Ein Leben für den Fußball

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Diego Simeone ist Fußball pur

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"Positiv fußballverrückt" und "akribischer Arbeiter" gehören mittlerweile zum Standard-Repertoire, wenn es darum geht, Trainer zu beschreiben.

Diego Simeone ist aber einer, der seine Passion für das Spiel so sehr nach außen trägt, dass man für seine Charakterisierung auf diese Worthülsen verzichten kann.

Der Meistercoach von Atletico Madrid lebt Fußball mit jeder Faser seines Körpers, jede Minute des Tages. Richtig los lässt er ihn nie, aber eigentlich will er das auch gar nicht.

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"Ich führe ein Leben wie jeder andere auch, allerdings trage ich eine große Verantwortung und widme mich mit großer Leidenschaft dem Fußball, der mein Leben ist", sagte der Argentinier kürzlich im Interview mit "FIFA.com". "Wenn man so im Fußball aufgeht, ist es sehr schwer, abzuschalten. Du schaust dir einen Film an und siehst plötzlich Spieler vor der Leinwand herumlaufen, verstehen Sie? Es ist kompliziert."

Simeone braucht keine Entspannung

Kompliziert ja, unangenehm nein. Ob an der Seitenlinie oder auf dem Trainingsplatz, Simeone ist immer mit voller Emotion dabei. "El Cholo" steht unter Strom und braucht das auch.

"Ich mag das Wort 'entspannen' nicht, denn ich weiß, dass ich verliere, sobald ich mich in diese Situation begebe. Natürlich nehme ich ab und zu den Fuß vom Gas, aber ich versuche, dagegen anzukämpfen, weil ich mich damit nicht wohl fühle", erklärt er.

Schon als Spieler war er einer, der Mitspieler mitreißen konnte, kein filigraner Dribblanski, aber ein Kämpfer, ein Leader, der mit allen Wassern gewaschen war, mit taktischem Verständnis und Spielintelligenz gesegnet. Wie gemacht also, um nach der aktiven Karriere ins Trainergeschäft einzusteigen. Der 44-Jährige hat auch als Coach nichts von jener Mentalität verloren, die ihn u.a. beim FC Sevilla, Atletico, Inter Mailand und Lazio Rom auszeichnete.

"Das ist einfach meine Persönlichkeit", meint der Mann aus Buenos Aires. "Jeder Trainer hat eben seine eigene Art. Wenn ich älter bin, werde ich vielleicht ein anderes Auftreten an den Tag legen - aber dafür lege ich nicht die Hand ins Feuer. Heute fühle ich mich jung, vital und nehme eben auf meine Weise am Spiel teil."

"Unser Spiel hat eine klare Identität"

Kritiker werfen ihm bisweilen eben diese exzessive Teilnahme an der Seitenlinie vor. Auch die Spielweise, die Simeone seinen Teams auferlegt, missbilligen einige. Rustikal bis überhart, auf Konter ausgerichtet, wenig offensives Spektakel, welches sich gerade das Publikum der restlichen spanischen Top-Klubs bekanntlich so sehr wünscht – so lauten die Vorwürfe.

"Das sind nur Ansichten, die von anderen geäußert werden, wenn sie keine Mittel gegen uns finden. Das ist nicht unser Problem!", stellt Simeone unmissverständlich klar, dass ihn solche Angriffe herzlich wenig stören.

Eines ist aber sicher, beim Argentinier weiß man, was man bekommt. Seine Philosophie, sein Stil, die berühmte Handschrift ist klar erkennbar und wurde in ihrer Grundsätzlichkeit von Simeone über die Jahre auch nicht verändert.

"Es stimmt auf jeden Fall, dass unser Spiel eine ganz klare Identität hat. Ich sage immer, die Teams, die unsere Idee am besten umgesetzt haben, sind Estudiantes de La Plata, wo ich anderthalb Jahre tätig sein durfte, und das aktuelle Team von Atletico", sieht er die Arbeit seines Trainerteams momentan durchaus auf einem Höhepunkt.

Einige verpassten diesem Stil auch schon einen eigenen Namen: "Cholismus", nach Simeones Spitznamen. "Ich würde es nicht wagen, von einem 'Cholismus' zu sprechen, aber es stimmt schon, dass meine Teams auf eine bestimmte Weise spielen", meint "El Cholo" selbst.

Erst unbequem, dann mehr

Egal was man davon halten mag, der Erfolg spricht für den dreifachen WM-Teilnehmer. "Das Tolle am Fußball ist, dass er viel Raum für Interpretation lässt. Niemand hat Recht, und doch haben wir alle Recht. Es gibt unzählige Spielweisen", sieht es Simeone diplomatisch. 

Unter ihm wurde Atletico wieder zu einer großen Nummer in Spanien und in Europa, den "Rojiblancos" gelang es, die Vormachtstellung von Real und Barca zu durchbrechen. Ein Erfolg, der Simeone sichtlich stolz macht.

"Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir ein unbequemer Gegner sein wollen. Es ist sehr schwer, es mit zwei mächtigen Teams wie Real Madrid und dem FC Barcelona aufzunehmen. Man muss sehen, dass wir mit zwei Klubs in einer Liga spielen, für die ein Sieg in der Champions League quasi Pflicht ist", sagt er.

