Barton, der Bösewicht

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Ein Leben voller letzter Chancen

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„Meine Reputation wird mir bis zum Tag meines Todes vorauseilen. Und für einige Leute kann dieser gar nicht früh genug kommen.“

Joey Barton weiß, dass er einer der meistgehassten Fußballer Englands ist. Dutzende Fehltritte hat er sich auf und abseits des Rasens geleistet.

Dutzende Male fasste er saftige Strafen aus, musste sogar ins Gefängnis. Doch er bekam noch eine Chance. Und noch eine. Und noch eine.

„Ich hatte mehr Chancen, als sie irgendjemand verdient“, sagte der heute 28-Jährige einmal. Doch zwischen den einsichtige Worten und wahnwitzigen Taten des Engländers klafft seit jeher eine tiefe Kluft.

Ein ums andere Mal machen dem talentierten Kicker sein hitziges Temperament und seine große Klappe einen Strich durch die Rechnung, verkommen jüngste Beteuerungen, er wolle sich bessern, zur Farce.

Erziehung von Oma und der Straße

Klingt wie ein schwieriger Charakter, ist er auch. Der Grundstein dafür dürfte in Bartons Kindheit liegen. Diese verbrachte der Kicker in Huyton, einem an Liverpool angrenzenden Viertel.

Kein einfaches Pflaster, wie der „Bad Boy“ zu verstehen gibt: „Wo ich herkomme, musst du in der Schule hart arbeiten oder es durch den Sport rausschaffen. Die andere Option ist Herumlungern, Kriminalität, Drogen und Gefängnis.“

Barton hatte das Glück, nach der Scheidung seiner Eltern – er ist der älteste von vier Brüdern und war damals 14 Jahre alt – bei seinem Vater und dessen Mutter zu landen. „Wäre das nicht passiert, hätte ich ein Leben auf der Straße geführt“, behauptet er.

Es sei seine Großmutter gewesen, die erpicht darauf war, die Zukunft ihres Enkels in die rechten Bahnen zu lenken. Wenn die Sonne unterging, musste der kleine Joey daheim sein. „Wenn ich das nicht getan habe, hat sie mich nach Hause geschleppt.“

Dennoch genoss der Sohn eines Dachdeckers einen nicht zu unterschätzenden Teil seiner Erziehung auf der Straße. „Wenn du dich in Huyton herumschubsen lässt, ist es aus mit dir. Du musst hart sein und die Entschlossenheit haben, für alles zu kämpfen.“

Everton bricht ihm das Herz

Barton war nicht nur hart, sondern auch begabt. In der Schule zählte er stets zu den besseren. Im Sport ebenfalls. Vor allem Rugby und Fußball hatten es dem Jugendlichen angetan.

Sein fußballerisches Talent wollte vorerst aber nicht so recht die ihm gebührende Anerkennung finden. Nottingham Forrest lehnte ihn nach einem Probetraining ab. „Sie meinten, ich sei zu klein und nicht gut genug“, erinnert sich der Engländer.

Kuriose Umstände verhinderten das. Der Youngster hatte sein Trikot nach dem Pausenpfiff auf der Bank vergessen und konnte es anschließend nicht mehr finden. Ersatz-Shirt hatten die Betreuer keines mitgenommen. Also musste das Talent fünf Monate warten, ehe es erneut eine Chance bekam.

In der Saison 2003/04 stand der „Citizen“ bereits 24 Mal in der Startelf und durfte sich zudem U21-Internationaler nennen.

Die ersten Aussetzer

Kaum im Profi-Fußball angekommen, leistete sich Barton im Februar 2004 seinen ersten Aussetzer.

Sein Klub lag im FA-Cup nach 45 Minuten mit 0:3 zurück, nach dem Pausenpfiff beflegelte der Kicker den Schiedsrichter so heftig, dass sich dieser gezwungen sah, ihm Rot zu zeigen. In Unterzahl siegten seine Kollegen mit 4:3.

