Wenn die Flucht unmöglich ist

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"Sie müssen lernen, Niederlagen zu akzeptieren"

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In der 53. Minute war Schluss.

Nachdem Siena zum vierten Mal den Ball ins gegnerische Tor bugsiert hatte, platzte den Ultras des Genoa CFC der Kragen.

Pyrotechnische Gegenstände flogen reihenweise aufs Feld, eine Unterbrechung der Partie wurde erzwungen.

Keine Flucht möglich

Doch damit nicht genug. In solchen Situationen ist es üblich, dass die Spieler und Unparteiischen in die Katakomben des Stadions flüchten.

Doch die furiosen Anhänger wussten das zu verhindern, postierten sich direkt über dem Kabinentunnel.

Forderung nach den Trikots

Unter den Akteuren machte sich Ratlosigkeit breit, sie waren gezwungen, auf dem Rasen zu bleiben, sahen sich den wütenden Ultras ausgesetzt. Deren Forderung: „Händigt uns die Trikots aus, ihr seid es nicht würdig, diese Farben zu tragen.“

Während Siena-Spieler und Referees unbehelligt in die Kabinen marschieren konnten, wurde auf dem Feld heftig diskutiert. Auch Genoa-Boss Enrico Preziosi war mittlerweile auf den Rasen gelangt.

Sculli verhindert den Abbruch

Und es hatte ganz den Anschein, als ob sich die Spieler der Forderung der Ultras beugen würden. Nach und nach zogen sie ihre Dressen aus. Teilweise unter Tränen wurden die Leibchen Kapitän Marco Rossi ausgehändigt.

Doch Giuseppe Sculli weigerte sich. Der 31-Jährige marschierte zu den Anführern der Ultras und begann – ebenfalls mit Tränen in den Augen – heftig zu diskutieren. Anschließend hielt er Rossi davon ab, den „Capos“ der großen Fanklubs die Trikots auszuhändigen.

In der 53. Minute eskalierte die Situation

Er geht sogar so weit, zu sagen: „Ich hoffe, dass wir aus unserem Stadion verbannt werden, um in einer ruhigeren Atmosphäre spielen zu können.“

"Sie denken, sie sind Eigentümer des Fußballs"

Auch Verbands-Präsident Giancarlo Abete fand harte Worte: „Dieses Klima der Gewalt ist inakzeptabel. Ich persönlich würde diese Personen nicht Fans nennen. Ihre Gesichter wurden gefilmt und sie werden nie wieder in ein Stadion kommen.“

Auch Damiano Tommasi, Vorsitzender der Spielergewerkschaft, reagierte bestürzt: „Die Forderung nach den Trikots ist nicht zu akzeptieren! Die Ultras denken, sie sind die Eigentümer des Fußballs.“

Erinnerungen an Milanetto

„Das sind wohl dieselben Fans, die Omar Milanetto letztes Jahr aus dem Klub gedrängt haben“, mutmaßt der ehemalige Roma-Profi.

Der einst bei den Genoa-Fans überaus beliebte Mittelfeldspieler hatte einige Tage vor dem Derby gegen Sampdoria mit einigen Kickern des Stadtrivalen gegessen und sich während des Spiels mit der eigenen Kurve angelegt.

Aufgrund zahlreicher Schmähgesänge und Graffitis an den Mauern des Trainingsgeländes sah sich Milanetto letztlich gezwungen, den Verein zu verlassen.

Die Macht der Ultras in Genoa ist groß. Das haben sie an diesem Wochenende wieder bewiesen. Und im Falle eines Abstiegs wird ihre Wut noch größer sein.


Harald Prantl

Nach minutenlangen Verhandlungen wurde das kurz zuvor noch schier unmöglich Erscheinende doch möglich: Das Spiel wurde fortgesetzt. Eine dreiviertel Stunde hatte die Unterbrechung gedauert. Die Partie endete mit einem 4:1-Auswärtssieg Sienas.

Sportliche Krise

Die Exekutive sah von Verhaftungen ab, aufgrund der Video-Aufzeichnung ist jedoch davon auszugehen, dass einige Stadionverbote ausgesprochen werden.

Die Wut der Genoa-Fans rührt aus der sportlich tristen Situation des Klubs. Die „Rossoblu“ liegen derzeit auf dem 17. Tabellenplatz, haben seit zwölf Runden nicht mehr gewonnen und nur einen Punkt Vorsprung auf einen Abstiegsrang.

„Wenn wir absteigen, dann kommt es so, weil wir es verdient haben“, gesteht Genoa-Präsident Preziosi. Er zeigte in der laufenden Saison wenig Geduld mit seinen Trainern.

Malesani zum zweiten Mal entlassen

Alberto Malesani übernahm zu Saisonbeginn, wurde zwei Tage vor Weihnachten von Pasquale Marino abgelöst, um nur etwas mehr als drei Monate später wieder auf die Bank zurückzukehren.

Nach dem 1:4 am Sonntag wurde er erneut entlassen. Nun darf Luigi De Canio den Feuerwehrmann spielen.

Klub-Boss hofft aus Stadionsperre

Doch nach den Ausschreitungen verkommt der Trainerwechsel lediglich zur Randnotiz. „Es ist eine Riesenschande, dass 60 bis 100 Leute ungestraft so agieren können. Diese Leute müssen lernen, Niederlagen zu akzeptieren“, echauffiert sich der Klub-Boss.

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