Pionier Piermayr: "Keinen Grund zum Jammern"

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Es war still geworden um Thomas Piermayr.

Der gebürtige Linzer, im Vorjahr in der Major League Soccer bei den Colorado Rapids unter Vertrag, war zuletzt vereinslos.

Seit einigen Wochen ist der 25-Jährige wieder aktiv. Sein neues Zuhause ist allerdings ungewöhnlich: Piermayr hat – als erster Österreicher überhaupt - in der weißrussischen Vysheyshaya Liga angeheuert und einen Vertrag beim FK Minsk unterschrieben.

Im Interview mit LAOLA1 spricht der Oberösterreicher über die neue Herausforderung, das Leben in Weißrussland, bekannt als "letzte Diktatur Europas", und eine überraschend kurze Vertragslaufzeit.

LAOLA1: Thomas, wie kam der Wechsel nach Minsk zustande?

Thomas Piermayr: Ich war vereinslos, daher habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, um wieder spielen zu können. Ich hatte ein Probetraining, dabei hat es sich ergeben, in Minsk zu bleiben. Ich habe es dann gemacht, weil ich nicht bis Sommer warten wollte.

LAOLA1: Du hattest auch Probetrainings beim FC Blackpool sowie beim FC St. Mirren. Warum hat es mit einem Engagement auf der Insel nicht geklappt?

Piermayr: Da hätte ich bis Sommer warten müssen, das wollte ich nicht. In Weißrussland war das anders, daher fiel die Wahl auch auf Minsk.

LAOLA1: Fremdes Land, neue Kultur. Wie hat sich die Akklimatisierung gestaltet?

Piermayr: Nach einer Woche hatte ich das erste Spiel. Es war gut, dass sie mich sofort ins kalte Wasser geworfen haben. Natürlich habe ich auch in der Zwischenzeit immer trainiert und war darauf bedacht, fit zu bleiben, Spiele sind aber durch kein Training zu ersetzen. In den letzten sechs Spielen kam ich fünf Mal über 90 Minuten zum Einsatz. Mir geht es hier sehr gut, auch wenn es durch die Sprache natürlich eine Umstellung ist. Einer aus dem Trainerteam übersetzt alles, daher funktioniert das jetzt schon besser.

LAOLA1: Abgesehen von dir gibt es mit dem Serben Nikola Lukic nur einen weiteren Legionär. Wie schwierig gestaltet sich die Kommunikation mit deinen Teamkollegen?

Piermayr: Es hat etwas gedauert, meine Mitspieler kennenzulernen, was wichtig ist, da ich im Mittelfeld ja doch eine zentrale Rolle spiele. Mittlerweile läuft es ganz gut. Unser Serbe spricht zwar Englisch, ist aber aktuell verletzt. (lacht) Ich kann die grundlegenden Kommandos auf Russisch, das sind zehn, 15 Wörter, die ich gelernt habe. Ein bisschen Englisch verstehen sie durchaus, aber insgesamt ist es hier so, dass es kaum einer spricht. Am Platz genügen die wenigen Wörter, aber ich überlege jetzt, ob ich einen Russisch-Kurs besuche.

LAOLA1: Für welchen Zeitraum hast du in Minsk unterzeichnet?

Piermayr: Ich habe nur einen kurzen bis Anfang Juli unterschrieben. Option gibt es zwar keine, aber sie wollen jetzt schon verlängern.

LAOLA1: Willst du auch?

Piermayr: Ich will erst einmal abwarten, wie es sich in den nächsten Spielen entwickelt. Zuletzt haben wir Gott sei Dank gewonnen gegen den Zweiten (Shakhtar Soligorsk, Anm.). Wenn wir auch die nächsten Spiele erfolgreich gestalten, haben wir durchaus eine Chance, dass wir vorne mitspielen. Für mich war aber wichtig, dass ich wieder Fußball spiele, weil ich doch längere Zeit ohne Verein war. Im Sommer will ich tiptop beieinander sein, dann werden wir uns zusammensetzen.

LAOLA1: Kannst du dir vorstellen, längerfristig in Weißrussland zu bleiben?

Piermayr: Es ist durchaus eine Option, hier zu bleiben. Ich konnte mir ja zunächst wenig darunter vorstellen, aber ich wohne hier direkt in Minsk. Es ist eine wirklich schöne Großstadt (1,9 Millionen Einwohner, Anm.), extrem sauber und mit vielen schönen, alten Gebäuden. Es gibt tolle Cafés, zum Leben ist es wirklich super. Konkret kann ich aber noch nichts darüber sagen, wie es weiter geht.