"Es ist uns gelungen, diese Hegemonie zu durchbrechen - genau wie 1996, als ich noch Spieler war - und gegen das finanzielle Übergewicht und die großen Spielernamen zu triumphieren, die sie verpflichten."

"Mit der Zeit sind wir etwas mehr geworden als nur ein unbequemer Gegner, denn wir bringen mittlerweile beständige Leistungen - und das ist das Schwierigste im Fußball. Wir feiern nun schon seit mehr als drei Jahren Erfolge. Und jetzt sind wir wieder oben dabei", spricht Simeone die aktuelle Situation an.

Respekt, selbst von Real-Fans

Am Samstag steht das richtungsweisende Derbi madrileno an (Atletico vs. Real, ab 15:30 Uhr live bei LAOLA1), eine richtungsweisende Partie in La Liga. Mit einem Heimsieg gegen die "Königlichen" wäre Atletico wieder bis auf vier Punkte am Tabellenführer dran. Eine Niederlage würde hingegen zehn Zähler Rückstand und wohl das Ende der Hoffnungen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung bedeuten.

Das Madrider Lokal-Duell hat durch das Emporkommen der "Colchoneros" wieder an Bedeutung und Brisanz gewonnen. Simeone darf sich aber trotz der Rivalität zwischen den Klubs auch im weißen Lager über Wertschätzung freuen.

"Die Real-Fans werden mir wahrscheinlich mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen. Einerseits mögen sie mich sicherlich nicht, andererseits wird mir auf der Straße aber auch viel Respekt entgegengebracht. Viele Leute kommen auf mich zu und sagen: 'Ich bin Real-Fan, aber ich möchte Sie beglückwünschen. Die Mannschaft und ihre Arbeitsweise gefallen mir'", berichtet er.

"Ich glaube, Atletico hat in letzter Zeit etwas vermittelt, was die Leute in ihrem Alltag brauchen: Energie. Das Team hat gezeigt, dass man trotz aller Schwierigkeiten mit seinen eigenen Mitteln kämpfen und Lösungen finden kann, wo es keine zu geben scheint", so die Erklärung Simeones.

"Ich rechne jederzeit damit, entlassen zu werden"

Wie vergänglich Erfolg aber ist, ist dem UEFA-Cup-Sieger von 1998 bewusst. Er gibt sich nich der Illusion hin, sein Weg würde stets nur nach oben führen. Simeone genießt die Gegenwart, in dem Wissen, sie könnte ganz schnell zur Vergangenheit werden:

"Ich sage immer wieder, dass ich jederzeit damit rechne, von heute auf morgen rausgeworfen zu werden. Das ist für mich die beste Möglichkeit, den Augenblick zu leben. Denn im Fußball kommt es auf das Morgen an - einmal abgesehen davon, dass einem das Erreichte natürlich niemand mehr nehmen kann."

Naturgemäß hat er in Madrid aber noch einiges vor. "Ich sehe einen Klub, der stark im Wachsen begriffen ist und aufgrund der erzielten Erfolge jetzt über bessere wirtschaftliche Möglichkeiten verfügt. Wir sind für Spieler attraktiv geworden und das Durchschnittsalter des Teams ist sehr gut", erwartet Simeone auch in den nächsten Jahren ein schlagkräftiges Atletico.

"Wir haben Spieler, die sich noch steigern können, beispielsweise ein Raul Jiménez, ein Koke oder ein Diego Godin. Sie können den harten Kern einer Mannschaft bilden, die wir weiter verstärken können."

Teamchef erst als Großvater

Sollte sein Zeit in Madrid dann doch einmal zu Ende gehen, wird er sich einer neuen Herausforderung widmen. Simeones Sohn Giovanni, Profi bei River Plate, sagte er kürzlich gegenüber der "Gazzetta dello Sport", sein Vater könne sich etwa eine Rückkehr zu Inter Mailand vorstellen.

Und irgendwann steht auch der Posten als Teamchef Argentiniens auf dem Plan von "El Cholo". Eine Stelle, die ihm, entgegen einiger Spekulationen, noch nicht angeboten wurde. "Aber ich weiß, dass dieser Augenblick noch kommen wird", ist er sich sicher.

"Ich habe immer gesagt, in der Nationalmannschaft gibt es Platz für den Sohn, den Vater und den Großvater. Ich sehe den Posten des Teamchefs eher als ein Amt für den Großvater, für eine gesetztere, ruhigere Person, die anders an die Dinge herangeht", schiebt Simeone die Diskussion über eine Anstellung bei "La albiceleste" in ferne Zukunft.

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"Ich fühle mich immer noch auf dem Spielfeld zu Hause, beim Training, möchte Tag für Tag mit den Spielern verbringen. Das kann einem die Nationalmannschaft nicht bieten", erklärt er, macht aber kein Hehl daraus, dass er einmal sein Heimatland trainieren möchte.

"Ja, ich will auf jeden Fall einmal Teamchef werden. Ich hatte lange das Privileg, in der Nationalmannschaft zu spielen und sie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich hoffe, dass wir den idealen Zeitpunkt für beide Seiten finden können."

Bis dahin wird er noch unzählige Mal die Seitenlinie auf und ab sprinten, wild gestikulierend seine Truppe dirigieren und sich weiterhin mit jeder Phaser seines Körpers dem Fußball hingeben. So wie er es immer tut.

 

Christoph Kristandl

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