Der AC Milan trennt sich von seiner "Rentner-Gang"

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Das Wort Vereinstreue wird im internationalen Spitzen-Fußball nicht mehr allzu groß geschrieben.

Ein Wechsel hier, eine Ablöse dort, dazu jede Menge Handgeld und fragwürdige Deals, um monetär den größtmöglichen Nutzen zu ziehen.

Nur wenige Klubs setzen über viele Jahre auf dasselbe Grundgerüst, um das herum sie eine schlagkräftige Mannschaft konstruieren.

Bastion Milan droht zu fallen

Ein seltener Verfechter der Treue-These war der AC Milan. Jahr für Jahr erstaunten die „Rossoneri“ Fans wie Kritiker, indem sie trotz zahlreicher Routiniers und einem damit verbundenen überalterten Kader national stets ein gewichtiges Wörtchen um den Titel mitzureden hatten.

Leistungsträger jenseits der 30 oder gar 35 Jahre waren keine Seltenheit – vielmehr schien es in der Lombardei zum guten Ton zu gehören, den Zenit seines Schaffensvermögens längst überschritten zu haben.

In diesen Tagen droht die Bastion Milan zu fallen. Zahlreiche verdiente Veteranen, von Italiens Medien „Senatoren“ getauft, kehren dem entthronten italienischen Meister mit Saisonende den Rücken.

Schulden zwingen zur Vernunft

Das hat allerdings weniger damit zu tun, dass der Klub nichts mehr von Vereinstreue wissen will als vielmehr damit, dem Kader eine längst überfällige Verjüngungskur zu verpassen.

Gleichzeitig sind die Verantwortlichen um Präsident Silvio Berlusconi bemüht, den Gehaltsrahmen nicht länger zu sprengen und die Klub-Verbindlichkeiten Stück für Stück zu verringern. Schlicht formuliert: Beim AC regiert die Vernunft!

Angesichts des Schuldenbergs, den Milan in den letzten Jahrzehnten anhäufte, ein unumgänglicher Schritt. Mit 238,5 Millionen Euro soll der Traditionsklub laut „La Repubblica“ in der Kreide stehen. Ein schwacher Trost: Die Erzrivalen Inter (335 Millionen) und Juventus (242 Millionen) stehen wirtschaftlich noch schlechter da.

Kader-Reduktion ist unumgänglich

Um die Finanzabteilung zu beruhigen und das Bankkonto zu entlasten, berief Berlusconi ein Abendessen mit Trainer Massimiliano Allegri und Vize-Präsident Adriano Galliani ein. Dabei wurden  die kurz- und mittelfristigen Rahmenbedingungen abgesteckt und ein Schlachtplan geschmiedet.

Berlusconi und Inzaghi nach dem CL-Sieg '07

Conclusio dieses Symposiums der Milan-Granden: Eine Kaderreduzierung kann nicht länger aufgeschoben werden und rangiert auf der To-Do-List ganz oben. Aktuell stehen 33 Mannen auf der Gehaltsliste, nach Möglichkeit soll diese auf 25 abgespeckt werden.

Als weitere Einsparungs-Maßnahme wird erwägt, vorhandene Spielerverträge neu auszuhandeln, um die exorbitanten Aufwändungen weiter zu drosseln. Insgesamt will Berlusconi dadurch die Kosten per anno um rund 30 Millionen Euro senken.

Ein Sextett macht den Abflug

Allegri muss sich infolgedessen damit abfinden, dass wichtige Protagonisten der Mannschaft ihr Brot anderweitig verdienen. Alessandro Nesta (36) machte den Anfang und verkündete als Erster der alten Garde seinen Rückzug.

Der Verteidiger schlug ein – finanziell deutlich weniger lukratives – Angebot Milans aus und heuert voraussichtlich in der Major League Soccer (USA) an. Seinem Beispiel folgten Filippo Inzaghi (38) und Gennaro Gattuso (34), die ebenfalls ihren Abschied verkündeten.

Diesem Trio schloss sich Mark van Bommel (35) an, der unter Tränen seinen Wechsel zur PSV Eindhoven bekanntgab. Damit nicht genug, sollen die Abgänge Clarence Seedorfs (36) und Gianluca Zambrottas (35) ebenfalls beschlossene Sache sein.

Charakterköpfe schwer zu ersetzen

Nun mag die Trennung vom angesprochenen Sextett mit einem Durchschnittsalter von 35,7 Jahren aus sportlicher Sicht durchaus vertretbar sein – mit Ausnahme von van Bommel knackte kein Akteur in dieser Spielzeit die 20-Einsätze-Marke in der Serie A -, nicht wenige Fans sind trotzdem in Sorge und stellen sich die Frage: Sind sie als Charakterköpfe zu ersetzen?

Die genannten Alt-Stars zählten quasi zum Inventar des Klubs und drückten diesem wie dem gesamten Weltfußball über viele Jahre ihren Stempel auf. Ihr Wort hatte in der Mannschaft Gewicht, ihre Aura war spürbar.

Milans Team-Hierarchie wird einen Wandel durchleben, die Mannschaft mit einigen Neuzugängen – Bakaye Traore (von Nancy) und Riccardo Montolivo (von der Fiorentina) stehen bereits fest – aufwarten, die ein schweres Erbe anzutreten haben.

Allegri und die Jugend im Fokus

Allegri rückt dabei besonders in den Fokus. Nach der verpatzten Titelverteidigung hat er seinen Kredit aufgebraucht, trotz der Kader-Generalsanierung werden Erfolge gefordert. Ein schmaler Grat, der für den 44-Jährigen zur Bewährungsprobe wird.

Name (Alter) im Klub seit Spiele (Tore) Erfolge mit Milan
Gennaro Gattuso (34) 1999 392 (10) 2x UCL, 2x Meister, 1x Pokal, 1x Klub-WM
Filippo Inzaghi (38) 2001 279 (114) 2x UCL, 2x Meister, 1x Pokal, 1x Klub-WM
Alesandro Nesta (36) 2002 309 (8) 2x UCL, 2x Meister, 1x Pokal, 1x Klub-WM
Clarence Seedorf (36) 2002 410 (59) 2x UCL, 2x Meister, 1x Pokal, 1x Klub-WM
Mark van Bommel (35) 2011 50 (-) 1x Meister
Gianluca Zambrotta (35) 2008 106 (3) 1x Meister

Klub-Legende Paolo Maldini fordert, wieder mehr Wert auf die Jugendarbeit zu legen. Diese Abteilung lag in den letzten Jahren brach, kaum eine Nachwuchshoffnung vermochte sich in der Profi-Auswahl zu etablieren.

„Das ist für einen Prestigeklub wie den AC Mailand unwürdig“, fand der langjährige Kapitän drastische Worte. Geldnöte und der damit verbundene Umbruch könnten dazu führen, der Jugend  wieder vermehrt Chancen einzuräumen und ein neues Grundgerüst auf die Beine zu stellen.

Dieser Weg nimmt zwar jede Menge Zeit in Anspruch und schließt etwaige Rückschläge mit ein, könnte sich dafür jedoch langfristig als finanziell und sportlich vorteilhaft erweisen und. Die letzte Generation hat es schließlich eindrucksvoll bewiesen.

 

Christoph Nister

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