Der Ingolstädter Weg zur Sporthauptstadt

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München, Berlin, Hamburg und Köln nehmen in puncto Sport eine Ausnahmestellung in Deutschland ein.

Selbst im Freistaat Bayern sind neben der Hauptstadt auch Nürnberg und Augsburg durchaus mit Top-Vereinen unterschiedlicher Ausrichtung gesegnet.

Seit neuestem läuft eine 131.740 Einwohner-Stadt, die fünftgrößte des südöstlichsten Landesteils, den etablierten Hochburgen jedoch den Rang ab: Ingolstadt.

Schmückte man sich bisher mit dem Erlass des bayerischen Reinheitsgebots für Bier im Jahr 1516 und der ersten bayerischen Uni (1472), avanciert die Heimatstadt des Audi-Konzerns dank des FC und ERC Ingolstadt zur neuen Sporthauptstadt.

Von Null auf Hundert

Obwohl der Fußball-Zweitligist und der amtierende Eishockey-Meister bezüglich Tradition und Geschichte noch in den Kinderschuhen stecken, können sich die Erfolge wahrlich sehen lassen.

Die Panther laufen seit 1964 über das Eis, konnten aber erst 2002 in die DEL aufsteigen, womit die Profimannschaft in eine GmbH ausgegliedert wurde. Die Kollegen des runden Leders wiederum existieren erst seit 2004 und wurden aus den Fußballabteilungen der Vereine MTV und ESV Ingolstadt entwickelt.

Während die Eishockey-Cracks drauf und dran sind nach dem Pokalsieg 2005 den zweiten Meistertitel in Folge einzufahren (2:1-Zwischenstand in der DEL-Finalserie gegen Adler Mannheim), ziehen die Fußballer mit aussichtsreichen Aufstiegsambitionen in die Bundesliga nach.

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„Der Aufstieg führt nur über uns“, kündigte Erfolgstrainer Ralph Hasenhüttl erst kürzlich an. Bis dahin reagierte trotz positiver Tendenz Understatement und Abwarten.

„Hat gesehen, was in Ingolstadt möglich ist“

Die sportliche Entwicklung der beiden Vorzeigevereine lässt Großes erahnen, wurde in diesem Ausmaß aber nie für möglich gehalten. Der unerwartete Meistertitel der Eishockey-Kollegen habe dem österreichischen Chefbetreuer der Schanzer die Augen geöffnet.

„Es hat uns im Sommer schon gepusht, als wir gesehen haben, was in Ingolstadt möglich ist, wieviele Leute am Rathausplatz waren. Natürlich wollen wir das vielleicht auch einmal erleben. Dass einiges möglich ist, haben wir heuer schon gesehen“, hob der seit 7. Oktober 2013 in Amt und Würden stehende Grazer in „Blickpunkt Sport“ im „BR“ die freundschaftliche Verbindung zwischen den beiden Klubs hervor.

Ohne Audi geht in Ingolstadt nichts

Von ungefähr kommt der explosionsartige Aufstieg in beiden Sportarten allerdings auch nicht. Die finanziellen Gegebenheiten sind mit dem Engagement des in Ingolstadt ansässigen Autobauers Audi verbunden.

Im Namen der vier Ringe hält die „Quattro GmbH“, eine hundertprozentige Tochterfirma, 20 Prozent der Anteile am Fußball-Verein und unterstützt auch die Eissportler als langjähriger Partner und einer der Hauptsponsoren.

Im Zeichen der vier Ringe

Obwohl die Marke Audi als Premiumpartner des FC Bayern München international Anerkennung findet, scheut das Unternehmen nicht zurück, mit dem Engagement in Ingolstadt die regionale Attraktivität zu steigern, wie Elke Bechtold, Leiterin der Audi-Sportkommunikation, in einem Interview zugab.

Zudem ist man Eigentümer des erst vergangenen Sommer eröffneten Trainings-, Nachwuchsleistungszentrums, der Geschäftsstelle sowie der Heimstätte, dem „Audi-Sportpark“. Im dazugehörigen Jugendinternat sind sowohl Kicker- als auch Eishockey-Talente untergebracht, um den „Ingolstädter Weg“ zu forcieren.

Für die Fußball-Zweitligamannschaft sollen pro Jahr rund acht Millionen Euro fließen, das Gesamtbudget soll sich auf rund 20 Millionen belaufen. Aufgrund der geringen Anteile von einem Fünftel an der Fußball GmbH wehrt man sich gegen den Vorwurf, eine „Werkself“ oder ein „Konzernklub“ zu sein und scheut Vergleiche mit Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim oder RB Leipzig.

Zudem verfolgte man keine Philosophie, das Geld in teure Neuzugänge zu investieren, sondern mit Hilfe von Hasenhüttl eine schlagkräftige Truppe zu formen, die eineinhalb Jahre nach dem letzten Tabellenplatz nun als überlegener Führender von der Tabellenspitze lacht.

