Ärger im Revier: Das blanke Chaos bei Schalke 04

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Seit jeher gilt der FC Schalke 04 als heißes Pflaster.

Unruhiges Umfeld, ungeduldiges Publikum, schwieriges Arbeiten.

Bei jeder Trainerverpflichtung - und davon gab es in den letzten Jahren reichlich - heißt es, es werde alles anders.

So auch bei Roberto di Matteo. Der Italiener, seines Zeichens Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea 2012, sollte den Knappen endlich jene Ruhe vermitteln, die ihnen in den letzten Jahren fehlte.

Sein Vorgänger Jens Keller wurde beispielsweise trotz der erfolgreichsten Rückrunde der Vereinsgeschichte nach nur wenigen Spieltagen der Saison 2014/15 entlassen und hatte von Beginn an null Kredit bei Publikum und Medien.

Mit mehr Kredit ausgestattet als Keller

Di Matteos Ausgangssituation verschaffte ihm mehr Spielraum, der Gewinn des Henkelpotts wurde geschätzt und brachte ihm zunächst auch Respekt entgegen, als es sportlich nicht mehr lief.

Inzwischen regiert auf Schalke jedoch das blanke Chaos, an dessen Ende der Rauswurf des Trainers steht. Der Vertrag des 44-Jährige wurde am Dienstag aufgelöst. Ursprünglich wäre er bis 2017 gelaufen.

Der FC Schalke 04 gehört zweifellos zu den ganz großen Enttäuschungen der soeben zu Ende gegangenen Bundesliga-Saison. Mit dem Ziel, die Champions-League-Plätze (nach Möglichkeit direkt) zu erreichen, gestartet, erlebten die Königsblauen im Frühjahr einen beispiellosen Einbruch.

Tönnies ist beim Anhang angezählt

Im Fußball zählt jedoch vor allem das Tagesgeschäft, das gilt insbesondere auch für den Revierklub, der seit Jahren dem Traum von der ersten Meisterschaft seit 1958 hinterher läuft.

Auch Aufsichtratsboss Clemens Tönnies steht im Kreuzfeuer der Kritik. "Der Fisch stinkt vom Kopf", ließen die Anhänger kürzlich verkünden und hoben die Initialen "CT", also jene des Klubchefs, farblich hervor.

Aus Sicht der Anhängerschaft stellt sich der Wurstfabrikant zu sehr in den Mittelpunkt, was ihm seiner Position nach nicht gebührt. "Tönnies raus"-Rufe waren daher an der Tagesordnung.

Keine Freunde gemacht haben sich Heldt und Tönnies auch mit ihrer Panik-Aktion, Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam freizustellen sowie Marco Höger vorübergehend zu suspendieren.

Sündenbock Boateng will keine Schlammschlacht

Der "Prince", ganz bestimmt kein Kind von Traurigkeit, sah sich als Bauernopfer. "Ich habe zwei Jahre öffentlich für alles, wirklich alles, meinen Kopf hingehalten", erklärte er in der "Sport Bild".

Er wolle im Gegensatz zu Tönnies, der sich öffentlich abschätzig über den Offensivspieler äußerte, keine Schlammschlacht. "Das Niveau dieser Leute, die etwas über mich erzählen und Gerüchte streuen, bediene ich nicht."

Die Leistungen des 28-Jährigen waren in den letzten Monaten mehr als dürftig und verdienen eine kritische Betrachtung, das Vorgehen der Verantwortlichen wirkte dennoch polemisch.

Auf der Suche nach einem Sündenbock wurden zwei, drei Spieler an den Pranger gestellt, um das eigene Versagen zu kaschieren. Dabei hatte vor allem Boateng aufgrund diverser Verletzungsprobleme nur selten über 90 Minuten gespielt.

Spieler mit Perspektive, ein Vereine ohne Perspektive?

