Der Feind in meinem Bett

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Die Feindschaft Enrique-Messi und "Zubis" Fehlerkette

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Die Tabelle lügt nicht? Naja. Der schlichte Blick auf das La-Liga-Tableau lässt nicht erahnen, wie schief der Haussegen aktuell beim FC Barcelona hängt.

Der Katalanen liegen einen Punkt hinter Real Madrid - die "Königlichen" haben ein Spiel weniger bestritten - auf Platz zwei. Zudem sind sie plangemäß in der Copa del Rey noch mit von der Partie und in der Champions League im Achtelfinale.

Die Stimmung bei der Blaugrana ist aber denkbar schlecht, die Situation angespannt. Und die Klub-Leitung scheint den stetigen spielerischen Verfall der letzten Jahre und die ausbleibenden Titel nicht länger hinnehmen zu wollen. Gerade die Führungsriege steht aber auch selbst unter Beschuss. 

Ereignisreiche Woche

Die letzten Tage offenbarten, dass die Nerven ziemlich blank liegen. Ein kleiner Überblick:

Sonntag: Barca startete nach der kurzen Weihnachtspause bei Real Sociedad in das neue Fußballjahr - mit einer 0:1-Niederlage. Totale Rotation war dabei das Motto von Coach Luis Enrique, der u.a. die (mit Erlaubnis) später aus dem Urlaub zurückgekommenen Messi, Neymar und Alves zunächst auf die Bank setzte. Im Nachhinein ist man zwar immer schlauer, aber schon Tata Martino machte im Vorjahr denselben Fehler, unterlag im Anoeta ebenfalls mit einer völlig umgekrempelten Elf. Zudem ist Real Sociedad als Riesentöter bekannt: Unter den nur vier Saisonsiegen finden sich Erfolge gegen Real, Atletico und nun Barca.

Montag: Lionel Messi fehlt beim Training. Offizieller Grund: Gastroenteritis, Magen-Darm-Probleme. Enrique will das dem Argentinier nicht so recht abnehemen und vermutet eine Trotzreaktion seines Superstars. Zudem entlässt der Klub wenig überraschend Sportdirektor Andoni Zubizarreta. Nur Stunden später gibt auch Ex-Kapitän Carles Puyol, der "Zubi" assistierte, seinen Rücktritt bekannt.

Dienstag: Die spanische Radio-Station "Cadena Cope" berichtet von einem angeblichen Ultiamtum der Vereinsführung an Enrique. Zwei Siege in der Copa gegen Elche (Donnerstag, 22 Uhr live bei LAOLA1) und in der Liga gegen Atletico (Sonntag, 21 Uhr live bei LAOLA1) müssen es sein, damit er seinen Job behalten darf. Allerdings wollen die Bosse nicht nur Siege, sondern auch eine spielerische Weiterentwicklung sehen.

Mittwoch: Es kommt an die Öffentlichkeit, dass Enrique plante, Messi für das verpasste Training zu bestrafen. Xavi, Busquets und Iniesta schreiten schlichtend ein. Zudem soll Chelsea sich schon mal bei Messis Vater Jorge erkundigt haben, wie es denn so um den Gemütszustand von "La Pulga" stünde. Der umstrittene Präsident Josep Maria Bartomeu verkündet überraschend, bereits am Ende dieser Saison neue Präsidentschafts-Wahlen abzuhalten. Damit sollen die Spannungen im Klub gemildert werden.

Hintergründe zum Chaos

Enrique:

