Der deutsche Weg

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Deutschland, Brutstätte für Tormann-Talente.

Vor einigen Jahren war es noch üblich, talentierte Goalies bis Mitte 20 auf der Ersatzbank sitzen zu lassen, ehe sie ihre erste Chance bei den Profis erhalten haben. Doch in Deutschland hat eine Trendumkehr stattgefunden.

Seit einiger Zeit setzen immer mehr Vereine auf blutjunge Torhüter, die sie einfach ins kalte Wasser schmeißen – mal gewollt, mal aus Not. Und nicht wenige der Grünschnäbel schwimmen.

Die jüngsten Goalies der Top-Ligen

In der Saison 2013/14 war der durchschnittliche deutsche Bundesliga-Tormann 26,31 Jahre alt – und damit mindestens zwei Jahre jünger als die Kollegen in den anderen Top-Ligen des Kontinents. In Frankreich (28,38 Jahre), Italien (28,90 Jahre), England (28,92 Jahre) und Spanien (29,30 Jahre) ist mehr Routine gefragt.

„In den deutschen Profi-Ligen spielen so viele junge Torhüter wie sonst nirgends auf der Welt. Klar, dass es mich da nach Deutschland gezogen hat“, sagt Johannes Kreidl. Der Tiroler hat im vergangenen Sommer den Sprung aus der Innsbrucker Akademie zum Hamburger SV gewagt.

Aus österreichischer Sicht längst kein Einzelfall. Immer mehr Keeper suchen schon als Teenager den Weg über die nördliche Grenze. „Das Ausland war von Anfang an mein großes Ziel“, erklärt Raphael Sallinger.

Raphael Sallinger (Kaiserslautern)

Vom Spätstarter zum Shootingstar

Wie auch Kreidl ist der Kärntner 19 Jahre alt. Im Gegensatz zu seinem Landsmann hat er aber in Österreich schon regelmäßig Erwachsenen-Fußball gespielt – beim FC Welzenegg und in Kalsdorf. Dabei war Sallinger lange Zeit Feldspieler: „In der U12 habe ich erstmals im Tor gespielt, ich wollte das aber gar nicht, ich wollte viel lieber Tore schießen. Erst in der U14 bin ich fix zum Tormann geworden.“

Drei Jahre später hatte er im Alter von nur 16 Jahren ein Stammleiberl in der Regionalliga Mitte. „Das ist schon brutal schnell gegangen“, sagt er. Ein Wechsel zu Greuther Fürth platzte 2012 förmlich in letzter Minute: „Sie wollten mich verpflichten. Eine Woche später haben sie den Sportdirektor gewechselt, Alfred Hörtnagl ist gekommen, und danach habe ich nichts mehr von ihnen gehört.“

Nach einem bärenstarken Auftritt im ÖFB-Cup gegen RB Salzburg (1:3 im Oktober 2012) war die halbe österreichische Liga hinter ihm her. „Aber eigentlich hatte ich mich da schon für Kaiserslautern entschieden.“ Im Jänner 2013 übersiedelte er nach Rheinland-Pfalz: „Eine komplett andere Welt. In jedem zweiten Auto hängt ein Lautern-Wimpel.“

„Jeden Abend tot auf der Couch“

Gewissermaßen in seiner Welt geblieben ist Alexander Schlager, ebenfalls 19 Jahre alt. Der Salzburger, der im Mai 2014 sein bisher einziges Spiel für den FC Liefering gemacht hat, ist seit Sommer an RB Leipzig, wo er Stammgoalie der U19 ist, verliehen.

In einer neuen Stadt zu leben, sei zunächst „schon komisch“ gewesen, in der täglichen Arbeit habe er sich aber nicht umstellen müssen: „Es wird versucht, die Linie bei beiden Vereinen durchzuziehen. Vom Fußballerischen und vom Training her gibt es da keine Unterschiede.“

Johannes Kreidl (Hamburger SV)

Kreidl hat es beim HSV anders erlebt: „Die ersten Monate waren eine Riesenumstellung. Auf einmal war ich ganz alleine in der Riesenstadt Hamburg. Ich war in der Vorbereitung sofort bei den Profis dabei. In den ersten zwei, drei Wochen bin ich jeden Tag sehr früh ins Bett gefallen.“ Sallingers Erfahrungen klingen ähnlich: „Am Anfang war es schwierig. Die Intensität ist sehr hoch. Nach zweieinhalb Jahren geht es mittlerweile, ich hänge nicht mehr jeden Abend tot auf der Couch.“

„Der Stürmer soll Angst haben“

Der Kärntner ist schon länger in Deutschland als seine beiden ÖFB-Kollegen. Und ihnen auch schon einen Schritt voraus. Seit dem Frühjahr ist er Stammgoalie der Kaiserslautern-Amateure. Er erzählt: „Ich habe während es Weihnachtsurlaubs einen Anruf bekommen, dass ich eine Woche früher zurückkommen soll, weil der dritte Tormann am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt ist.“

Seither hat Sallinger jedes Training bei den Profis absolviert und seinen Vertrag auch schon bis Sommer 2017 verlängert. Etwas Besonderes, gilt doch die Tormann-Ausbildung der „roten Teufel“ als eine der allerbesten Europas. Gerry Ehrmann, jahrelang Stammgoalie des FCK und mittlerweile Tormanntrainer-Legende, sei Dank.

Sallinger: „Man merkt dieses Standing in ganz Deutschland. Wenn Lautern kommt, weiß der Gegner, dass ein guter Goalie im Tor steht. Uns wird vermittelt, dass der Stürmer Angst haben soll, wenn er in unseren Strafraum kommt.“

„Leihen bei Red Bull positiv“

Kreidl trainiert ebenfalls immer mit der ersten Mannschaft, spielt derzeit aber noch in der U19 des HSV. „In der kommenden Saison sehe ich mich aber als Einser-Tormann bei den Amateuren“, sagt der Blondschopf, dessen Kontrakt noch bis Sommer 2017 gültig ist.

Alexander Schlager (RB Leipzig)

Etwas unklarer ist die Situation Schlagers. Der Salzburger hatte in Leipzig zu Beginn Pech: „Ich habe mir im ersten Testspiel das Syndesmoseband gerissen und musste operiert werden. Es war ein richtig blöder Zeitpunkt, weil ich mir viel vorgenommen hatte.“ Mitte Oktober konnte er wieder mit der Mannschaft trainieren, zwei Wochen später avancierte er zur Nummer eins der Leipziger U19. Im Sommer endet der Leihvertrag.

„Was danach passiert, ist noch nicht entschieden“, so Schlager. Es ist wahrscheinlich, dass er entweder beim FC Liefering oder bei den Leipziger Amateuren den nächsten Schritt machen wird.

Dass in der Welt von Red Bull Leihen an der Tagesordnung stehen, findet er nicht schlecht: „Das ist etwas Positives. Jeder Spieler hat dadurch die Chance, auf dem Level, auf dem er gerade ist, zu spielen. Weil es so viele verschiedene Ebenen gibt, wird man immer ideal gefordert.“

Der Traum vom Profi-Dasein in Deutschland lebt, wenngleich das Trio, das gute Chancen hat, im Sommer bei der U20-WM (Sallinger, Kreidl) oder der U19-EM (Kreidl, Schlager) im Tor zu stehen, noch einen ordentlichen Weg zurückzulegen hat.

„Es kommen viele richtig gute junge Goalie nach“, sagen sie unisono. Und damit meinen sie nicht Deutschland, sondern Österreich.

Harald Prantl

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