Scharner: "Es könnte sich als Fehler herausstellen"

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"Ich sehe mich klipp und klar nicht als normalen Fußball-Profi. Aber das wird in Österreich sowieso jeder bestätigen können."

Paul Scharner lacht herzlich im "Rauten-Restaurant" der Hamburger Imtech-Arena. Es ist nur eine der vielen Wuchteln, die der 32-Jährige beim Interview-Termin mit LAOLA1 schiebt.

Nicht nur die Tasse schwarzer Kaffee lässt den HSV-Legionär lebendig wirken. Zwar ging am Vortag das Heimspiel des Traditionsklubs verloren, doch vergessen wird der Purgstaller dieses 0:1 nicht.

Scharner feierte am Sonntag bei der Niederlage gegen Stuttgart sein Debüt für den 125-jährigen "Dino", der als einziger Klub bislang alle Bundesliga-Saisonen bestritt. Aktuell auch Nummer 50.

Nur der HSV

50 – eine schöne, runde Zahl. Diese Marke wird der Defensivspieler, der sechseinhalb Jahre für Wigan und West Bromwich in England spielte, in der A-Nationalmannschaft nie erreichen.

Nach seinem Disput mit Teamchef Marcel Koller vor der WM-Qualifikations-Generalprobe gegen die Türkei im August, schloss der ÖFB den 40-fachen Internationalen für immer von der Nationalelf aus.

"Man wird sehen, ob es zu bereuen ist oder nicht", schließt das Enfant Terrible des heimischen Fußballs nicht aus, dass seine damalige Kurzschlussreaktion sich noch als Fehler herausstellen könnte.

Im ersten Teil des LAOLA1-Interviews im Norden Deutschlands spricht Paul Scharner über seine Beliebtheit im Ausland, seine Rolle als Querdenker in Österreich und arbeitet die Tage im August auf.

LAOLA1: Du hast nach zweimonatiger Verletzungspause dein HSV-Debüt gegeben – als Stürmer.

Paul Scharner: Ja, das war natürlich ungewöhnlich. Wir wollten es am Schluss mit der Brechstange versuchen, deswegen bin ich vorne reingeschmissen worden. Ich bin aber sehr froh, dass es nach der Verletzung nun endlich geklappt hat und ich meinen Einstand feiern konnte. Ich hatte jetzt wochenlang keinen Wettkampf und das zehrt natürlich an der eigenen Ausgeglichenheit.

Spaß beim Interview-Termin: Für Paul Scharner gibt es wirklich nur den HSV

LAOLA1: Bereust du, was vor zwei Monaten vor dem ÖFB-Spiel gegen die Türkei war?

Scharner: Bereuen ist so eine Frage. Man wird sehen, ob es zu bereuen ist oder nicht. Im Prinzip lag der Fokus nur auf der Qualifikation für die WM 2014. Die habe ich persönlich, durch meine eigene Brille, in Gefahr gesehen. Ob es richtig oder falsch war, das kann ich jetzt nicht sagen.

LAOLA1: Ein klares „Nein“ ist das nicht. Es kann sich für dich also auch noch als Fehler herausstellen?

Scharner: Genau. Ich habe damals auch kommuniziert, dass ich die Konsequenzen tragen muss. Dazu stehe ich auch.

LAOLA1: Wenige Tage vor diesem Länderspiel hast du noch von einer „persönlichen Angelegenheit“ und von „Herzblut reinfließen lassen“ gesprochen. Warum hast du in weiterer Folge so reagiert?

Scharner: Weil eben vielleicht so viel persönlicher Einsatz dabei ist. Durch dieses viele Herzblut reagierst du einfach emotionaler. Dabei steht es dann immer auf Messers Schneide, ob es gut oder schlecht ist, ob notwendig oder nicht. Ich habe das damals alleine entschieden und wir haben es dann gemeinsam (mit Valentin Hobel, Anm.) durchgezogen.

LAOLA1: Bist du selbst abgereist oder wurdest du dazu aufgefordert?

