Taktik-Corner: Welche Rolle spielt Fabregas?

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Wieso verpflichtet der FC Barcelona Cesc Fabregas?

Diese Frage stellten sich sowohl Fans als auch so manch selbst ernannter Fußballexperte.

Angesichts des Überangebots an Mittelfeldspielern schienen eher nostalgische denn sportliche Gründe überwogen zu haben, den „verlorenen Sohn“ von Arsenal nach Hause zu holen.

Nach den ersten Begegnungen im Dress der „Blaugrana“ wurde aber deutlich, dass hier mehr dahinter steckt, als der Wunsch, den „Cules“ einen weiteren Eigenbauspieler zu präsentieren.

Mit dem torgefährlichen Mittelfeldspieler besitzt der amtierende Champions-League-Sieger eine neue Waffe, um in der Offensive unberechenbarer zu werden.

Wer gedacht hat, Fabregas würde aus Platzmangel nicht in das System Barcas passen, der hatte…Recht. Also schuf Pep Guardiola kurzerhand ein neues System, das auf die Fähigkeiten seines Wunschspielers zugeschnitten ist.

LAOLA1 präsentiert: Barca 2.0.

Wie verbessert man das Beste?

In der vergangenen Saison holte der FC Barcelona 96 Punkte in „La Liga“ und krönte sich am 28. Mai schließlich zum vierten Mal in der Vereinsgeschichte zur besten Klub-Mannschaft Europas.

Beeindruckende Vorstellungen wie im Champions-League-Finale (3:1 gegen Manchester United) oder im ersten Clasico der Saison (5:0 gegen Real Madrid) ließen berechtigterweise darauf schließen, dass das Spielsystem der Katalanen nahe der Perfektion sei.

Basis war ein klassisches 4-3-3-System mit zwei taktischen Besonderheiten abseits der spielerischen Qualität der Einzelspieler. Einerseits besitzt Barca in Dani Alves einen Außenverteidiger, der diese Position offensiver als je zuvor interpretiert. Andererseits verabschiedete sich Guardiola nach dem gescheiterten Projekt Ibrahimovic von der Idee eines klassischen Mittelstürmers und setzte fortan auf eine "falsche Neun".

Holte sich Messi die Bälle aus dem Mittelfeld, wurde der vakante Raum im Sturmzentrum durch einen der Außenstürmer eingenommen, die ihrerseits oftmals durch den Vorstoß von Alves von ihrer Stammposition verdrängt wurden.

Im Taktik-Schema stellt sich die Ideal-Formation des letzten Jahres demzufolge so dar:

Grund zur Veränderung war angesichts der zahlreichen Erfolge eigentlich nicht gegeben. Und dennoch scheint Barcas Trainer-Guru dem Leitsatz zu folgen: Stillstand heißt Rückschritt.

Das durch den Champions-League-Triumph ausgewiesen beste Team Europas wurde im Sommer mit U21-Europameister Thiago Alcantara, Alexis Sanchez und eben Cesc Fabregas noch weiter verstärkt, ohne namhafte Abgänge erleiden zu müssen.

Antworten auf die Frage, wie aus diesem Übermaß an Kreativ-Spielern ein homogener Kader geformt werden soll, lieferte Guardiola dann gleich im ersten Meisterschaftsspiel gegen Villarreal.

Von 4-3-3 zu 3-4-3

Während Thiago und Sanchez die Positionen von Xavi beziehungsweise Pedro einnahmen, gab Fabregas als „falsche Zehn“, wie seine Spielart in manchen spanischen Medien betitelt wurde, sein Liga-Debüt.

Grundlage dieses taktischen Konzepts ist zunächst einmal die Abkehr des bewährten 4-3-3-Systems hin zu einem 3-4-3. Bei Verzicht auf einen zweiten Innenverteidiger erinnert die Defensive so an eine Dreierkette vergangener Zeiten.

Der Barca-Feldherr besinnte sich auf der einen Seite seiner eigenen spielerischen Vergangenheit, als der spanische Traditionsverein in den frühen 90er Jahren unter Johan Cruyff mit einem ähnlichen System aufgelaufen war, auf der anderen Seite aktuellen Trends aus Südamerika oder Italien, wo etwa das chilenische Nationalteam oder auch der SSC Napoli auf ein 3-4-3 vertrauen.

