, in jedem Spiel gleich aufzutreten und eine Linie zu finden“, lobt Julian Baumgartlinger. Konstanz ist selten ein Fehler, das richtige Konzept betreffend schon gar nicht.

Du sollst weiter Erfahrung sammeln: Man erinnere sich an Zeiten unter Josef Hickersberger oder Didi Constantini, in denen teilweise die Minderheit der Mitglieder einer Startelf eine zweistellige Anzahl an Länderspielen vorzuweisen hatte. Phasenweise wimmelte es nur so vor Debütanten. Diese Zeiten sind vorbei. Gegen Deutschland war Goalie Robert Almer (4. Länderspiel) der einzige, von den Feldspielern war Veli Kavlak (19. Länderspiel) der „Unerfahrenste“. Die Balance aus internationaler Erfahrung und trotzdem junger Altersstruktur stimmt also zunehmend. Ihren Zenit hat die Mannschaft jedenfalls noch lange nicht erreicht. Nach dem Abgang von Paul Scharner ist Ersatz-Keeper Christian Gratzei das einzige Kadermitglied, das den 30. Geburtstag schon hinter sich hat. Bei den „Oldies“ Emanuel Pogatetz, Marc Janko und Andreas Ivanschitz wird dies erst im kommenden Kalenderjahr der Fall sein.

Du solltest Legionär werden: Die Botschaft dürfte inzwischen angekommen sein. Koller predigt zwar immer wieder, dass er auch auf Bundesliga-Akteure setzt, abgesehen von einzelnen Ausnahmen wie Markus Suttner oder Joker Guido Burgstaller stehen sie im Kader jedoch eher im zweiten Glied. Wer die Chance auf den Sprung ins Ausland hat, sollte also die Zeichen der Zeit erkennen. Nicht nur weil gegen Deutschland erstmals in der Länderspiel-Geschichte elf Legionäre in der Startelf standen, geht der Trend eindeutig dahin, dass man „Fremdarbeiter“ sein sollte, sofern man im Nationalteam Stammplatz-Ambitionen hegt. Ganz abgesehen davon, dass man in einer Top-Liga nur dazulernen kann.

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