Pep Guardiola und die Qual der Wahl

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Drei nationale Meistertitel.

Zwei Mal Champions-League-Sieger.

Zwei Mal Klub-Weltmeister.

Die Erfolgsliste von Pep Guardiola könnte noch um zahlreiche Titel erweitert werden.

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Kein anderer Trainer sammelte in den letzten drei Jahren derart viele Trophäen und Pokale wie der des FC Barcelona.

Als Spieler der „Blaugranas“ bereits Kapitän und Ikone, macht diese Bilanz den 41-Jährigen geradewegs zum „König Kataloniens“.

Andererseits sind es eben genau diese Erfolge, die den zweifachen „Trainer des Jahres“ so begehrt machen, dass auch die Vereinsverantwortlichen beim erfolgreichsten Klub der letzten Jahre um seinen Verbleib zittern müssen.

Erfolg weckt Begehrlichkeiten

Seit Jahren steht Guardiola auf der Liste sämtlicher Top-Adressen Europas, sei es im Vereinsfußball, sei es bei Nationalteams.

Da seine Verträge auf eigenen Wunsch nur auf eine Spielzeit beraumt sind, muss man in Barcelona Jahr für Jahr aufs Neue verhandeln und auf eine positive Antwort warten.

"Momentan brauche ich noch etwas mehr Zeit, um mir darüber klar zu werden. Ich weiß, dass ich es nirgendwo so gut haben werde wie hier, doch ich muss es auch fühlen", erklärte der gefragte Mann Mitte Februar, warum er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag noch nicht verlängert hat.

Beim FC Barcelona gibt man ihm die Zeit, dieses Gefühl zu spüren.

Interesse der Krisen-Klubs

Durch die aktuelle Situation im internationalen Fußball ist für die Barca-Führungsriege rund um Präsident Sandro Rosell namhafte Konkurrenz im Werben um den Star-Trainer dazugekommen.

Erst vor wenigen Tagen gab der FC Chelsea die Beendigung des „Projekts Andre Villas-Boas“ bekannt, der Portugiese musste seinen Stuhl räumen.

Dieser Gang steht Claudio Ranieri wohl unmittelbar bevor. Da Inter seit nunmehr neun Pflichtspielen auf einen Sieg wartet, wird die Luft für den 61-jährigen Italiener immer dünner.

Sollten die „Nerazzurri“ nicht bald einen Lauf starten, wäre auch in Mailand ein Job zu haben.

LAOLA1 nahm sich die lukrativen Stellen-Angebote zum Anlass, ein wenig zu spekulieren, wo „Don Pep“ in der kommenden Saison zu sehen sein könnte.

 

Was für Chelsea sprechen würde:

Mit Roman Abramowitsch verfügen die Nordlondoner trotz aller Kritik am Mäzenatentum über einen Mann, der viel Geld in einen Fußballverein investiert hat, um diesen auf höchstem Niveau wettbewerbsfähig zu machen, und dazu auch weiterhin bereit ist. An Mitteln, das Team nach seinem Wunsch umzubauen, sollte es also nicht scheitern. Eher schon an der Geduld, wie man eben bei Villas-Boas gesehen hat. Um den von Guardiola bevorzugten Spielstil auf Chelsea zu übertragen, benötigt es allerdings Zeit.

Laut der britischen Tageszeitung „The Times“ ist Guardiola der Wunschkandidat des russischen Klub-Besitzers. Berater des Oligarchen verträten indes eine andere Meinung. Die Herausforderung, sich bei einem Verein zu behaupten, der in den letzten acht Jahren ebenso viele Coaches verschlissen hat, ist sicherlich reizvoll. Die Kulturmetropole London für den Kunstliebhaber Guardiola auch. Der große Einfluss der Chelsea-Routiniers auf Entscheidungen, die der Trainer treffen sollte, wohl weniger.

 

Was für Inter sprechen würde:

Bereits im Sommer 2001 versuchte Massimo Moratti alles Mögliche, um Guardiola zu Inter zu holen – damals noch als Spieler. Der Mittelfeld-Regisseur bevorzugte Juventus und landete über Umwege bei Brescia. Über zehn Jahre später nutzt der potente Öl-Tycoon den vor Jahren hergestellten Kontakt, um den Katalanen diesmal in die Dom-Stadt zu lotsen.

