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Ein Mann und seine Bestimmung

Alex Song war seine Bestimmung schon bald klar. Acht Jahre war der Kameruner alt, als er wusste, was er später einmal werden wollte.

Doch es war nicht der Wunsch, in den großen Stadien dieser Welt Fußball zu spielen, wie ihn unzählige Kinder dieses Alters hegen.

„Ich habe damals beschlossen, Vater zu werden“, erinnert sich der heute 23-Jährige.

Eine Kindheit ohne Vater

Der große Wille, eine Familie zu gründen, rührt aus den Erfahrungen, die der Kicker in seiner eigenen Kindheit gemacht hat. Es waren keine guten.

Als der in Douala geborene Mittefeldspieler drei Jahre alt war, starb sein Vater. „Es war sehr schwer für mich, als ich jung war. Meine Freunde wurden von ihren Vätern von der Schule abgeholt. Aber ich hatte niemanden. Das hat mich getroffen“, blickt Song zurück.

Wobei mit niemand in diesem Zusammenhang eine väterliche Bezugsperson gemeint ist. Der Arsenal-Kicker hat nämlich nicht weniger als 17 Schwestern und zehn Brüder.

Mittlerweile hat der Fußballer sein großes Ziel erreicht. Er ist Vater zweier Söhne – Nolan und Kaylian.

Blond des Sohnes wegen

Für die beiden macht Song alles, sie sind der Mittelpunkt seines Lebens. Für sie trennte sich Song im Sommer 2010 auch von seinen geliebten Dreadlocks.

 „Als bei der WM gespielt habe, war Nolan verwirrt, weil in unserem Team auch ein anderer Spieler Dreadlocks hatte. Wenn die Kamera weiter weg war, konnte er uns nicht auseinander halten“, berichtet der 24-fache Internationale.

Nach seiner Rückkehr aus Südafrika ließ er sich die Locken abschneiden und färbte sich die Haare blond. „Ich habe es für meinen Sohn getan“, sagt Song. Sein Sprössling hat nun keinerlei Probleme mehr, den Herrn Papa im TV zu identifizieren.

„Ich bin so dankbar, dass ich ein Leben habe, bei dem ich meine Kinder aufwachsen sehe. Meine Karriere bedeutet, dass ich die Chance habe, den beiden alles zu geben“, weiß der Kameruner.

Fenster zum Stadion

Um es in seiner beruflichen Laufbahn soweit zu bringen – zum Stammspieler bei Arsenal – benötigte er eine Menge mentaler Kraft. Alles begann in Paris, wohin Song als Achtjähriger mit seiner Mutter, seiner Tante und zwei Brüdern übersiedelte.

Fünf Menschen in einem Apartment mit einem Bett. Zudem die Umstellung auf das Leben in Europa. Der Junge fühlte sich alles andere als wohl. „Alles war so anders.“ Kurze Zeit später übersiedelte das Quintett in eine größere Wohnung in Saint-Denis.

Von seinem Fenster aus konnte der kleine Alex das Stadion des Traditionsvereins Red Star Paris sehen. Im Fußball sah er eine gute Möglichkeit, neue Freunde zu finden. In der Schule tat sich der Einwanderer damit nämlich sehr schwer.

Die Sprachbarriere war nicht einfach zu überwinden: „In Afrika sprechen wir ein anderes Französisch. Die Leute haben mich kaum verstanden, erst nach sechs Monaten ging es besser. Und wenn du Fußball spielst, musst du nicht sprechen.“

Damals waren die Dreadlocks noch aktuell

Die erste Zeit in der Akademie in der englischen Hauptstadt war geprägt von Heimweh und Verständigungsproblemen. „Ich hatte zunächst keine Freunde, bin nach dem Training immer sofort auf mein Zimmer gegangen. Außerdem habe ich fast nichts gegessen. Nur Butterbrote. Nicht, weil der Rest so schlecht gewesen wäre, sondern weil ich es einfach nicht kannte.“

„Die ersten zwei Jahre waren sehr schwer. Ich habe alleine in meinem Hotelzimmer geweint. Meine Telefon-Rechnung war unglaublich, weil ich andauernd mit meinen Freunden in Frankreich telefoniert habe.“

Der Wendepunkt

Doch auch Arsene Wenger sprach fast täglich mit dem Cousin von Kamerun-Legende Rigobert Song und überzeugte ihn, nicht aufzugeben und weiter hart an sich zu arbeiten. „Er hat mir unglaublich geholfen“, weiß der 116-fache Premier-League-Spieler diese Unterstützung heute noch sehr zu schätzen.

Als seine langjährige Freundin Olivia schließlich von Frankreich an die Themse übersiedelte, sollte sich Songs Gemütslage schlagartig verbessern. Er war nicht mehr alleine. Und bald waren sie zu dritt – Nolan kam zur Welt.

„Das hat mein Leben verändert. Jetzt bin ich so glücklich“, lächelt der zweifache Afrika-Cup-Teilnehmer. Und bei Arsenal hat sich der Mittefeldspieler auch durchgesetzt. Nach einer Leihzeit bei Charlton Athletic gestand ihm Wenger immer mehr Spielzeit zu.

Vor allem in der abgelaufenen Saison hat der Kameruner noch einmal einen großen Schritt gemacht. Die offensivere Rolle, die er nun einnimmt, behagt ihm.  An der Seite von Shootingstar Jack Wilshere entwickelte er sich in den Zentrale zu einer Schlüsselfigur im Spiel der „Gunners“.

Der stets von Heimweh geplagte Junge ist zu einem bodenständigen Mann geworden. Das Fremde England ist Heimat geworden. Und der Plan, einmal ein treusorgender Vater zu sein, ist Realität geworden.

Harald Prantl

Heimweh auf Korsika

Im Alter von 14 Jahren wurde der SC Bastia auf das Talent aufmerksam und wollte ihn in seine Akademie lotsen. Es kostete eine Menge Überzeugungsarbeit, um Mama Song dazu zu bringen, ihren Sohn nach Korsika ziehen zu lassen.

Auch der Fußballer selbst war bald der Meinung, der Wechsel sei keine gute Idee gewesen. „Ich habe die ersten drei Monate alleine in einem Hotel gelebt. Ich hatte die ganze Zeit Heimweh und nur den Gedanken: Ich kann nicht hier bleiben.“

Doch er blieb. Und bestach durch seine fußballerischen Fähigkeiten derart, dass er im Alter von 16 Jahren bei den Profis debütierte. Sein erstes Gehalt: 3.000 Euro. „Ich hatte noch nie zuvor so viel Geld gesehen.“ Der sonst so bescheidene Kameruner warf es beim Shoppen mit beiden Händen nur so raus.

Bergkamps unverständliche Begrüßung

Ein Jahr später klopfte Arsenal an. „Seite an Seite mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Freddie Ljungberg und Patrick Vieira spielen? Als ich den Anruf bekam, dachte ich, es sei ein Scherz“, erinnert er sich. War es aber nicht. Im Juli 2005 wechselte Song auf die Insel. Der nächste große Schritt, die nächsten großen Probleme.

Als der Youngster zum ersten Mal die Kabine der „Gunners“ betrat, kam Bergkamp auf ihn zu und begrüßte seinen neuen Kollegen mit den Worten „Welcome to Arsenal“. Der Neo-Londoner konnte jedoch kein Wort Englisch und fragte Henry nach einer Übersetzung.

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