Pichlmann: La vita é bella

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Pichlmann: Sein Leben, seine Rückkehr, seine Träume

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Eigentlich wäre Thomas Pichlmann nach einem Heimspiel in wenigen Minuten zu Hause.

Luftlinie sind es vom Stadio Marcantonio Bentegodi bis zu seiner Wohnung nämlich nur ein paar hundert Meter.

Aber die heißblütigen Hellas-Fans verlängern den Fußmarsch des Wieners regelmäßig ums Zigfache.

Der eine schenkt ihm nachträglich zum Geburtstag eine Palette Erdbeeren, der andere eine Flasche Wein.

Von rechts kommen "Grande Picki-Rufe", von links Fotowünsche.

Für Pichlmann ist der ganze Wahnsinn mittlerweile zur Normalität geworden und auch eine Wertschätzung: Er ist einer von ihnen, er gehört dazu zur Hellas-Familie.

LAOLA1 hat den 31-jährigen Wiener in Verona besucht und mit ihm über "sein" Italien gesprochen.


Mittlerweile ist Pichlmanns schon fast viereinhalb Jahre in Italien. Die hiesigen Angewohnheiten hat der Wiener schnell verinnerlicht: "Es wird später aufgestanden und später schlafen gegangen. Und das Essen steht an oberster Stelle", lacht der Ex-Pasching- und Austria-Stürmer. In der Anfangszeit sei es für ihn und die Familie natürlich eine Umstellung gewesen - "es ist doch eine andere Kultur, eine andere Mentalität" - inzwischen fühlen sich die Pichlmanns in Italien aber pudelwohl. "Man genießt einfach das Leben. Es ist nicht alles so verbissen wie bei uns."


Im Sommer 2010 hat Pichlmann der Toskana den Rücken gekehrt und das beschauliche Grosseto (82.000 Einwohner) gegen das lebendige Verona (264.000) getauscht. "Verona kennt wahrscheinlich jeder aufgrund der Geschichte von Romeo und Julia. Die Arena ist immer wieder Schauplatz von zahlreichen Konzerten, dazu ist der nahegelegene Gardasee ein Anziehungspunkt für Touristen", beschreibt Pichlmann sein neues Zuhause. Der Wiener wohnt mit seiner Familie unweit vom Stadion, schätzt aber auch die Vorzüge der seit 2000 zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt.


Viele Landsleute schüttelten im Sommer 2010 den Kopf, als Pichlmann freiwillig den Gang in die dritte italienische Liga antrat. Aber der großgewachsene Angreifer wusste, dass er mit Hellas Verona mittelfristig die besseren Chancen hat, in die Serie A aufzusteigen. "Hellas Verona ist ein Verein, der in Italien großes Ansehen genießt und auch schon ein Mal Meister (1985) war. Es ist ein absoluter Traditionsklub, wo Fußball täglich gelebt wird", veranschaulicht der Wiener. Mit Chievo gibt es zwar einen Stadtrivalen, der in der Serie A spielt, präsent ist er aber nicht. "Chievo existiert zwar, wird aber kaum wahrgenommen."


Wer im Stadio Marcantonio Bentegodi einem Spiel von Hellas beiwohnt, merkt schnell, dass die Stimmung blitzartig umschwenken kann. Die im Schnitt 15.000 Zuschauer verwandeln das Stadion entweder in einen Hexenkessel oder pfeifen ihr Team gnadenlos aus. "Unsere Fans haben in den letzten Jahren viel Positives, aber auch viel Negatives geleistet", beschreibt Pichlmann. "Sie sind in beide Richtungen euphorisch. Solange alles im Rahmen bleibt, kann man damit gut leben. Ich kenne aber viele Geschichten, wo es nicht mehr im Rahmen war." Bei einer Negativserie kommt es schon einmal vor, dass die Anhäger Holzkreuze mit den Spielernamen in den Rasen des Trainingsgeländes stecken. Pichlmann: "Vergangene Saison wurden wir von der Polizei zum Training gebracht und wieder abgeholt, weil die Fans so einen hohen Aggressionslevel erreicht hatten. Da war die Situation sehr heikel." Auf der anderen Seite begleiten oft mehrere tausend Hellas-Fans ihre Mannschaft zu Auswärtsreisen.