Es sollte nur ein Vorgeschmack dafür sein, was folgen würde. Im April stürmte der Profi noch vor dem Anpfiff aus dem City of Manchester Stadium, weil er für das Spiel gegen Southampton nicht im Kader stand. Während eines Testspiels gegen Doncaster im Sommer 2004 verursachte er eine Massenschlägerei auf dem Feld.

Schließlich kam er im Nachwuchs von Everton unter. Aber nur vorübergehend. Als Barton 14 Jahre alt war, gingen nicht nur seine Eltern getrennte Wege, sondern auch die „Toffees“ und er. „Das hat mir das Herz gebrochen. Das war der Klub, den ich bis dahin mein Leben lang unterstützt hatte“, gesteht der Mittelfeldspieler, der auch im Besitz eines Saison-Abos war.

Das Fast-Debüt

Doch der Teenager münzte auf seine Fußballkarriere um, was er auf der Straße gelernt hatte: Niemals aufgeben, immer weiterkämpfen. Seine Mühen machten sich bald bezahlt, er wechselte zu Manchester City.

Im November 2002 war es dann soweit: City-Coach Kevin Keegan gab dem damals 20-Jährigen in der Pause des Auswärtsspiels gegen Middlesbrough zu verstehen, dass er sein Debüt in der Premier League geben würde.

Die Attacke an Dabo war das Ende

Diesmal gab ihm Manchester City keine letzte Chance mehr. Die Trennung wurde vollzogen.

Doch Bartons Karriere war keineswegs vorbei. Er bekam seine letzte Chance woanders. In Newcastle.

Nur vier Tage nach seinem ersten Einsatz in einem Testspiel brach er sich einen Mittelfußknochen und musste einige Monate aussetzen. Bei seinem Comeback, dem ersten Liga-Spiel im schwarz-weißen Trikot, war der Neuzugang zum Leidwesen der „Magpies“ wieder ganz der Alte. Eine üble Attacke an Sunderlands Dickson Etuhu führte zwar zu medialen Forderungen nach einer Sperre, blieb aber ohne Konsequenzen.

Hinter Gitter

Schwerwiegende Konsequenzen zog jedoch die Nacht von 26. auf 27. Dezember 2007 nach sich. Der Kicker war mit seiner Cousine Nadine Wilson, seinem Bruder Andrew Barton und einigen Freunden in Liverpool unterwegs. Es war der Abend des „Boxing Day“, Grund genug, um zu feiern.

Zehn Pints und fünf Flaschen Bier hatte Barton intus, als er in einer McDonald’s-Filiale mit einer Gruppe Jugendlicher zu streiten begann. Das erhitzte Gemüt des Fußballers wurde wenigen Minuten später einem Unbeteiligten, mit dem der Newcastle-Profi auf der Straße aneinandergeriet, zum Verhängnis. Barton prügelte ihn zu Boden, ehe auch Nadine und Andrew eingriffen.

Der Kicker war völlig in Rage. Auch einige Minuten später noch. Das bekam letztlich ein 16-Jähriger zu spüren, dem er einige Zähne ausschlug. Anschließend wurde er festgenommen und zu sechs Monaten Haft verurteilt. 74 Tage verbrachte der „Magpies“-Star tatsächlich hinter Gitter, danach war er wieder ein freier Mann.

Dem Alkohol abgeschworen

Und er gab sich geläutert. Erneut. „Ich muss so nahe an der Selbstzerstörung dran gewesen sein, wie man nur kann. Ich will nicht, dass ich irgendjemandem leid tue. Ich bin nicht zu verteidigen.“ Peter Kay, der in der „Sporting Chance Clinic“ für Barton verantwortlich war, erklärte: „Joey hat erkannt, dass er alkoholabhängig ist und der einzige Weg totale Abstinenz ist.“

Während die Verantwortlichen Aktionen dieser Art noch als jugendlichen Leichtsinn abtaten, kam es unmittelbar vor Weihnachten 2004 zur ersten großen Eskalation. Dass die besinnlichste Zeit des Jahres von Kickern auf der Insel gerne für exzessive Feierlichkeiten genutzt wird, ist ein offenes Geheimnis und von der ansässigen Boulevard-Presse vielfach dokumentiert.