Im Aufstellungsfeld präsentiert sich diese Taktik-Variante wie folgt:

Vorteile:

Der zusätzliche Mittelfeld-Mann hat ein stetes Überzahlspiel in der Offensive zu Folge, wenngleich die freien Räume dadurch für den Ballführenden enger werden. Was bei anderen Mannschaften zu Problemen führen würde, kommt dem viel gepriesenen Tiki-Taka-Kurzpassspiel der Katalanen entgegen.

Als weiteres Positivum ist anzuführen, dass das Sturmzentrum im Regelfall besetzt bleibt. Lässt sich Lionel Messi also wie gewohnt ins Mittelfeld fallen, rückt Fabregas in die Spitze und nimmt die Position des Argentiniers ein. In diesem Sinne operiert „Barca 2.0“ mit zwei „falschen Neunern“, die dann wechselweise als „falsche Zehner“ agieren.

Dass bei der vielen „Falschheit“ einiges richtig läuft, beweisen die nackten Zahlen. In den ersten fünf Meisterschaftsrunden stehen 22 Tore auf der Haben-Seite der Katalanen. Für acht Treffer und fünf Assists zeichnete Messi verantwortlich, vier Tore und ebenso viele Assists kann Fabregas vorweisen.

Guardiola bedient sich somit der Qualität, die der ehemalige Arsenal-Kapitän seinen Nationalteam-Kollegen Xavi und Iniesta wohl voraus hat – Torgefahr. Die Tatsache, gleich in den ersten vier Liga-Spielen in Folge getroffen zu haben, unterstreicht dies wohl nur zu deutlich.

Nachteile:

Ein Verzicht auf einen zusätzlichen Verteidiger kann logischerweise zu Problemen in der Rückwärtsbewegung führen. Bei schnellem Umschalten des Gegners erzeugt dieser hinter dem gestaffelten Mittelfeld eine Überzahl-Situation, die jede Defensiv-Linie in Bedrängnis bringt.

Wird das Angriffsspiel zudem über die Seite aufgezogen, kommt es zu 1:1-Duellen, die eine jede Abwehr zu vermeiden sucht. Wie das im konkreten Fall aussieht, bewies der FC Valencia in der ersten Halbzeit des Liga-Duells am fünften Spieltag eindrucksvoll.

Jeremy Mathieu wurde konsequent über links angespielt, wo er mit seiner Schnelligkeit den Barca-Hintermännern Puyol und Mascherano überlegen war.

Ein spezielles Problemfeld ergibt sich in der Person von Dani Alves. Im 3-4-3 ist das Einhalten der Position auf den Außenbahnen sowohl in der Offensive als auch in der Defensive das Um und Auf.

Würde der Brasilianer als Außenverteidiger wie gewohnt bis zur Cornerlinie des Gegners mitrücken, müsste ein Stürmer ins Zentrum rücken, wo sich mit Barcas neuer Nummer vier bereits vier Spieler tummeln. Selbst für katalanische Verhältnisse ist das zu eng.

Nicht umsonst hat Guardiola den 28-Jährigen gegen Valencia daher auf die Stürmerposition des verletzten Sanchez gestellt. Puyol auf der eigentlichen Alves-Position beendete seine Vorstöße indes kurz nach der Mittellinie, um nicht die abstruse Situation zu schaffen, mit nur noch zwei Verteidigern Konter abwehren zu müssen.

Eine Runde später gegen Atletico Madrid schlüpfte Alves in seine gewohnte Rolle, hielt sich aber vornehm zurück und beschränkte sich auf die Aufbauarbeit von der Mittellinie weg.

Conclusio:

Cesc Fabregas ist zweifelsohne ein Gewinn für den FC Barcelona, sowohl auf der menschlichen als auch auf der sportlichen Seite. Mit dem neuen „falschen Zehner“ verfügt der Champions-League-Sieger über die Möglichkeit, zwischen zwei Spiel-Systemen je nach Anforderung umzuschalten.

Dass das 3-4-3 nicht der Weisheit letzter Schluss ist und selbst beim besten Klub der Welt nicht fehlerlos funktioniert, zeugt nur von der Menschlichkeit der Spieler und von der Komplexität des modernen Fußballs.

Noch befindet sich „Barca 2.0“ in den Kinderschuhen. Mit jedem Spiel steigen jedoch die Erfahrungswerte und so darf man gespannt sein, welche Entwicklungen im Laufe der Saison noch zu beobachten sein werden.

Eines steht jedoch fest und wird von Chef-Stratege Guardiola passend auf den Punkt gebracht: „Cesc macht uns noch besser.“

 

Christian Eberle

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