Meisterschaft oder Champions League?

Aufmacherbild
 

Am kommenden Samstag um 13:45 Uhr fällt eine wichtige Entscheidung: Pinzen, Osterschinken und Eier in ein Körbchen packen und zur “Fleischweih“ gehen, oder doch lieber zuhause bleiben und sich das vorentscheidende Premier-League-Topspiel zwischen Arsenal und Liverpool ansehen.

Ausgehend von den letzten Aufeinandertreffen beider Teams würde die LAOLA1-Redaktion Zweiteres empfehlen.  Das Hinspiel Ende Dezember dominierten die Liverpooler mit 64 Prozent Ballbesitz und 27:7 Torschüssen und dennoch sah es bis Minute 97(!) so aus, als ob die Gäste aus London als Sieger vom Platz gehen könnten, ehe Martin Skrtel zum umjubelten 2:2-Ausgleich einköpfte.

20 Minuten für die Ewigkeit

Das Spiel, das sich ins Hirn jedes echten Fußballfreundes eingebrannt hat, fand aber im Februar letzten Jahres statt. Die Gunners kamen als Tabellenführer an die Anfield Road und wurden in den vielleicht spektakulärsten ersten 20 Minuten der Fußballgeschichte regelrecht überrannt.

Martin Skrtel sorgte schon in der ersten Minute nach einem Freistoß für die Führung der Reds und legte in Minute zehn nach einer Ecke, per Kopfball ins lange Kreuzeck, den zweiten Treffer nach.

Raheem Sterling erhöhte nur sechs Minuten später nach einem perfekten Querpass, Daniel Sturridge besorgte nach einem Traumpass aus der eigenen Hälfte in Minute 20 das 4:0. Der Spielstand war aus Arsenal-Sicht noch das Beste am gesamten Spiel, denn Liverpool hätte sogar deutlich höher führen können.

Diese ersten 20 Minuten, die so typisch für das giftige Spiel der Reds in der abgelaufenen Saison waren, lassen sich auch heute immer noch auf der klubeigenen TV-Seite aufrufen – nach dem Motto: den Rest willst du doch gar nicht sehen.

Für Liverpool war diese Partie eine Initialzündung, die weitere zehn Siege nach sich zog. Erst die – unglückliche – 0:2 Niederlage gegen Chelsea am drittletzten Spieltag beendete den Lauf und die damit verbundenen Meisterschaftsambitionen.

Arsenals Saison schlug den entgegengesetzten Weg ein. Als Tabellenführer nach Anfield gekommen, holte man aus den nächsten acht Spielen nur neun Punkte und verspielte in dieser Phase jede Chance, um den Titel mitzuspielen.

Wiederholen sich die Ereignisse?

Nicht nur aufgrund dieser Erfahrung, sondern auch aufgrund der Tabellensituation, wartet auch in dieser Saison ein richtungsweisendes Spiel auf beide Teams.

Arsenal liegt derzeit mit sieben Punkten Rückstand auf Platz drei und will auf Tabellenführer Chelsea aufschließen, die fünftplatzierten Liverpooler versuchen sich hingegen wieder an die Champions-League-Qualifikationsplätze heran zu kämpfen.

 


Die besseren Karten dürften dabei die Gastgeber haben, die neun ihrer letzten zehn Premier-League-Spiele gewinnen konnten. Unterbrochen wurde diese beeindruckende Serie ausgerechnet beim Nord-London-Derby gegen Tottenham, wo es für die Gunners eine 1:2-Niederlage setzte.

„Wir nehmen uns, vor das nächste Spiel zu gewinnen“, erklärt Arsenal-Trainer Arsene Wenger. „Und danach wollen wir das Nächste gewinnen.“

„Solange die Meisterschaft rechnerisch möglich ist, müssen wir es versuchen. Wir können aber nur unser Saisonfinish, unsere Leistung und unsere Resultate beeinflussen, darauf wollen wir uns jetzt konzentrieren.“

Giroud lässt die Kritiker verstummen

Mitverantwortlich für den aktuellen Erfolgslauf ist vor allem Olivier Giroud.

Während er mit katastrophalen Fehlschüssen gegen Monaco das Champions-League-Aus der Londoner besiegelte, läuft der Franzose in der Liga zur Höchstform auf.

Acht Tore und drei Vorlagen konnte der vielkritisierte Stürmer in den letzten neun Spielen erzielen.