LAOLA1: Stehst du denn auch mit anderen Vereinen in Kontakt?

Piermayr: Derzeit gibt es nichts, ich bin erst seit sechs Wochen da. Der FK Minsk hat gefragt, ob ich mir vorstellen kann, hier zu bleiben. Ich will noch etwas abwarten. Es ist aber schon mal gut, dass der Verein verlängern möchte, ich will mir aber alle Optionen offen halten.

Piermayr kickt als erster Österreicher in Weißrussland (Foto: FK Minsk)

LAOLA1: Welche weiteren Vorzüge oder Nachteile haben der FK Minsk und Weißrussland aus deiner Sicht?

Piermayr: Das ist schwierig zu sagen. Bis auf die Sprache gibt es nicht viel Unterschied. Die Lebensqualität ist sehr hoch, das Essen ist gut. Es gibt extrem viele Cafés und Restaurants. Unser Trainingszentrum ist schwer in Ordnung, die Rahmenbedingungen passen hervorragend. Auch das Wetter passt, daher gibt es keinen Grund zum Jammern. Ich bin aber ohnehin wegen des Fußballs hierher gewechselt, was sich voll ausgezahlt hat, weil ich in jedem Spiel zum Einsatz kam.

LAOLA1: Wie würdest du die Spielanlage in der Vysheyshaya Liga beschreiben?

Piermayr: Sie ist eher kampfbetont. Hier wird ein bisschen defensiv gespielt, das Tempo ist auch nicht so intensiv wie in anderen Ligen. Wir haben gegen BATE gespielt und knapp verloren, gegen den Zweiten haben wir dafür gewonnen. Die ersten drei, vier Mannschaften sind sehr gut, der Rest in etwa gleichwertig.

LAOLA1: Welches Potenzial steckt in deiner Mannschaft?

Piermayr: Das ist schwierig zu sagen. Lukic, unsere Nummer 10, ist ja leider verletzt. Der hatte eine tolle letzte Saison. In den nächsten Spielen wird es sich entscheiden, wohin die Richtung geht. Laufen sie gut, können wir bestimmt um den vierten, fünften Platz mitspielen. Es ist Qualität vorhanden, es gibt viele junge Spieler und ein paar Routiniers mit Erfahrung aus Russland und der Ukraine. Wir sind auf einem guten Weg.

LAOLA1: Kann Weißrussland in puncto Zuschaueraufkommen und Atmosphäre mit den mitteleuropäischen Ligen konkurrieren?

Piermayr: Das ist ganz anders als in Mitteleuropa. BATE hat viele Zuschauer, dazu gibt es noch einige wenige Stadien, die ganz gut gefüllt sind. Insgesamt ist es eher dürftig. Die Gründe dafür sind mir nicht bekannt, die Zuschauerzahlen sind aber mager.

LAOLA1: Liegt es am Stellenwert des Fußballs im Land?

Piermayr: Der ist glaube ich schon hoch. Hier sind alle Fußball-begeistert. Die Sportart zählt sicher zu den Top-3-Sportarten.

LAOLA1: Wie gestaltete sich deine Phase, in der du vertragslos warst? Wäre es finanziell machbar gewesen, länger ohne Engagement zu bleiben?

Piermayr: Da ging es nicht ums Finanzielle. Je länger man nicht spielt, desto schwieriger wird es. Ich kam aus den USA zurück und danach war es nicht so leicht, etwas zu finden. Dann hat sich die Option Minsk aufgetan und die habe ich dann gewählt. Ich wollte auf keinen Fall bis Sommer warten.

LAOLA1: Inklusive Österreich spielst du bereits im fünften Land. Bist du generell ein Typ, der neue Kulturen kennenlernen und seinen Horizont erweitern will?

Piermayr: Es scheint so (lacht). Es ist nicht so, dass ich mir möglichst viele Länder anschauen will. Das hat sich alles so ergeben, nachdem ich leider mit dem LASK damals abgestiegen bin. Jetzt ist aber schon das Ziel, dass ich in den nächsten Jahren länger bei einem Verein bleibe.

LAOLA1: Skizziere bitte ganz kurz, wie du dir deine Zukunft vorstellst.

Piermayr: Ich will längerfristig bei einem Klub bleiben und kontinuierlich spielen. Das Land ist dabei nicht entscheidend. Es gibt auch in Weißrussland noch bessere Vereine, das wäre ebenfalls eine Option.

LAOLA1: Ist eine Rückkehr nach Österreich für dich vorstellbar?

Piermayr: Ja, natürlich. Sofern es Interesse gibt, bin ich der Letzte, der nein sagt. Die Liga ist ja ganz gut.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Nister

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