Quo vadis, Luis Enrique?

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Luis Enrique steht in der "ewigen Stadt" vor dem Aus

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„Willkommen in der Hölle!“

Mit diesen Worten wurde Luis Enrique von Arrigo Sacchi begrüßt, als dieser dem Neo-Coach im Trainingslager des AS Roma Mitte Juli einen kurzen Besuch abstattete. Die Trainer-Legende kennt die italienische Medienlandschaft nur allzu gut und wusste worauf sich der Spanier eingelassen hatte, als er am 7. Juni 2011 seinen Dienst  bei den „Giallorossi“ antrat.

Ein kompletter Umbruch sollte unter dem neuen Mehrheitseigentümer Thomas di Benedetto stattfinden. Er kaufte 60 Prozent der Klub-Aktien auf und rettete die Roma vor dem Ruin.

Die Hauptstädter sollten zu einem der ganz Großen in Europa aufsteigen, jedes Jahr um die Champions League mitspielen.

Und Enrique, der zuvor die zweite Mannschaft des FC Barcelona betreute, sollte genau der richtige Mann dafür sein.

Der neue Pep

Wie Pep Guardiola bei den Katalanen, sollte Enrique das so erfolgreiche „Barca“-System spielen lassen. Zumindest schwebte dies dem italo-amerikanischen Mäzen vor. Und er ließ sich das auch einiges kosten.

Nicht weniger als 16 neue Spieler kamen im Sommer für insgesamt 73 Millionen Euro in die „ewige Stadt“. Mit Philippe Mexes, Jeremy Menez, John Arne Riise, und Mirko Vucinic, wurden allerdings auch etliche Stammkräfte abgegeben. Im Winter folgten die Abgänge von David Pizarro und Marco Boriello.

Totti und Enrique: Ein schwieriges Verhältnis

Für so einen gewaltigen Umbau braucht man vor allem Zeit. Und genau die ist im Profifußball im Allgemeinen, und in Italien im speziellen sehr knapp. So dauerte es nicht lange, bis der ehemalige Mittelfeldspieler die gnadenlose Medienlandschaft der italienischen Hauptstadt zu spüren bekam.

Aus in der Euro-League-Quali

Als „Ketzer“ wurde er beschimpft als im Europa-League-Qualifikationsspiel gegen Slovan Bratislava die jungen und unerfahrenen Stefan Okaka und Gianluca Caprari in der Anfangsformation standen, während Francesco Totti auf der Bank schmorte.

Ohne ihren Kapitän hatten die Römer das Hinspiel mit 0:1 verloren. Das so wichtige Rückspiel im Stadio Olimpico endete 1:1. Totti war immerhin 74 Minuten lang auf dem Rasen. Beim Ausgleichstreffer der Slowaken saß er allerdings schon auf der Bank.

Die „Giallorossi“ waren bereits in der Qualifikation gescheitert. Nach nur zwei Monaten im Amt war Enrique bereits schwer angezählt.

Miese Derby Bilanz

Es folgte die schlimmste aller Niederlagen. Das „Derby della Capitale“ gegen Lazio Rom ging mit 1:2 verloren. Miroslav Klose stürzte die Roma-Anhänger mit seinem Treffer in der 93. Minute ins Tal der Tränen und den Coach in Erklärungsnot.

Anfang März folgte die zweite Derby-Niederlage der Saison. Eine Tragödie. Seit beinahe 40 Jahren war dies erst einmal – in der Saison 1997/98 – vorgekommen. Spätestens da war Enrique in der Hölle angekommen.

Querelen Abseits des Platzes

Doch damit nicht genug. Auch abseits des Platzes lief es nicht rund. Pablo Osvaldo und Erik Lamela gerieten nach einer 0:2-Niederlage gegen Udinese in der Kabine aneinander.

Osvaldo, der bis dahin die meisten Tore für die Römer erzielt hatte, wurde daraufhin von Enrique für zehn Tage suspendiert.

„Ich hätte es mir auch leicht machen und nur eine Geldstrafe aussprechen können“, so der Trainer  später, „aber ich wollte nicht, dass so etwas noch einmal passiert.“

Ständige Systemwechsel und Personalrochaden

Leicht machte es sich Enrique wirklich nicht. Immer wieder stellte er sein System um. Von anfangs 4-3-3 wechselte er über ein 4-4-2 mit Raute auf 4-2-3-1, nur um schlussendlich wieder bei 4-3-3 zu landen. Eine „Handschrift“, ein eigener Spielstil war nicht zu erkennen.