Scharner: Ich bin nicht selbst abgereist. Ich habe Mittwoch in der Früh ein Gespräch mit Marcel Koller gehabt. Da sind wir auf keinen grünen Zweig gekommen. Wir haben das Gespräch dann so beendet, als dass er mit seinen Kollegen zu einer Entscheidung kommen würde. Um 13 Uhr gab es das Essen, wo alle beisammen saßen. Marcel Koller stand auf und sagte, er hätte etwas zu verkünden, Paul Scharner würde abreisen. Ging es nun von mir oder von ihm aus? Da kann man auch die anderen Spieler fragen. Es ist nicht das Wesentliche, nur: Ich bin nicht abgereist, das sollte klargestellt sein.

LAOLA1: Der Umgang mit dir hat dir aber offensichtlich missfallen. Inwiefern?

Scharner: David Alaba ist insofern ein gutes Beispiel. Er hat gegen Kasachstan eine tolle Partie gespielt, es war optimal. Aber er war drei Monate verletzt und spielte gleich. Ich habe damals einen neuen Verein gefunden, komme dann zum Team und dann fängt man bei einem 32-Jährigen an, zu sagen, er hätte zu wenig Spielpraxis auf der Innenverteidiger-Position. Man müsse mich einmal in den nächsten Wochen beim HSV genauer beobachten. Trauen wir nur einem Jungen zu oder auch einem Alten, dass das funktioniert? Was ist der Unterschied? Ich vergleiche das auch gerne so: Du bist Reporter. Sagen wir, du gehst wegen einer Krankheit sechs Wochen in Krankenstand. Bei deiner Rückkehr wird dein Chef auch nicht sagen, du musst zwei Wochen zu den Lehrlingen, weil er sich nicht mehr sicher ist, ob du noch so gut schreiben kannst und erst wieder hineinkommen musst. Das gibt es in keiner Arbeitswelt. Mir ist es in meinem Fall so vorgekommen, dass ich nur gespielt hätte, wenn ich Spielpraxis gehabt hätte. Die Wertschätzung ist da nicht vorhanden.

LAOLA1: Hattest du bei diesem Spielverlauf überhaupt mit einer Einwechslung gerechnet?

Scharner: Überhaupt nicht, bei einem 0:1 kommt normalerweise kein Verteidiger. Aber Thorsten Fink meinte: Wie wär’s, wenn du deinen Einstand mit einem Tor feierst? Eine gute Idee, dachte ich (lacht). Nein, ich habe früher schon bei Wigan Stoßstürmer gespielt, dieses Mal war es aber ungewöhnlich.

LAOLA1: Ungewöhnlich ist auch, dass du mit dem Rad zum Training fährst. Die Hamburger Medien würdigen das, du giltst als „Protzlos-Profi“ in der Hansestadt.

Scharner: Ich fahre drei Kilometer und den Rest mit der S-Bahn, auch weil ich auf der anderen Seite von Hamburg lebe und es mit dem Auto ewig dauern würde. Mein Navi sagt zwar 35 Minuten voraus, aber das schaffst du in hundert Jahren nicht. Das dauert eine Stunde oder länger. So kann ich einfach sicher gehen und zudem relaxen, lesen oder Musikhören.

 

Am Freitag folgt der zweite Teil dieses Interviews über seine ersten Monate beim HSV und wann und wo Paul Scharner "Hey Baby" singt.


LAOLA1: Du warst in England beliebt, bist es augenscheinlich hier. Warum in Österreich nicht?

Scharner: Gute Frage, vielleicht weil der Prophet im eigenen Land nichts zählt (lacht). Vielleicht ist es überzogen, wenn ich Ernst Happel als Vergleich hernehme, weil er hier in Hamburg eine Legende ist: Aber er hat auch in Österreich irrsinnige Probleme gehabt. Scheinbar gibt es verschiedene Persönlichkeiten, die in unserem Land nicht gut ankommen.