Im Gegensatz zu Ex-Trainer Tata Martino, den Messi selbst im Klub forciert hatte, gilt Enrique nicht als Intimus des Superstars. Das soll schon beim Antritt des Coaches seinen Anfang genommen haben, als Enrique meinte, er sei der Team-Leader. Die Abgänge von Messis guten Freunden Cesc Fabregas und Jose Manuel Pinto schmeckten dem Argentinier ebenfalls nicht. Aber auch die restlichen Kicker scheinen dem Coach nicht bedingungslos zu folgen und das Umfeld hegt ebenso Zweifel an den Fähigkeiten des 44-Jährigen. Laut spanischen Medien wird ihm nicht nur das schlechte zwischenmenschliche Verhältnis und die ausbaufähige Kommunikation mit den Spielern angekreidet, auch die mangelnde Einbindung bzw. Heranführung von Talenten aus La Masia ist ein Kritikpunkt, ebenso werden ihm taktische Mängel attestiert. Lange versuchte man die Problematik Messi-Enrique in geregelten Bahnen zu halten. Jetzt, wo die Eskalation droht, scheint es aber auf ein "ich oder er"-Szenario hinauszulaufen, wenngleich nicht gesichert ist, wie deutlich ein solches von Messi kommuniziert wird. Dass diese Entscheidungssituation aber zumindest latent im Raum steht, ist für diverse spanische Medien aber ebenso klar, wie dass Enrique in diesem Duell den Kürzeren ziehen würde.

Messi:

Wie wohl sich Messi noch in Barcelona fühlt, darüber scheiden sich schon seit langem die Geister. Trotz weiterhin außergwöhnlichen Leistungen wirkt der Argentinier immer öfter lustlos. Der Grund dafür wird unter anderem in den Problemen gesehen, die den Primgeiger außerhalb des Platzes bedrücken. Die Steueraffäre um ihn und seinen Vater ist immer noch nicht ausgestanden, mit einem Wechsel ins Ausland könnte Messi dem spanischen Fiskus entfliehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass nach 14 Jahren Barca auch einfach die Reize erschöpft und der Wunsch nach einem Tapetenwechsel gereift ist. Mit Chelsea stünde ein Verein ante portas, der sich dem Vernehmen nach nicht von der auf 250 Millionen festgesetzten Ablösesumme abschrecken lassen würde. Dass Messi (Instagram) und seine Herzdame Antonella Roccuzzo (Twitter) sich entschieden, Chelsea zu folgen, darf dabei als amüsante Randnotiz vermerkt werden.

Gastroenteritis-Gate:

Zum bisherigen Höhepunkt des lange keimenden Disputs kam es durch das verpasste Training. Pikant: Hinter dem offiziellen Grund Gastroenteritis - der auch bei Messi genannt wurde - stecke in Fußballerkreisen meist etwas anderes, erklärte Xavi erst unlängst in einem Interview bei "El pla Sarda". Das Vorspiel zum vermeintlichen Eklat begann bereits am 2. Jänner, als Trainingskiebitze den bislang heftigsten Disput zwischen Enrique und Messi beobachtet haben wollen. "Wir sehen uns in der Kabine", soll der Argentinier gesagt haben, die Situation soll eben dort nahe an einer Handgreiflichkeit gewesen sein, ehe Neymar dazwischen ging. Auslöser soll ein von Enrique nicht gegebenes Foul an Messi in einem Trainings-Spiel gewesen sein - eine Lappalie. Eine weitere Szene soll sich nach dem Spiel im Anoeta ereignet haben. Messi habe sich eine hitzige Diskussion mit Klub-Psychologe Joaquin Valdes, einem der engsten Vertrauten Enriques, geliefert. Die gesamte Heimreise nach Barcelona habe der Star daraufhin schweigend bestritten, so die Berichte von "Mundo Deportivo".

Eine halbe Stunde vor Trainingsstart am Montag machte Xavi sich ob des Fehlens von Messi Sorgen und setzte Enrique in dessen Büro davon in Kenntnis, dass sich Messi nicht wohl fühle. Dass sich Messi nicht selbst bei ihm meldete, soll Enrique zu der angedachten Strafe bewogen haben. Diese konnte von den altgedienten Barca-Stars, die Messis Ausbrüche gewohnt sind, wie es "AS" formuliert, abwenden. "Sport" berichtet indes, dass weder Messi noch Roccuzzo auf von Enrique in Auftrag gegebenen Anrufe reagierten.

"Zubi" musste sich als Sportdirektor verabschieden

Zubizarreta:

Die Trennung von Zubizarreta war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Zuviele Fehler erlaubte sich der Sportdirektor in seiner gut vierjährigen Amtszeit.