Auch beim Personal rotierte er kräftig. Nur zwei Spieler der Römer kommen bis zum 34. Spieltag auf mehr als 28 Einsätze Einer davon ist Torhüter Stekelenburg. Der zweite, Bojan Krkic, wurde dabei 19 Mal nur eingewechselt.

Zum Vergleich: Bei Tabellenführer Juventus Turin haben gleich sieben Kicker mehr als 28 Spiele absolviert.

Den Roma-Fans schmeckt die Saison gar nicht

Europa in weiter Ferne

So ist es nicht verwunderlich, dass der gesamte Saisonverlauf einer ständigen Berg- und Talfahrt gleicht. Auf Sieg folgte meist Niederlage und umgekehrt. Seit dem 19. Spieltag stagniert man auf dem sechsten Tabellenplatz.

Suboptimal, denn nur die ersten drei sind zur Teilnahme an der Champions-League-Quali – dem erklärten Ziel - berechtigt.

Rückkehr zu Barcelona?

Die ständigen Störfeuer von außen ließen derweil nie nach. Als sich im Winter die Gerüchte mehrten, Barca-Coach Guardiola würde seinen Vertrag nicht verlängern und die Katalanen im Sommer verlassen, wurde der ehemalige Barcelona-Spieler natürlich sofort als sein Nachfolger gehandelt.

Luis Enrique wird nirgendwo hin gehen, sondern seinen Vertrag bis 2013 erfüllen. Er hat keinerlei Ausstiegsklauseln“, schob Sportdirektor Franco Baldini den Wechselgerüchten einen Riegel vor.

Auch der 41-Jährige tat die Meldungen als unseriös ab: „Ich soll zu Barcelona zurückkehren? Im Fußball von der Zukunft zu sprechen ist Wunschdenken. Ich lebe in der Gegenwart und arbeite jeden Tag mit meiner Mannschaft, damit wir uns verbessern."

Enrique ist mit seinem Latein am Ende

Enrique am Boden

Selbst nach der 1:2-Niederlage beim AC Milan Ende März gab sich der 41-Jährige noch kämpferisch und bekannte sich zur Roma. „Wir kreieren Chancen, können sie aber leider nicht nutzen. Wir versuchen nicht wie der FC Barcelona zu spielen, aber meine Spieler verstehen immer noch nicht was ich von ihnen will. Ich bin aber sehr glücklich in Rom und könnte noch zehn Jahre hier bleiben.“

Nach dem indiskutablen 0:4 bei Juventus Turin und der Last-Minute-Niederlage gegen die Fiorentina am Mittwoch und dem damit verbundenen abrutschen auf den siebten Rang in der Tabelle - fünf Punkte hinter dem drittplatzierten Erzrivalen Lazio – hörte sich das ganze schon anders an.

„Wenn jemand für diese schwache Saison verantwortlich ist, dann bin das ich“, stellte sich Enrique vor die Mannschaft, und fügte auch gleich hinzu: „Dieser Verein ist ganz anders als die meisten anderen und ich wünsche ihm für die Zukunft nur das Beste.“

Abschied steht wohl bevor

Die Zeichen stehen also unmissverständlich auf Abschied. Das Projekt „Roma-Neu“ scheint vorerst gescheitert.

Baldini steht allerdings weiter zu seinem Trainer: „ Momentan ist er ein gebrochener Mann. Er hat noch keine Entscheidung getroffen. Von Vereinsseite aus gibt es keine Zweifel an Luis.“

„Wenn jemand für die momentane  Situation verantwortlich ist, dann nur ich“, spricht der Sportdirektor seinen Trainer von jeglicher Schuld frei und nimmt sich selbst in die Verantwortung.

Am Samstag empfängt die Roma mit Napoli einen direkten Konkurrenten um die internationalen Plätze. Bei einer Niederlage wäre die Champions League fast mit Sicherheit und die Europa League mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr erreichbar. Bei einem Sieg lebt die Hoffnung, aber ob auch Enrique diese Hoffnung teilt, ist mehr als fraglich.

 

Fabian Santner

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