Wengers Lebenswerk beginnt zu bröckeln

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Wer an Arsenal London denkt, denkt an Arsene Wenger. Seit mittlerweile 15 Jahren sind beide Seiten eng miteinander verbunden.

Mit seinem Know-How reformierte der 61-jährige Franzose nicht nur die „Gunners“, sondern auch die Premier League und verhalf dem Insel-Kick zu einer gewissen Modernität.

Was das Sprachgenie (kann neben Französisch, Englisch und Deutsch auch Italienisch, Spanisch und Japanisch) in den letzten Jahren aufgebaut hat, weist nun aber erste Risse auf.

Zumindest an der Fassade bröckelt es nach den Erfolgen der jüngsten Vergangenheit. Somit stellt sich die Frage: Quo vadis, Arsenal?

Katastrophaler Auftritt gegen Manchester United

Mit dem Aufstieg in die Champions League zog die Wenger-Truppe gerade noch einmal den Kopf aus der Schlinge und verhinderte gegen Udinese Calcio den vorläufigen Super-Gau.

Nur wenige Tage später legte Arsenal beim 2:8-Debakel gegen Meister Manchester United einen katastrophalen Auftritt hin - der bisherige Tiefpunkt.

Trotz allem denkt Wenger nicht an seinen Rücktritt. "Die Niederlage ist schmerzhaft und erniedrigend. Aber die Saison ist noch jung. Man sollte mir mehr Zeit geben, um zu sehen, ob ich wirklich völlig falsch liege."

Langjährige, verdienstvolle Spieler waren am Boden zerstört. Kapitän Robin van Persie suchte gar nicht nach Ausreden, sondern stellte offen und ehrlich klar, dass man gegen die "Red Devils" chancenlos war.

Fabregas-Abgang ein Stich ins Herz

Eine bittere Niederlage gegen den FC Barcelona musste Arsenal nicht nur im CL-Finale 2006 hinnehmen.

Diesmal hatten die Londoner auch am Verhandlungstisch das Nachsehen. Und Barca bekam das, was es so sehr vermisste und endlich zurückhaben wollte: Cesc Fabregas, den verlorenen Sohn.

Der spanische Antreiber im Mittelfeld war nach der Ära von Thierry Henry der wohl prägendste Spieler unter Wenger. Nun verloren die Engländer ihren Kapitän.

Als wäre dieser Verlust nicht schon schwierig genug zu kompensieren, suchten auch andere Leistungsträger das Weite.

Nasri sucht sein Glück bei Manchester City

Der Abgang von Samir Nasri zu Manchester City war der nächste Schlag ins Gesicht. Doch auch hier war den Gunners klar, dass es ein Kampf gegen Windmühlen werden würde, wolle man den Franzosen halten.

Die spielerische Achse im Mittelfeld wurde somit jäh auseinandergerissen. Doch für Wenger und Co. machte es keinen Sinn, dem 24-Jährigen Steine in den Weg zu legen.

Die Entscheidung, Nasri ziehen zu lassen, sei aus „psychologischen und finanziellen Gründen“ gefallen.

Nachdem der Nationalspieler eine Vertragsverlängerung aufgrund der besseren Konditionen bei Man City ausschlug, machte es auch keinen Sinn mehr, den Kreativspieler bis zum Ablauf des Kontraktes zu behalten.

Nur ein Punkt aus zwei Spielen

Mitentscheidend für den Abschied der beiden Ausnahmekönner war mitunter sicherlich auch der verkorkste Start in die Saison. Eine gewisse Vorahnung dürfte bei der Entscheidung mitgespielt haben.

In der Premier League konnten die „Gunners“ bis zu Nasris Abgang in zwei Partien gerade einmal einen Punkt erobern. Erstmals ohne die beiden Regisseure kam es zur historischen 2:8-Schlappe, der höchsten in der 115-jährigen Geschichte. Zu wenig für die Ansprüche der Londoner.

Seit dem FA-Cup-Sieg 2005 wartet die Wenger-Truppe bereits auf eine Trophäe. Meilensteine, wie jene der „Invincibles“, die von 2003 bis 2004 49 Ligaspiele in Folge unbesiegt blieben, sind zwar noch nicht in Vergessenheit geraten, liegen jedoch schon einige Zeit zurück.

Dementsprechend nachdenklich stimmt die aktuelle Situation. Der Hang zur Jugend und dem attraktiven Fußball dürfte mittlerweile nicht mehr jene Früchte tragen, wie in der Vergangenheit.

Arsenal kann nicht mehr mithalten

Mit jenen finanziellen Mitteln, die Chelsea oder Manchester City aufbringt, können die Nordlondoner nicht mithalten. Auch Gael Clichy folgte bereits dem Lockruf der „Citizens“.

Gegen 28,5 Millionen Euro für Nasri und 35 Millionen für Fabregas war ebenfalls kein Kraut gewachsen.

"Wir arbeiten sehr hart, um Spieler zu finden. Aber wenn es um die Gehälter geht, dann können wir nicht mithalten", muss der seit 1996 in Amt und Würden stehende Franzose zugeben.

Mit den Verpflichtungen von Joel Campbell (Deportivo Saprissa), Alex Chamberlain (Southampton), Gervinho (Lille) und Carl Jenkinson (Charlton) hielt man sich zurück.

Doch nun muss die Lücke im Mittelfeld geschlossen werden. Auch Wenger sieht keinen anderen Ausweg mehr.

Bewahrt Wenger das sinkende Schiff vor dem Untergang?

„Wir sind im Mittelfeld derzeit dünn besetzt. Dort wollen wir ansetzen und uns verstärken“, gesteht der Trainerfuchs, der den Abfall in sportlicher Hinsicht nicht so einfach hinnehmen will.

Auch wenn der von ihm initiierte „One-Touch-Fußball“ nicht mehr Hochsaison zu haben scheint und aktuell im Emirates-Stadion zu selten zelebriert wird.

Trotz allem wäre es dem Elsäßer zuzutrauen, das sinkende Schiff noch einmal vor dem Untergang zu bewahren.

Ein fahler Beigeschmack bleibt aber allemal. Denn erstmals seit 15 Jahren beginnt Wengers Lebenswerk langsam aber doch zu bröckeln.


Alexander Karper

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