Ivanschitz: "Es herrscht eine Riesen-Euphorie"

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Rang zehn mit Levante, 29 Meisterschaftsspiele, drei Tore.

So lauten die technischen Daten nach Jahr eins des Spanien-Abenteuers von Andreas Ivanschitz.

Der Burgenländer hat sich in der Mannschaft des Vereins aus Valencia etabliert und seinen Teil zur guten Saison der „Defensivkünstler“ beigetragen.

Näher kennenlernen durfte der 30-Jährige in dieser Saison auch die beiden Champions-League-Finalisten aus Madrid – Atletico und Real. Gegen den frisch gebackenen Meister gelang Anfang Mai gar ein 2:0-Heimsieg.

Im LAOLA1-Interview lässt Ivanschitz seine Saison mit Levante Revue passieren und blickt auf das große Endspiel am kommenden Samstag voraus.

LAOLA1: Wir fällt deine persönliche Bilanz deiner ersten Spanien-Saison aus?

Andreas Ivanschitz: Das erste Jahr La Liga war eine super Erfahrung für mich. Auf der einen Seite auf die vielen großen Mannschaften zu treffen und auf der anderen Seite mit Levante eine doch gute Rolle zu spielen, ziemlich sicher im Mittelfeld zu stehen und persönlich einen wichtigen Teil beigetragen zu haben, stellt mich sehr zufrieden.

LAOLA1: Auch als erfahrener Spieler muss man sich an neue Begebenheiten erst anpassen. Was war die größte Umstellung?

Ivanschitz: Es war für meine ganze Familie eine große Umstellung nach Spanien zu kommen. Sich privat einmal zurechtzufinden, war ganz wichtig. Die ersten Wochen waren sicher nicht einfach, aber es ist eine schöne Herausforderung, wenn man im Ausland leben kann. Davon kann man nur profitieren. Außerdem sind wir es ja gewohnt, es ist ja nicht die erste Station im Ausland. Deswegen wussten wir, was auf uns zukommt. Jetzt nach fast einem Jahr ist uns das gut gelungen. Meine Frau und meine Kinder fühlen sich sehr wohl hier in Valencia. Für mich als Fußballer war es auch sehr wichtig, schnell Fuß zu fassen, mich in die Mannschaft einzuordnen. Die einzige Hürde war am Anfang die Sprachbarriere: Selbst spricht man kein Spanisch, die Spanier kein Deutsch und wenig Englisch. Da musste ich mich in den ersten Wochen ein bisschen durchkämpfen.

LAOLA1: Wie schaut es inzwischen mit deinem Spanisch aus?

Ivanschitz: Inzwischen geht es sehr gut. Wir haben natürlich Unterricht genommen, haben einen Lehrer. Im Verein muss jeder Spieler ausnahmslos Spanisch sprechen.  Außerdem ist es für mich ganz logisch, wenn ich in ein neues Land komme, dass ich versuche, die Sprache zu lernen.  Ich bin sehr zufrieden mit meinen Spanisch-Kenntnissen.

Kräftemessen mit Top-Adressen: Gegen Real setzte es zwei Niederlagen

LAOLA1: Haben sich im Laufe des Jahres Bezugspersonen im Kader entwickelt, mit denen du besonders guten Kontakt hast? Zum Beispiel Loukas Vyntra, mit dem du schon bei Panathinaikos zusammengespielt hast?

Ivanschitz: Es war für mich am Beginn sehr, sehr wichtig, jemanden zu haben, den man schon kennt. Es sind ja zwei Griechen in der Mannschaft, dann mit Simao noch ein weiterer Spieler, mit dem ich bei Panathinaikos zusammengespielt habe. Dazu kam noch Christian Lell, der mir sehr helfen konnte, und danach auch Sergio Pinto.  Aber ich bin positiv überrascht, was die anderen Mannschaftskollegen betrifft. Es sind viele Spieler dabei, die von ihrer Mentalität her sehr offen und nett sind. Es hat auch schon den einen oder anderen Mannschaftsabend gegeben.