Zudem lichtet sich das Lazarett der Gunners erheblich, Jack Wilshere könnte nach einer Knöchel-Verletzung sein Comeback feiern und auch Danny Welbeck sollte nach seiner Absage für das Italien-Länderspiel wieder zur Verfügung stehen.

Selbst die Langzeitverletzten Mikel Arteta, Mathieu Debuchy und Abou Diaby spielten in dieser Woche mit der zweiten Mannschaft erstmals ein Testspiel gegen Brentford, ob es schon wieder für einen Kaderplatz reicht, bleibt aber abzuwarten.

Der einzige sichere Ausfall auf Seiten der Londoner ist Alex Oxlade-Chamberlain, der weiterhin mit Oberschenkelproblemen ausfällt.

Dämpfer für Liverpool

Juan Mata schießt Liverpool mit seinen beiden Treffern ab

Ganz anders die Situation der Gäste aus Liverpool. Die 1:2-Niederlage gegen Erzrivalen Manchester United beendete vor der Länderspielpause die Serie der Reds, die bis dahin im Jahr 2015 noch unbesiegt geblieben waren.

„Wir waren gegen ManUtd nie in den richtigen Positionen, um anspielbar zu sein und um richtig pressen zu können. Das müssen wir technisch besser lösen“, analysiert Liverpool-Trainer Brendan Rodgers.

Gegen Arsenal sollen nun dringend notwendige Punkte her: „Wir werden mit einer klaren taktischen Marschroute antreten. Wir müssen etwas aus diesem Spiel mitnehmen.“

Noch schwerwiegender als die Niederlage gegen United, die dafür sorgte, dass man nun fünf Punkte hinter Platz vier zurück liegt, wiegen die Sperren von Steven Gerrard und Martin Skrtel.

Spott für Gerrard

Gerrard flog nur 45 Sekunden nach seiner Einwechslung mit einer Roten Karte vom Platz, nachdem er Ander Herrera getreten hatte. Skrtel wurde nachträglich gesperrt, nachdem sein Tritt gegen Torhüter David de Gea via Videostudium als absichtlich eingestuft worden war. Diese beiden erfahrenen Spieler werden die Reds in den nächsten drei Liga-Spielen schmerzlich vermissen.

Rodgers Mannen haben zudem mit Verletzungsproblemen zu kämpfen, Top-Stürmer Daniel Sturridge musste die Länderspielreise mit Hüftproblemen absagen und ist ebenso fraglich wie der an der Hüfte verletzte Adam Lallana, der vor der Saison für 31 Millionen Euro aus Southampton kam.

Sterling sorgt für Unruhe

Sterling musste das Länderspiel gegen Italien ebenfalls mit einer Zehenverletzung auslassen und sieht sich derzeit medial ziemlich in die Defensive gedrängt.

Liverpool möchte liebend gerne mit dem Jung-Star verlängern, der jedoch lehnte das Angebot von 100.000 Pfund (137.000 Euro) pro Woche (!) ab. In einem "BBC"-Interview rechtfertigte er sich und erklärte, dass er nicht geldgierig sei, sondern Titel gewinnen möchte.

Da er seinen Verein nicht vom Interview in Kenntnis setzte, hagelte es dafür erneut Kritik. Brendan Rodgers weiß aber, wie wichtig Sterling für das Spiel seiner Mannschaft ist, und bremst gegenüber der "BBC": „Er ist noch jung, wir machen alle Fehler. Aber wenn er Titel holen will, ist er hier richtig, das wollen wir alle.“

Für den Moment wollen sich beide Seiten auf das Saisonfinish konzentrieren und lassen die Verhandlungen ruhen. Die Gerüchteküche, die Sterling mit den Bayern, Real und Manchester City in Verbindung bringt, wird das aber nicht zum Verstummen bringen.

Ausblick

Obwohl Liverpool jene Mannschaft ist, die in der Premier-League-Geschichte am zweithäuftigsten bei Arsenal gewinnen konnte (sechs Mal), gelang ihnen das seit der Eröffnung des Emirates-Stadiums im Jahr 2006 nur noch ein einziges Mal.

Zusammen mit dem aktuellen sportlichen Leistungsvermögen und der Kadersituation brauchen die Reds wohl ein kleines Wunder, um in London zu gewinnen.

Da ein Unentschieden beiden Teams nicht weiterhelfen würde, kann man sich aber schon auf einen Gewinner festlegen: Den Zuseher, der eine packende Partie erleben wird. Zumindest falls er nicht gerade bei der "Fleischweih" sitzt.

 

Alexander Neuper

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen