Das Risiko der Tulpen-Torjäger

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Wilfried Bony.

Nicht nur hier, sondern auch in unzähligen Scouting-Blöcken steht dieser Name derzeit ganz oben.

Praktisch jeder Premier-League-Klub hat seine Spione schon nach Arnheim geschickt. Was kann dieser Ivorer, der in dieser Saison die Defensivreihen in Angst und Schrecken versetzt, wirklich?

Bei einem Blick auf die Statistiken des 24-Jährigen schreien einem die Zahlen förmlich entgegen: Dieser Mann hat große Qualitäten!

Sensationelle Zahlen

30 Tore in 27 Spielen, im Durchschnitt alle 79 Minuten ein Treffer. Gerade einmal fünf Meisterschaftsspiele, in denen Bony an keinem Tor beteiligt war.

Sein Vertrag mit Vitesse, nicht zuletzt wegen seiner Treffer das Überraschungsteam schlechthin in den Niederlanden, läuft noch bis Sommer 2015. Dennoch kann damit gerechnet werden, dass sein Arbeitgeber bei einem entsprechenden Angebot für den Goalgetter schwach wird.

Und ein solches wird kommen. Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre beweist, dass kaum ein Eredivisie-Schützenkönig unter sieben Millionen Euro Ablöse gekostet hat.

Jankos Karriereknick

Aber Obacht! Ein Torjäger aus den Niederlanden ist nicht gleichzeitig sofort der Heilsbringer bei seinem neuen Verein. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass diese Stürmer einige Zeit benötigen, um bei ihren Neo-Klubs anzukommen. Wenn sie überhaupt ankommen.

Frag nach bei Marc Janko. Mit 24 Toren in 45 Ligaspielen für Twente wies der ÖFB-Teamstürmer eine überaus beachtliche Bilanz auf.

Zweifelsohne hatte sich der FC Porto mehr erhofft, als er ihn im Jänner 2012 verpflichtete. Ein halbes Jahr später war das Experiment zu Ende und Janko wurde an Trabzonspor verschachert. Seit dem Abgang aus den Niederlanden hat der Stürmer in 24 Meisterschaftsspielen fünf Tore erzielt.

Kezman wurde nie wieder der alte

Doch es geht weitaus schlimmer. Ein Paradebeispiel für Kicker, die nach ihren Torfestivals in der Eredivisie nie mehr richtig in die Spur fanden, ist Mateja Kezman.

35 Tore in der Saison 2002/03 und 31 Treffer 2003/04 – wer den Serben für PSV Eindhoven stürmen gesehen hatte, konnte sich sicher sein, einen echten Hochkaräter zu verpflichten. Das dachten zu diesem Zeitpunkt zumindest alle. Auch Chelsea.

Doch die Konkurrenz in der Premier League sollte sich als wesentlich hartnäckiger erweisen. Nach gerade einmal vier Toren in der damals besten Liga der Welt wollte man an der Stamford Bridge nichts mehr von Kezman wissen und schob ihn zu Atletico Madrid ab.

Es folgten Engagements bei Fenerbahce, Paris St. Germain, Zenit St. Petersburg, dem australischen Klub South China und BATE Borisow. Elf Tore in der Türkei 2007/08 sollten das Höchste der Gefühle bleiben.

Middlesbrough-Flop Alves

Ein Einzelfall? Keineswegs. Im Winter 2007/08 plünderte der englische Mittelständer Middlesbrough sein Bankkonto, um sich die Rechte an einem gewissen Afonso Alves zu sichern.

Afonso Alves: Ein Schatten seiner selbst

Für eine schlechte Idee hielt das damals keiner. 34 Treffer hatte der Brasilianer 2006/07 für Heerenveen gemacht. Und im Herbst darauf mit elf Toren in acht Spielen seine Qualitäten noch einmal bewiesen.

Die Investition von 17 Millionen Euro sollte sich zwar kurzfristig als gut, langfristig aber als sehr schlecht herausstellen. Während der Südamerikaner in seinem ersten Premier-League-Frühjahr mit sechs Toren in elf Spielen noch zu überzeugen wusste, war sein Torriecher über den Sommer aber plötzlich verschwunden.

Als die Saison 2008/09 beendet war, hatte Alves in 31 Partien gerade einmal vier Tore geschossen und Middlesbrough stand als Absteiger fest. Immerhin gelang es dem Verein noch, den Flop für zwölf Millionen Euro nach Katar, wo er seither seine Brötchen verdient, zu verkaufen.

Vleminckx hat es nicht geschafft

Die große internationale Karriere blieb auch Björn Vleminckx verwehrt. Mit 23 Toren in 32 Spielen sorgte der Belgier 2010/11 im Nijmegen-Trikot für Aufsehen und holte die Torjäger-Krone.

Der FC Brügge schlug zu, verlieh den mittlerweile 27-Jährigen nach neun Toren in 33 Ligapartien im Jänner 2013 aber enttäuscht in die Türkei. Immerhin schlägt sich der Angreifer bei Genclerbirligi seither ziemlich gut – elf Spiele, acht Tore.

Positive Beispiele

Freilich ist es aber nicht grundsätzlich ein Fehler, auf einen Torjäger aus den Niederlanden zu setzen. Dirk Kuyt (2005/06 22 Tore und 19 Assists für Feyenoord) und Luis Suarez (2009/10 35 Tore und 17 Assists für Ajax) haben sich etwa bei Liverpool durchgesetzt und wurden Leistungsträger.

Auch Klaas-Jan Huntelaar hat mit seinen 29 Treffern für Schalke in der Vorsaison eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was er drauf hat. Wenngleich er nach dem Abgang von Ajax, für das er in 92 Ligaspielen 76 Tore erzielte, den großen Vorschusslorbeeren vorerst nicht gerecht werden konnte.

Der „Hunter“ wurde weder bei Real Madrid, noch beim AC Milan glücklich, blühte erst nach seinem Wechsel nach Deutschland wieder auf.

Apropos Deutschland. Dort kicken seit dem Sommer auch die zwei gefährlichsten Eredivisie-Stürmer der Vorsaison. Bas Dost (32 Tore für Heerenveen) steht bei Wolfsburg unter Vertrag, Luuk de Jong (25 Tore für Twente) ist bei Mönchengladbach engagiert. So richtig eingeschlagen haben beide noch nicht, wenngleich es verfrüht wäre, ein ernsthaftes Urteil abzugeben.

Überlegungen sind gefragt

Was das alles für Wilfried Bony bedeutet? Mutmaßlich nicht viel, denn er wird trotz dieser Lehren aus der Vergangenheit den Sprung zu einem namhaften Verein schaffen.

Doch die Klubs sind gut beraten, sich genau zu überlegen, ob der Ivorer auch tatsächlich in ihr Konzept passt, bevor sie geblendet von seinen herausragenden Statistiken blindlings ihre Sparschweine schlachten, um im Wettbieten bestehen zu können.


Harald Prantl

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