LAOLA1: Diesen Zusammenhalt konnte man auch auf dem Feld sehen. Wie ist Rang zehn für Levante einzuschätzen? Genau das, was realistisch möglich ist, oder ärgert man sich über den einen oder anderen liegen gelassenen Punkt?

Ivanschitz: Es wäre eine super Geschichte gewesen, erstmals in der Geschichte von Levante vor dem Stadtrivalen FC Valencia zu stehen. Das haben wir am letzten Spieltag knapp verpasst. Wir weinen aber nicht dem einen oder anderen Punkt nach, sondern freuen uns, dass es so positiv gelaufen ist, wir so viele Punkte geholt haben und eigentlich nie etwas mit dem Abstieg zu tun hatten. Ich denke, das ist schon eine Leistung, auf die wir stolz sein können.

LAOLA1: Du könntest natürlich Real das Erfolgsgeheimnis verraten, wie man Atletico schlägt…

Ivanschitz: Atletico hat in dieser Saison nicht viele Spiele verloren, in der Champions League gar keines und in der Liga nur vier. Uns ist Anfang Mai das Kunststück gelungen. Atletico hat nicht zufällig eine überragende Saison gespielt. Denn sie haben erstens einen super Kader, können auch von der Bank aus immer wieder für Impulse sorgen. Und zweitens mit Diego Simeone einen Trainer, der ein akribischer Arbeiter ist, sehr aggressiv agiert,  pusht und motiviert. Die Spieler fighten und kämpfen wirklich über 90 Minuten. Mir taugt das extrem.

LAOLA1: Mit Diego Costa droht der Superstar für das Finale verletzt auszufallen. Sticht er aus dem Kollektiv heraus oder kommt es auf andere genauso an?

Ivanschitz: Dann spielt eben David Villa. Ob Arda Turan, Diego, Gabi oder Koke, das sind alles starke Fußballer. Mit Juanfran und Filipe haben sie offensive Außenverteidiger, die zwar gut verteidigen, sich aber auch immer wieder in die Angriffe miteinschalten. Und natürlich mit Courtois einen Torhüter, der zu den Besten in Europa zählt. Das ist schon ein Riesen-Kader. Simeone hat es geschafft, noch die Feinheiten rauszuholen und der Mannschaft seinen Spielstil einzuimpfen. Er selbst war als Spieler ja auch eher dieser aggressive Typ.

LAOLA1: Auch vor Simeones Gegenüber Carlo Ancelotti muss man wohl den Hut ziehen. Er scheint in sich zu ruhen.

Ivanschitz: Unglaublich, was er in seiner Karriere erreicht hat! Natürlich mit großen Mannschaften, aber trotzdem muss man diesen Druck erst aushalten und diese Erfolge einfahren. Das spricht ganz klar für ihn. Er hat eine riesige Erfahrung. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber wenn man ihn beobachtet, wirkt es tatsächlich so, als würde er in sich ruhen. Er weiß offenbar immer , wie man eine Mannschaft zusammenstellen muss, damit sie Erfolg hat.

LAOLA1: Wie stark muss man in der Psyche sein, wenn man den Rucksack des teuersten Spielers der Welt trägt und trotzdem so eine Saison wie Gareth Bale spielt?

Ivanschitz: Man kann echt nur staunen, wie er den Druck und die Erwartungen weggesteckt hat. Wenn man in eine neue Liga kommt, muss man sich erst einmal zurechtfinden. Er hat das relativ rasch geschafft und eine super Saison gespielt, sowohl in der Champions League als auch in der Liga. Er ist ein toller Fußballer mit Riesen-Fähigkeiten und einer unglaublichen Schusstechnik. Außerdem muss man sich neben Cristiano Ronaldo erst einmal so ins Team einfügen. Beide haben ihren Part sicherlich erfüllt. Ich habe das Copa-Finale, in dem Ronaldo gefehlt hat, live im Stadion gesehen. Real hat unglaublich stark gekontert und Bale das Spiel mit einem sensationellen Solo entschieden. Solche Tore in wichtigen Momenten zu machen, zeichnet ganz große Fußballer aus.