LAOLA1: Macht dir das zu schaffen?

Scharner: Am Anfang ja. Natürlich denkst du dir mit Anfang 20: Was ist da los? Man hat ein großes Herz für Österreich, will für das Land spielen und alles zerreißen – und man wird nicht gemocht oder kommt nicht gut an. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, denn immer und immer wieder darüber nachzudenken bringt ja auch nichts.

LAOLA1: Du giltst als Querdenker. Wie bewertest du den Begriff für dich selbst?

Scharner: Ich finde ihn eigentlich positiv. Ein Querdenker ist für mich jemand, der aus Schablonen heraustritt. Meine Entstehungsgeschichte samt Valentin Hobel (Karrierecoach, Anm.) kam aber nicht gut an. Da kamen Meldungen, etwa von Hans Krankl, der mir sagt, verlass‘ den Hobel oder du spielst nie mehr im Nationalteam. Aber darf ich mir meine Vertrauenspersonen nicht selbst aussuchen?

LAOLA1: Wenn wir schon beim Nationalteam sind, sprechen wir über die jüngere Vergangenheit.

Scharner: Hast du „Paul Scharner 2.0“ auf YouTube gesehen? (lacht)

LAOLA1: Wenn du von der Parodie sprichst, ja. Wie hat sie dir gefallen?

Scharner: Sie ist traumhaft! Ich habe ihn sogar angeschrieben, aber es kam keine Rückmeldung seinerseits. Er soll sich melden bei mir, sie ist echt ein Traum.

LAOLA1: Wie bist du eigentlich auf diese Bezeichnung gekommen?

Scharner: So etwas kommt einfach aus mir heraus. Ich finde es auch besser als „Ich 2.0“. (lacht)

LAOLA1: Mit welchen Gefühlen hast du die letzten beiden Länderspiele gegen Kasachstan verfolgt?

Scharner: Ich war schon etwas traurig, speziell beim zweiten Spiel hat es mich hergerissen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es immer noch so tief reingeht. Das muss ich offen und ehrlich sagen. Da habe ich wirklich daran gekiefelt.

Scharner im Gespräch mit Bernhard Kastler

LAOLA1: Nenne mir ein Beispiel für einen dieser Parameter.

Scharner: Professionalität. Es gibt super Ansätze, aber wenn du dich als Österreich qualifizieren willst, muss einfach alles funktionieren.

LAOLA1: Ein konkretes Beispiel.

Scharner: Zwischenmenschliche Kommunikation. So wie es eben bei diesem Kurzlehrgang im August war. Aber ich wünsche Marcel Koller alles Gute, und natürlich auch dem Team. Ich hoffe, dass es etwas gebracht hat, diesen Crash hervorzurufen.

LAOLA1: Du hast gesagt: „Mit Koller fahren wir nie zur WM 2014“. Bleibst du dabei?

Scharner: Das wird man sehen, das war ja eine Provokation, ein Crash. Ob da die volle Wahrheit drinsteckt oder nicht, darum ist es ja nicht gegangen. Es ist einfach um das gegangen, dass wir alle wieder wach werden und unsere Sinne schärfen, um das große Ziel zu schaffen.

LAOLA1: Wie wird es dir gehen, wenn sich Österreich für die WM 2014 qualifiziert?

Scharner: Dann kann ich sagen, es hat etwas gebracht (lacht). Ich wünsche mir von Herzen, dass es die Mannschaft schafft.

LAOLA1: Heimische Medien haben zuletzt im Fall des Verteidigers Patrick Mtigila, der eine Einwechslung verweigerte, vom „Dänischen Scharner“ gesprochen. Ehrt dich das?

Scharner: (lacht) Ich finde es gut, wenn es nicht nur Soldaten gibt. Es kann nicht sein, dass nicht auch Persönlichkeiten am Feld stehen, die nicht hüpfen, wenn der Trainer „Hüpf‘“ schreit.

LAOLA1: Sind Profis auf der Welt allgemein zu weichgespült?