Während der zwei Saisonen, die er in Italien verbrachte, fühlte sich die Barca-Ikone wohl. Trotz Doping-Skandals, Verletzungen und sportlicher Mittelmäßigkeit. Der im hohen Maße von Taktik geprägte italienische Fußball wusste schon vor einer Dekade zu imponieren. Es wäre für den akribischen Strategen zweifelsohne interessant, in der Serie A zu coachen. Der etwas in die Jahre gekommenen Inter-Mannschaft ein neues System zu oktroyieren, klingt aber gewagt. Hier kann sich Guardiola bei seinem ehemaligen Teamkollegen Luis Enrique, der bei der Roma ein ähnliches Vorhaben in die Tat umsetzt, zumindest Erfahrungswerte einholen.

 

Was für Barcelona spricht:

"Ohne ihn sind wir nichts. Ohne ihn würden wir unseren Halt verlieren", erklärte Dani Alves vor geraumer Zeit. Der Brasilianer ist nicht der einzige, der offen eine Lanze für seinen „Chef“ gebrochen hat. Guardiola genießt unter den Spielern größten Respekt, von Seiten der Führungsetage vollste Rückendeckung. Mit den einflussreichen Routiniers und Teamkapitänen Puyol und Xavi stand die legendäre Nummer vier noch selbst auf dem Feld, die jungen Spieler wie Busquets, Pique oder Pedro sind unter ihm zu Stars und Nationalspielern geworden und die Einkäufe waren großteils seine persönliche Entscheidung. In Barcelona kann Guardiola schalten und walten, wie er möchte.

Was aber noch wichtiger ist: In Barcelona fühlt sich der stolze Katalane wohl. Es ist seine Heimat, für die er selbst zur Identifikationsfigur geworden ist. Pep - ein Symbol Kataloniens, das der Dichter Narcis Comadira einst mit einem antiken Helden verglich, der die Werte seiner Region verkörpert. Carles Rexach, Vorgänger auf der Trainerbank der Katalanen und graue Eminenz in Barcelona, versichert auch deshalb gegenüber dem Radiosender „Onda Cero Catalunya“, dass die Erneuerung des Vertrags nur eine Frage der Zeit sei: „Ich glaube, dass er gerade nur die ganze Situation analysiert, weil ihm das Analysieren gefällt. Aber die Entscheidung steht unmittelbar bevor.“

 

Was noch passieren könnte:

Mit Barca, Chelsea und Inter sind bereits drei Top-Adressen des europäischen Fußballs erwähnt. Ein Engagement bei Real Madrid ist undenkbar. Somit bleibt auf dem Niveau, auf dem der „Mister“ zu arbeiten gedenkt, nicht mehr viel übrig. Mit Manchester United und dem FC Arsenal gäbe es zwei Vereine, die dem Anforderungsprofil durchaus entsprechen würden. Bei beiden sind mit Sir Alex Ferguson bzw. Arsene Wenger zwei Langzeit-Trainer am Werk, ohne die man sich die jeweiligen Klubs gar nicht mehr vorstellen kann. Sollte die Zeit der Veränderung dennoch irgendwann kommen, spricht die ähnliche Art, Fußball zu spielen, sicher für die „Gunners“, während United einfach mit einer vergleichbaren Erfolgskonstanz punktet. Guardiola auf der Heim-Trainerbank im Old Trafford oder im Emirates Stadium würde dennoch verwundern. Als man etwa Ferguson im Jänner gefragt hatte, ob Guardiola ihn ablösen würde, sagte dieser nur: „Warum sollte er. Wenn ich er wäre, würde ich einfach in Barcelona bleiben.“

Nicht zuletzt spekuliert man in Spanien auch mit einem Teamchef Guardiola. Der Vertrag mit dem aktuellen Amtsträger Vicente del Bosque läuft bis nach der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Für einen Verbleib des 61-Jährigen darüber hinaus spricht nicht allzu viel. Scheidet er mit „La Roja“ vorzeitig aus, käme das einer mittelgroßen Katastrophe gleich. Gelingt ihm die Titelverteidigung, wäre er Welt- und Europameister und könnte nach einer neuen Herausforderung suchen. Das Feld im spanischen Nationalteam ist bestellt. Die Basis des Teams bilden Spieler von Barca, der Spielstil ähnelt frappant dem des amtierenden Champions-League-Siegers. Guardiola und die Weltmeister-Mannschaft würden also keine großen Anpassungsschwierigkeiten haben. Fraglich ist nur, ob er in seinen jungen Jahren schon auf das tägliche Arbeiten mit seinen Spielern verzichten möchte.

 

Wofür auch immer sich Guardiola nach seiner Zeit in Barcelona entscheiden wird, der Druck auf ihn wird enorm sein.

Scheitert er, ist das Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die in Guardiola keinen herausragenden Trainer sehen. Kritiker, die stets behaupten, er könne nur mit dem FC Barcelona erfolgreich sein.

Denn der beste Trainer der Welt sei ja ohnehin Jose Mourinho.

 

Christian Eberle

 

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