"Wir mussten etwas Radikales machen"

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Liverpool ist die Mannschaft der Stunde in der Premier League. Kein anderes Team war in diesem Winter erfolgreicher, die letzte Niederlage der Reds datiert vom 14. Dezember letzten Jahres.

Brendan Rodgers, der zwischenzeitlich schon kurz vor der Ablöse stand, wird inzwischen als taktisches Genie gefeiert. Auf das 3-4-2-1 des 42-Jährigen findet in der Premier League derzeit kein Team eine Antwort.

Rasanter Abstieg

In schlechten Zeiten kann man immer noch Steven Gerrard hochleben lassen

Fans anderer Mannschaften behaupten gerne, dass die Saison für die Anhänger des Liverpool FC nur bis Weihnachten dauert, weil man bis dahin die hoch gesteckten Ziele meist wieder ad acta legen muss.

Auch in dieser Saison sah es lange so aus, als würden diese Kritiker Recht behalten. Nach nur zwölf Runden lag man bereits 14 Punkte hinter Tabellenführer Chelsea und dümpelte auf Platz zwölf herum.

Die 1:3-Niederlage, nach eigener Führung, beim Tabellen-Siebzehnten Crystal Palace goss zusätzlich Öl ins Feuer. Trainer Brendan Rodgers, unter dessen Führung man in der letzten Saison noch um den Titel mitgekämpft hatte, schien schwer angezählt, in den Medien wurde bereits über seine Entlassung diskutiert.

Lange Umsetzungsphase

Jordan Henderson erinnert immer mehr an an jungen Steven Gerrard

„Ich habe viel früher gewusst, dass ich taktisch umstellen muss, als ich es tatsächlich gemacht habe“, gesteht Rodgers. Aber die Dreifach-Belastung und fehlende Spieler durch Nationalmannschafts-Abstellungen und Verletzungen sorgten dafür, dass er sein neues System nur langsam einstudieren lassen konnte.

„Es ging um das richtige Timing, das hat für das Spiel gegen Manchester United gepasst. An dem Punkt war ich überzeugt davon, dass wir die richtigen Spieler zur Verfügung hatten, damit dieses System funktionieren kann“, so der Brite.

Was nach dem Manchester-Spiel folgte, kann man getrost als Wiederauferstehung bezeichnen. Keines der letzten zwölf Ligaspiele ging verloren, Liverpool ist damit die einzige ungeschlagene Mannschaft in diesem Zeitraum.

Mit neun Siegen und drei Unentschieden kletterte man bis auf Platz fünf und liegt aktuell nur noch zwei Punkte hinter einem Champions-League-Qualifikationsplatz. Die Siege gegen die direkten Konkurrenten Tottenham, Southampton und Manchester City im letzten Monat beflügeln die Reds zusätzlich.

„Ich kämpfe um mein Leben“

„Nach dem Palace-Spiel war mir klar, dass es gar nicht darum geht, wie viel Rückhalt ich noch spüre – das Team hat nicht funktioniert, so konnte es nicht weitergehen. Aber bin keiner, der sich zur Seite rollt und auf den Tod wartet. Ich kämpfe um mein Leben. Ich liebe es hier und will hier erfolgreich sein“, erklärt Rodgers dem „Guardian.“

In der Liga gelangen Rodgers nach einigen personellen Umstellungen zwei Siege, die ihn vorerst am Trainerstuhl hielten, aus der Champions League verabschiedete man sich hingegen nach einer schwachen Gruppenphase mit einem glanzlosen 1:1 gegen den FC Basel.

„Das war die schwierigste Phase meiner Trainerlaufbahn. Uns hat die Identität gefehlt, das konnte jeder sehen. Das war nicht das Team, das wir über Jahre aufgebaut hatten. Wir mussten etwas Radikales machen“, so der 42-Jährige.

Beim darauf folgenden Auswärtsspiel beim Erzrivalen Manchester United riskierte es der Liverpool-Trainer, mit einem ungewohnten 3-4-2-1 anzutreten.

Liverpool spielte gefällig, am Ende gewann United aber klar mit 3:0. Die taktische Umstellung sollte sich in den nächsten Wochen aber bezahlt machen.

Rodgers 3-4-2-1

Aufstellung beim 2:1-Sieg über Manchester-City
Abbildung: Aufstellung des Liverpool FC beim 2:1-Sieg über Manchester City am 1. März 2015

Nachwuchs-Star Raheem Sterling wanderte vom Flügel ins Sturmzentrum, hinter ihm wirbeln der stark aufspielende Brasilianer Coutinho und der englische Nationalspieler Adam Lallana, der schon von vielen als Fehleinkauf abgestempelt wurde. 

Im Mittelfeld gibt Ersatz-Kapitän Jordan Henderson den Ton an, ihm zur Seite stehen wahlweise Liverpool-Legende Steven Gerrard, Joe Allen oder Lucas Leiva.

Auf den Außenpositionen beweisen mit Alberto Moreno, Lazar Markovic und Jordan Ibe drei U21-Kicker ihr Talent, in der Innenverteidigung überzeugt der gelernte Mittelfeldspieler Emre Can neben Martin Skrtel und Dejan Lovren.

Der FC Liverpool schafft es im neuen System deutlich besser den Gegner vom eigenen Tor fern zu halten, sieben der zwölf Partien spielte man zu Null, kein Gegner schaffte es mehr als zwei Tore zu erzielen.

Chancenverwertung als Manko

Daniel Sturridge steht endlich wieder zur Verfügung

In der Offensive reichen die Leistungen noch nicht an die glorreiche Vorsaison mit dem Traum-Duo, bestehend aus Luis Suarez und Daniel Sturridge heran, nur fünf der Spiele konnten mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen werden.

Mit dem wiedergenesenen Sturridge, der letzte Saison 22 Premier-League-Tore erzielen konnte, steht nun aber eine weitere torgefährliche Option zur Verfügung.

Im letzten Spiel gegen Burnley spielte er zum zweiten Mal seit seiner Oberschenkelverletzung wieder von Beginn an und sorgte mit seinem 2:0 für die vorzeitige Entscheidung.

Sorgenfalten bei der Konkurrenz

Der ehemalige Manchester-United-Star Gary Neville schreibt in seiner „Telegraph“-Kolumne: „Das größte Kompliment, das ich Liverpool machen kann, ist, dass ich Anfield als besorgter Mann verlassen habe. Ich hatte eigentlich keine Zweifel, dass es ManUtd in die Champions League schafft, aber dann habe ich gesehen, wie Manchester City in Anfield regelrecht zerstört wurde.“

Der nächste Gegner der Reds ist Swansea City, danach folgen das vorentscheidende Heimspiel gegen Manchester United und ein Auswärtsspiel beim Tabellen-Dritten Arsenal.

In den letzten sieben Saisonspielen geht es für Liverpool, neben Partien gegen Tabellenführer Chelsea und Arnautovic-Verein Stoke City, nur noch gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte.

Bei der derzeitigen Form und ohne Europa-League-Belastung - man scheiterte mit einer halben B-Elf im Elfmeterschießen an Besiktas Istanbul - haben die Reds tatsächlich gute Chancen, am Ende erneut in der Champions League zu landen.

 

Alexander Neuper

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