- Innenverteidiger-Dilemma: Das Karriere-Ende von Carles Puyol zeichnete sich ab, Handlungsbedarf bestand in der Abwehrzentrale lange genug. Die Lösung im vergangenen Sommer: Ein völlig überteuerter Jeremy Mathieu und ein Thomas Vermaelen, der in seinem letzten Jahr bei Arsenal schon nicht mehr restlos überzeugte und überdies verletzungsbedingt noch kein einziges Pflichtspiel für Barca bestritt. Gerard Pique hat seine beste Zeit wohl schon hinter sich, bleibt die mittlerweile etablierte Notlösung Javier Mascherano und Youngster Marc Bartra. Insgesamt nicht zufriedenstellend für Barcas Ansprüche - damit muss man ob der Transfersperre aber vorerst auskommen.

- Ausverkauf im zentralen Mittelfeld: Eine ähnliche Situation herrscht in der Schalzentrale, wo die Zeit von Xavi langsam abläuft. Mit Cesc Fabregas und Thiago waren zwei Nachfolger aus den eigenen Reihen vorhanden, beide wurden aber abgegeben und das auch noch zu billig, wie viele Fans finden. Dafür kam im Sommer Ivan Rakitic, der gute Spiele abliefert, von Enrique gerade in den großen Partien aber bislang oft nur von der Bank eingesetzt wird. Insgesamt suchten in den letzten Jahren viele La-Masia-Talente den Weg zu anderen Klubs. Von Zeiten, in denen teilweise elf Eigenbauspieler aufliefen, ist man weit entfernt.

- Valdes-Verkauf: Auch den langjährigen Keeper vermochte Zubizarreta nicht zu halten. "Ein Leader in der Kabine und einer der einflussreichsten Spieler in den letzten Jahren", trauert etwa "Marca" dem Tormann und Führungsspieler nach.

- Neymar-Chaos: Die Verpflichtung des Dribblanskis wird kaum jemand kritisieren, die Umstände und vor allem die Unwahrheiten über die Höhe der Ablösesumme sahen viele aber als schädigend für den Ruf des Vereins.

- Transfer-Sperre: Die mittlerweile bestätigten zwei Transferperioden, in denen Barca die Hände gebunden sind, hat natürlich auch Zubizarreta mitzuverantworten, was er auch selbst am Sonntag einräumte.

- Trainer-Auswahl: Die große Aufgabe, nach dem Abgang von Pep Guardiola eine langfristige Trainer-Lösung zu finden, konnte Zubizarreta nicht bewältigen. De tragische Krankheit von Tito Vilanova machte den Weg der Kontinutiät zunichte, "Zubis" Entscheidungen für Tata Martino und Luis Enrique brachten nicht den erhofften Erfolg. Dass er es auch nicht schaffte, den Konflikt zwischen Messi und Enrique zu schlichten, dürfte das Faß letztlich zum überlaufen gebracht haben. 

Bartomeu:

Ein allzu hohes Standing genoss Josep Maria Bartomeu, der nach dem Rücktritt von Sandro Rosell im Jänner 2014 das Präsidenten-Amt übernahm, bei den Barca-Fans nie. Auch wenn viele die Entscheidung befürworten, dass Bartomeu Zubizarreta vor die Tür setzte, einen Tag nachdem dieser in einem TV-Interview einräumte, dass Bartomeu in seiner damaligen Funktion als Vize-Präsident besser über die Verstöße gegen die Transferbestimmungen bei Minderjährigen Bescheid wusste, als jeder andere, lässt den Geschäftsmann in keinem guten Licht erscheinen. Hatte er bislang immer davon gesprochen, bis zu den planmäßigen Wahlen 2016 im Amt zu bleiben, verkündete der 51-Jährige nun Neuwahlen für den Sommer 2015, bei denen er kandidieren wird. Eine Wahl Bartomeus dürfte aber wenig Aussicht auf Erfolg haben. Soll doch neben Augusto Benedito auch Ex-Präsident Joan Laporta kandidieren. Und Letzterer will den Fans ein besonderes Zuckerl präsentieren: Pep Guardiola soll als Sportdirektor mit umfangreichen Handlungsspielraum zurückkehren.

 

Christoph Kristandl

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