LAOLA1: Levante steht sehr kompakt, hat mit 35 Toren nicht allzu viele erzielt, jedoch mit 43 auch nur wenige kassiert.

Ivanschitz: Das 0:7 im ersten Spiel gegen Barcelona war sicher ein Weckruf. Einerseits, dass es eine schwierige Saison werden wird, andererseits, dass wir einfach kompakter stehen müssen. Das haben wir in der Folge eigentlich super gemacht. Wir haben uns sehr auf die Defensive konzentriert, unser Spiel war auf Konter ausgerichtet. Das ist die Basis unseres Spiels. Unterm Strich hat das den Erfolg gebracht. Auch wenn wir in fast allen Spielen weniger Ballbesitz als der Gegner hatten, zählt unterm Strich nur der Erfolg. Wir haben jetzt im Finish gegen Atletico Madrid und Valencia tolle Spiele gezeigt, die auch spielerisch top waren.  Außerdem haben wir mit Keylor Navas einen Torhüter, der eine überragende Saison gezeigt hat.

LAOLA1: Wie sieht die Perspektive für die kommende Saison aus?

Ivanschitz: Die genauen Pläne des Vereins kenne ich nicht. Es wird bestimmt den einen oder anderen Abgang geben. Keylor Navas hat durch seine starken Leistungen sicher Angebote. Grundsätzlich denke ich schon, dass der Verein die Mannschaft so halten möchte. Der Verein bemüht sich auch, den Vertrag mit dem Trainer zu verlängern. Ich wünsche mir natürlich, dass die Mannschaft so zusammenbleibt, da schon etwas zusammengewachsen ist. Es wäre schade, wenn der eine oder andere weggehen würde.

LAOLA1: Als Höhepunkt der Saison treffen im Champions-League-Finale mit Real Madrid und Atletico Madrid zwei La-Liga-Vertreter aufeinander. Vergangenes Jahr hat das deutsche Duell Bayern gegen Dortmund ein ganzes Land elektrisiert. Ist dies derzeit in Spanien ähnlich?

Ivanschitz: Es herrscht eine Riesen-Euphorie. Ganz Spanien ist stolz darauf, zwei Mannschaften im Champions-League-Finale zu haben - genau gleich wie letztes Jahr in Deutschland. Es ist eine großartige Geschichte, wenn man zwei Mannschaften aus dem gleichen Land im Finale hat. Das spricht für die jeweilige Liga und natürlich für die jeweiligen Vereine. Im Champions-League-Finale auch noch ein Stadt-Derby zu haben, hat es sowieso noch nie gegeben. Das ist eine noch speziellere Geschichte als es letztes Jahr mit Dortmund und Bayern.

LAOLA1: Real läuft dem zehnten CL-Titel bereits seit 2002 nach. „La Decima“ ist ein sehr dominantes Thema. Kann das auch zur Falle werden?

Ivanschitz: Man hat jedes Jahr von diesem zehnten Titel geträumt. Jetzt hat man wirklich die Möglichkeit und trifft auf eine Mannschaft, die man aus der Liga sehr gut kennt. Es ist ja ganz logisch, dass sich die Real-Fans erwarten und wünschen, dass Real den Titel holt. Auf der anderen Seite wartet jedoch ein hungriger Gegner, der diesen Titel genauso möchte. Atletico war zwar einmal im Meistercup-Finale, steht aber erstmals im Champions-League-Endspiel. Es wird mit Sicherheit ein tolles Finale.

LAOLA1: Wem drückst du die Daumen?

Ivanschitz: Ich bin unparteiisch. Das muss ich als Levante-Spieler sein. Wenn man in derselben Liga spielt, gibt es keinen sentimentalen Favoriten.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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