Andrea Mandorlini folgte im November 2010 dem glücklosen Ex-Sturm-Star Giuseppe Giannini nach und führte die Venetianer mit einem starken Finish doch noch in die Serie B. "Er ist vergangene Saison in einer ganz schwierigen Situation gekommen, hat die Mannschaft aber wach gerüttelt und noch den Aufstieg geschafft", so Pichlmann. Der 51-Jährige sammelte auch abseits des Platzes Sympathien bei den Hellas-Fans, als er den verhassten Süden öffentlich verunglimpfte. "Er genießt in Verona dadurch Kultstatus, wir haben es dafür im Süden immer doppelt schwer", grinst Pichlmann. Auch in der Kabine ist der in Ravenna geborene Fußball-Lehrer kein Kind von Traurigkeit. "Er scheut nicht davor, einen Spieler vor der ganzen Mannschaft zu kritisieren. Du brauchst schon eine dicke Haut, um bei ihm durchzukommen. Er ist nicht zimperlich."


Giovanni Martinelli übernahm 2008 den angeschlagenen Traditionsverein und führte ihn mit viel Leidenschaft wieder ins Profigeschäft zurück. "Er liebt den Fußball und will mit Verona unbedingt in die Serie A aufsteigen – das ist sein großer Traum", erklärt Pichlmann. Viel Zeit bleibt dem 60-Jährigen aber möglicherweise nicht mehr, denn Martinelli leidet an Kehlkopf-Krebs. Pichlmann: "Momentan pendelt er zwischen Krankenhaus und Fußballplatz hin und her. Er will trotzdem sehr nahe bei der Mannschaft sein und führt auch immer wieder Gespräche mit uns. Er versucht, uns positiv zu pushen. Er ist ein Präsident, wie man sich ihn nur wünschen kann. Ich habe so ein Verhältnis zwischen Präsident und Mannschaft noch nie erlebt. Auch die ganze Stadt steht hinter ihm."


Wird der Österreicher auf der Straße erkannt, ertönen immer wieder "Picki-Rufe". "In Italien nennen sie mich "Picki", weil sie das "ch" nicht aussprechen können. Der Trainer schreibt mich auch immer mit "k", weil er sich damit leichter tut. Den Spitznamen habe ich schon seit ich in Italien bin. Jeder, der mich kennt, nennt mich so", schmunzelt der fünffache Saisontorschütze. Teamkollegen und Medienvertreter nennen den Angreifer auch gerne einmal "Il Bomber" - in Anlehnung an seine Torjäger-Qualitäten.


"In Österreich habe ich es mir oft zu leicht gemacht, was mich auch Jahre gekostet hat. Ich bin als großes Talent immer irgendwie gepusht worden. Wenn ich in Italien so weitergemacht hätte, hätten sie mich gleich nach Hause geschickt – hier bin ich nur einer von vielen." Mit Anfang 30 sieht Pichlmann viele Dinge anders, vor allem die Anfangszeit seiner Karriere. "Ich musste mich in Italien richtig durchbeißen und meine komplette Einstellung zum Sport ändern. Die Leute jubeln ja nicht automatisch, wenn ein Legionär aus Österreich kommt." Auch im taktischen Bereich hat der Angreifer viel dazugelernt, seine Spielweise dem modernen Fußball angepasst.


2014 läuft Pichlmanns Vertrag bei Hellas aus, danach könnte es in die Heimat zurückgehen. "Ich habe schon vor, meine Karriere in Österreich ausklingen zu lassen." Auch, weil er sich selbst beweisen will, dass er es auch zuhause kann. "Ich habe nie mein ganzes Potenzial ausgeschöpft. Nach zwei guten Partien habe ich in der Zeitung gelesen, ich sei der neue Toni Polster. Da habe ich mir gedacht: Jetzt passiert es einfach. Aber nichts geht von alleine, du musst immer hart arbeiten." Sollte der Wiener allerdings mit 33 in der Serie A spielen und da noch mithalten können, würde er eine Rückkehr aufschieben.

Wenn Pichlmann nach seinen Träumen gefragt wird, kommt die Antwort sehr rasch: Serie A! "Der große Traum eines jeden Fußballers ist es, ein Mal im Ausland zu spielen. Und das in einer der Topligen. Es wäre natürlich ein Traum, wenn man gegen die Besten der Welt spielen könnte." Mit Hellas steht der 31-Jährige kurz davor, dieses große Ziel zu erreichen. Zwei Spieltage vor Schluss hat Verona nur drei Punkte Rückstand auf den Zweitplatzierten Delfino Pescara. Der zweite Traum wäre die Rückkehr ins Nationalteam, wobei sich der zweifache Teamspieler da eher zurückhaltend gibt: "Wir haben einen Janko, einen Harnik, einen Arnautovic – da kann ich als Serie-B-Spieler keine Ansprüche stellen. Sollte ich aber einmal Serie A spielen und eine ähnliche Torquote haben wie in den letzten Jahren, stellt sich die Frage vielleicht eher." Bis dahin genießt Pichlmann weiter sein Leben in Italien. Mit Erdbeeren, "Picki-Rufen" und allem, was dazu gehört.

Kurt Vierthaler/Harald Prantl

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