Generell lautet der Tenor aktuell, die Mannschaft sei schlecht zusammengestellt. Dabei muss man Heldt zugutehalten, dass die Knappen einen Kader mit großer Perspektive haben.

Jungstars wie Leroy Sane (19), Julian Draxler (21), Max Meyer (19) oder auch Leon Goretzka (20) haben das Zeug dazu, den Verein mittelfristig zu neuen Höhen zu führen.

Der Haken an der Geschichte: Ein Toptalent wie Meyer wurde von di Matteo nicht gefördert und hegt Wechselgedanken. Andere Leistungsträger wie Christian Fuchs werden ganz offenkundig nicht mehr gebraucht.

So steht auch in diesem Sommer - wie in so vielen zuvor - ein Umbruch bevor. Ein neuer Trainer könnte schon in Kürze bekanntgegeben werden. Unter diesem soll mal wieder alles besser werden.

Anders gesagt: Unter diesem MUSS alles besser werden. Wenn der nächste Schuss wieder nicht sitzt, trifft es nämlich schon bald nicht mehr nur den Trainer, sondern auch die Herrschaften, die für gewöhnlich über diesen richten. 


Christoph Nister

Mit nur 21 Punkten fiel man auf Position sechs zurück und muss sogar um den direkten Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Ausgerechnet Erzfeind Borussia Dortmund könnte Schalke diesen mit einem Pokal-Sieg über den VfL Wolfsburg vermiesen.

Schlimmer noch, wurden in der Rückrunde auswärts lediglich drei Zähler gewonnen, jedoch kein einziges Spiel. "Wir haben die Schnauze voll", skandierten die Fans mehr als einmal und verweigerten ihrer Mannschaft zwischenzeitlich sogar die Unterstützung.

Heftige Kritik an Heldt: "169 cm Inkompetenz"

Anstatt die aktuelle Mannschaft anzufeuern, wurden die Eurofighter um Ingo Anderbrügge, Mike Büskens oder Marc Wilmots besungen. Letzterer soll nun als Retter herhalten und die guten, alten Zeiten aufleben lassen.

Der belgische Nationaltrainer gilt als Wunschkandidat auf die Nachfolge von di Matteo, seine Verpflichtung könnte sich angesichts seiner Tätigkeit bei den "Roten Teufeln" jedoch als schwierig gestalten.

Der Trainerposten stellt in Gelsenkirchen ohnehin nur eine Baustelle von vielen dar. Kein Stein wird derzeit auf dem anderen gelassen, jeder Verantwortliche in die Pflicht genommen.

Horst Heldt etwa, seit 2010 Vorstandsmitglied bei S04, seit 2011 auch für den sportlichen Bereich verantwortlich, gerät zusehends in den Fokus der Öffentlichkeit.

Di Matteo war im Vorjahr sein erklärter Favorit auf den Trainerposten, jetzt muss er für dessen Versagen gerade stehen. Nicht wenige sehen in ihm den Hauptschuldigen an der aktuellen Misere.

Auf einem Spruchband schrieben Fans "169 cm Inkompetenz" - eine klare Ansage in Richtung Heldt, der einen schweren Stand beim Publikum hat.

"Ich möchte nicht davon sprechen, dass es ein Fehler war. Aber es ist nicht aufgegangen und das ist meine Verantwortung", gesteht Heldt auf einer Pressekonferenz am Dienstag gewisse Schuld ein, bezeichnet di Matteo aber dennoch als "guten Trainer". Mit dem Nachsatz: "Es hat hier nicht funktioniert. Das hatte Gründe. Aber er wird woanders vielleicht mehr Erfolg haben."

Den hatte zunächst auch Heldt bei S04. Festzuhalten bleibt, dass unter seiner Ägide viermal die K.o-Phase der Champions League erreicht wurde, 2011 sogar der Sprung in die Vorschlussrunde gelang - für einen Klub wie Schalke sicher keine Selbstverständlichkeit.

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