Die City-Kicker hatten sich in der „Lucid Bar“ eingefunden, um Weihnachten zu feiern. Der Alkohol floss in Strömen, die Stimmung wurde immer ausgelassener. Bis sich der 20-jährige Jamie Tandy dazu hinreißen ließ, zu versuchen, Bartons Shirt anzuzünden. Dieser fand das weniger lustig und drückte kurzerhand seine Zigarre am Auge des Reserve-Spielers aus. Tandy hatte Glück, er kam mit leichten Verbrennungen davon.

Der Halbbruder ein Mörder

Der Übeltäter entging nur knapp einer Entlassung, musste aber 70.000 Euro Strafe zahlen. Er sollte eine letzte Chance bekommen, war zu hören. „Wenn ich etwas Ähnliches noch einmal tue, wäre ich der größte Idiot aller Zeiten“, zeigte er nach dem Vorfall Reue.

Im Mai 2005 fuhr Barton in Liverpool einen Fußgänger mit dem Auto an und brach ihm das Bein. Die genauen Umstände des Unfalls wurden nie geklärt.

Kurz darauf wurde bekannt, dass sein Halbbruder Michael Barton gemeinsam mit seinem Cousin Paul Taylor einen schrecklichen Mord an Anthony Walker begangen hatte.

Die beiden traktierten den afro-englischen Schüler mit einem Eispickel, bis dieser seinen Verletzungen erlag. In dieser schweren Stunde verhielt sich Barton vorbildlich, forderte seinen Halbbruder, zu dem er praktisch keinen Kontakt hatte, öffentlich auf, sich der Polizei zu stellen.

Die Legislative sprach von einem „rassistisch motivierten Mord“ und Haftstrafen in der Höhe von mindestens 17 bzw. 23 Jahren aus. Erstmals in seiner Fußballer-Karriere wurde Barton so etwas wie Mitleid zuteil, niemand wollte ihn auch nur annähernd mit Walkers Tod in Verbindung bringen.

Aufenthalt in einer Klinik

Ganz anders das Vorbereitungsturnier in Thailand im Sommer 2005. In der Hotellobby provozierte ein 15-Jähriger Everton-Fan den Spieler. Barton rastete aus, schlug dem Jungen mehrmals ins Gesicht und geriet anschließend auch noch mit seinem Team-Kollegen Richard Dunne aneinander, als ihn dieser von Schlimmerem abhalten wollte.

140.000 Euro Geldstrafe und ein siebentägiger Aufenthalt in der „Sporting Chance Clinic“, die ihm besseres Benehmen beibringen sollte, waren die Folge. „Das war dumm“, gestand der Engländer auf den Zwischenfall mit dem Everton-Fan angesprochen. Er wolle seine letzte Chance diesmal tatsächlich wahrnehmen.

Abermals klang es, als würde er es ernst meinen. Abermals wurden jene, die an das Gute in Barton glaubten, bitter enttäuscht. Die Besserung war nur von kurzer Dauer. Im September 2006 zeigte der Kicker den Everton-Fans bei einem Auswärtsspiel den nackten Hintern. „Ein Scherz“, meinte der Spieler. „2.200 Euro Geldstrafe“, gab sich der Verband humorlos.

Im Februar 2007 folgte der vermeintliche Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn. Der Kicker mit dem Kämpferherz wurde erstmals ins Nationalteam einberufen. Freundlich empfangen wurde er von seinen Kollegen aber nicht. Aus gutem Grund.

Harte Kritik an den Superstars

Als nach der erfolglosen WM 2006 Steven Gerrard und Frank Lampard Biographien veröffentlichten, platzte Barton der Kragen. „England hat bei der WM nichts zusammengebracht. Warum also bringen sie Bücher heraus? ‚Wir haben im Viertelfinale verloren, ich habe scheiße gespielt, hier ist mein Buch.‘ Wer will das lesen? Ich nicht“, lästerte er.