Scharner: Ja. Natürlich auf unterschiedlichen Levels, es gibt ja auch verschiedene Weichspüler (lacht). Aber was ich in meiner Karriere einfach gelernt habe, ist, dass sich die Persönlichkeit durchsetzt. Du brauchst natürlich die Grundvoraussetzung von Talent und Arbeitseinstellung. Das muss alles passen. Aber die Persönlichkeit macht es am Ende aus, zumal es auch noch ein Leben nach dem Fußball gibt.

LAOLA1: An das du schon denkst?

Scharner: Überhaupt nicht. Ich bin gerade in der Gegenwart beim HSV angekommen und möchte hier noch einiges erreichen. Und an alle österreichischen Fans, die mich nicht verstehen können, möchte ich noch richten: Abwarten, denn abgerechnet wird zum Schluss.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

 

Am Freitag folgt der zweite Teil dieses Interviews über seine ersten Monate beim HSV und wann und wo Paul Scharner "Hey Baby" singt.

LAOLA1: Wie stehst du zu Marcel Koller nach diesen Vorfällen und zwei Monaten Abstand?

Scharner: Es ist so: Ich will keine Schmutzwäsche waschen. Überall auf der Welt gibt es unterschiedliche Meinungen, einen Crash und dann geht es weiter. Ich bin 32 Jahre alt und habe genügend Spiele als Innenverteidiger gespielt. Wenn du deinen Arbeitgeber wechseln würdest, willst du auch nicht bei null beginnen. Im Türkei-Länderspiel ist es nicht ums Probieren gegangen, da ging es ums Einspielen. Das war die Generalprobe.

LAOLA1: Du hast damals „News“ ein Interview gegeben, wo du kein gutes Haar an Koller und dem ÖFB gelassen hast. Warum bist du an die Öffentlichkeit gegangen?

Scharner: Die Frage war: Welche Wirkung hat die Geschichte, wenn sie intern bleibt? Bringt es etwas oder nichts? Verläuft sie im Sand, dann bringt das nichts. Das ist ein schmaler Grat: Machen wir es in der Öffentlichkeit oder machen wir es intern? Was bringt mehr? Es war ein herausgeforderter Crash, um zu sagen: Aufwachen! Dass das natürlich nicht gut ankommt, ist auch klar.

LAOLA1: Inwiefern wolltest du wachrütteln?

Scharner: Ich wollte wachrütteln, weil es sich schon wieder abgezeichnet hatte, dass es in eine österreichische Schablone läuft. Also gemütlich. Dass dann etwa gesagt wird, die Qualifikation 2014 kommt doch noch zu früh. Diese Zeit hätte ich aber nicht gehabt. Ich habe immer erklärt, dass für mich 2014 wohl die letzte Chance sein wird, bei einem Großereignis dabei zu sein. Da muss ich alles versuchen, auch wenn unpopuläre Maßnahmen dafür notwendig sind. Man wird in der Endabrechnung sehen, ob dies ein Fehler war, oder nicht.

LAOLA1: Denkst du zwei Monate später, dass es schon etwas gebracht hat?

Scharner: Ich bin natürlich nicht mehr mittendrin dabei, aber ich denke schon, dass schon ein paar Leute wachgerüttelt worden sind.

LAOLA1: Du hast mangelnde Professionalität geäußert. In Zeiten von Kollers Vorgänger wurde diese stets bemängelt, die Kritiker verstummten. Besitzt Koller nicht genügend Professionalität?

Scharner: Ich war ja beim ersten Lehrgang unter Koller, bei dem ich im Juni gegen die Ukraine und Rumänien dabei war, super beeindruckt. Ich war voll des Lobes und guter Dinge. Im Endeffekt war im August nicht mehr das vorhanden, was zuvor entstand. Es ging mir dann darum, alle Parameter in die richtige Richtung zu stellen, um eine erfolgreiche Qualifikation zu spielen und nicht nur um den Umgang oder um zu spielen oder nicht zu spielen.

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