Überhaupt konnte er mit dem Verhalten so manchen Superstars offenbar wenig anfangen. „Wenn ich mir die Top-Spieler ansehe, stelle ich fest, dass sie den Zugang zur Realität verloren haben. Ich würde sagen, dass 90 Prozent von ihnen ihren Hintergrund in der Arbeiterklasse haben, aber wenn sie 100 Mal in der Premier League gespielt, ihr Auto und ihr Haus haben, denken sie, sie würden zur gehobenen Klasse gehören.“

„Sie umgeben sich mit Mitläufern, die ihnen jede Minute des Tages erzählen, wie wundervoll und lustig sie sind. Sie verlieren den Durchblick“, echauffierte sich das „enfant terrible“. Diplomatie war Barton stets fremd, wenn er das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen, tat er das auch. Die Konsequenzen waren ihm zu diesem Zeitpunkt immer egal, erst später, als er dazu gezwungen war, setzte er sich mit ihnen auseinander.

Dafür liebte ihn ein Teil der englischen Fans. Das Gros hatte dafür aber im besten Fall Unverständnis, im schlimmsten Hass übrig. Das wusste Barton immer: „Ich sehe mich nicht als großes Vorbild, weil ich einige dumme Dinge getan habe, manchmal außer Kontrolle war.“

Das Ende bei ManCity

Wie etwa auch im Mai 2007, als er während eines Trainings seinen Kollegen Ousame Dabo übel verprügelte. Die Gesichtsverletzungen seines Opfers waren so schwer, dass sich die Exekutive gezwungen sah, Barton vorübergehend festzunehmen. Vier Monate auf Bewährung, 200 Stunden gemeinnützige Arbeit und 3.500 Euro Schmerzensgeld-Zahlung lautete das Urteil. Zusätzlich wurde er für sechs Spiele gesperrt.

Als er schließlich trocken war, die Sucht überwunden hatte, sprach Barton über seine damaligen Probleme: „Einige Menschen können mit Alkohol umgehen. Ich nicht. Ich habe kein Verantwortungsgefühl, wenn ich trinke. Wenn ich nicht trinke, gehe ich auch nicht an Orte, an denen ich Ärger finde.“

Und siehe da, der Plan ging auf. Abseits des Rasens wurde es still um den einstigen Lebemann. Er selbst beschrieb sein nunmehriges Leben einmal als „mönchsgleich“. Barton trainiert, spielt Golf und geht gelegentlich auf die Rennbahn, um „Crying Lighning“, jenes Pferd, das er gemeinsam mit Claudio Pizarro besitzt, zu sehen.

Die letzte Chance bei Newcastle

Auch auf dem Feld lief es wieder besser. Der Engländer kämpfte wie ein Löwe, eroberte Ball um Ball und spielte kluge Pässe. Den Abstieg des Kult-Klubs konnte er aber nicht mehr verhindern. In der Championship hielt der Mittelfeldspieler den „Magpies“ die Treue, verpasste aufgrund einer Verletzung jedoch die halbe Saison.

Zurück in der Premier League fiel Barton in der abgelaufenen Saison nur ein einziges Mal ungut auf. Ein Schlag auf die Brust von Morten Gamst Pedersen bei der 1:2-Niederlage gegen Blackburn brachte ihm auch prompt drei Spiele Sperre ein. Seit Ewigkeiten überwogen am Ende der Saison aber wieder die Erinnerungen an gute Leistungen.

Nichtsdestoweniger musste sich der 28-Jährige fast einen neuen Klub suchen. Via „Twitter“ kritisierte er Ende Juli die Klub-Führung, die daraufhin bekannt gab, dass er Newcastle kostenlos verlassen könne.

Doch nach einer Woche läuft alles darauf hinaus, dass der Engländer doch in Newcastle bleiben darf, am Montag nahm er erstmals wieder am Training der Profis teil.

Wenngleich ihm seine Reputation vorauseilt. Joey Barton kriegt auch diesmal noch eine Chance. Das war schon immer so.


Harald Prantl

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