ERC hatte keiner auf der Rechnung

Ähnlich ist die Entwicklung in der Eishalle „Saturn-Arena“, wo sich der ERC vergangene Saison lediglich als Neunter der Hauptrunde für die Postseason qualifizierte und sich schließlich durch ein 4:3 in der best-of-seven Serie gegen die Kölner Haie die Krone aufsetzte.

"Eigentlich war es ein verkorkstes Jahr. Niemand hat irgendwas auf uns gesetzt", erinnerte sich Flügelstürmer Patrick Hager an den Überraschungserfolg.

Mit dem DEL-Titel 2014 überraschte der ERC

Als Erfolgscoach Niklas Sundblad nach gescheiterten Verhandlungen seinen Abschied bekanntgab und wichtige Spieler den Verein verließen, wurde der amtierende Meister bereits als Eintagsfliege abgestempelt.

Den ERC-Verantwortlichen gelang es aber, erneut eine schlagkräftige Truppe auf die Beine zu stellen und mit Larry Huras einen neuen Head Coach ins Boot zu holen.

Keine Eintagsfliege auf dem Eis

Ein Deal, der sich durchaus bezahlt machte. "Wir spielen viel offensiver, die Mannschaft hat sich verändert, der Trainer, das Umfeld - es ist schön erfrischend“, meinte Kapitän Patrick Köppchen.

„Aktuell bin ich sehr stolz auf das, was die Jungs in dieser Saison geleistet haben – vor allem, wenn ich sehe, wie das Team in den ersten sechs Wochen aufgetreten ist und welchen Fortschritt es in den darauffolgenden Monaten gemacht hat. Von dem her bin ich überzeugt, dass wir uns diese Final-Teilnahme auch verdient haben. Allerdings sind wir damit noch nicht zufrieden. Das Endziel bleibt immer das gleiche: Jetzt wollen wir uns auch die Meisterschaft holen“, zeigte sich Neo-Coach Huras gegenüber der „Neuburger Rundschau“ fokussiert.

In dieser Saison unterstrich man mit Rang drei und dem Einzug ins Endspiel, dass man auf Dauer mit den Besten mithalten kann.

Auf dem Eis haben die Ingolstädter ihre Spuren hinterlassen

Das imponiert selbst dem Fußballkollegen Hasenhüttl: „Die haben ein Wahnsinnsprogramm, eine Wahnsinnsbelastung. Respekt! Ich finde die Leistung, die sie heuer bringen noch bewundernswerter als letztes Jahr. Als Titelverteidiger in die Saison zu gehen und die Leistung so zu bestätigen, ist verdammt schwer.“

Allerdings ist man in Ingolstadt auf den Geschmack gekommen. Köppchen, der keine Konfrontation scheut und sich dadurch den Beinamen „Iron Man“ verdiente, hat sich das Datum des Titelgewinns auf die Wade tätowiert, verriet aber: „Nach oben hin ist alles offen.“ Trotz einer großartigen Saison wäre eine Final-Niederlage gegen den Favorit aus Mannheim eine Enttäuschung.

FC Ingolstadt „hat einen Traum“

Ähnlich wie beim FC, wo neben Hasenhüttl und Stürmer Lukas Hinterseer auch Torhüter Ramazan Özcan die rot-weiß-roten Fahnen hochhält und zum absoluten Leistungsträger zählt.

„Wir haben einen Traum“, ließ sich dieser entlocken. Ein Blick auf die Tabelle unterstreicht, dass die Erfüllung nicht fern ist. Vor den letzten sechs Spieltagen in der 2. Bundesliga beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz sechs Zähler, auf einen Nicht-Aufstiegsplatz sogar sieben.

„Logischerweise würde ich Platz zwei, der zum direkten Aufstieg reichen würde, unterschreiben. Aber es ist immer schwierig, ein ganzes Jahr am Tabellenplatz festzumachen. Wir hätten auch dann eine Riesensaison gespielt. Wir hatten in der Vereinsgeschichte noch nie über 50 Punkte, jetzt sind wir bei 55. Das zeigt schon, was wir in dem Jahr bisher geleistet haben. Aber wenn man so lange oben steht wie wir, wird es immer schwieriger, Platz drei oder vier als Erfolg zu verkaufen“, gab Hasenhüttl ehrlich zu.

Der bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorhandene Druck, nahm neue Züge an. Der Versuch, Unruhe in die noch unerfahrene Mannschaft zu bringen, wurde von außen unternommen. Plötzlich wird der FC Ingolstadt auch von der Konkurrenz ernst genommen. Plötzlich wird die Gefahr gewittert, nach Paderborn oder Hoffenheim einen weiteren kleinen Standort in der Bundesliga begrüßen zu „müssen“.

Auf der Suche nach Respekt und Anerkennung

Eine Diskussion, an der sich die Schanzer nicht beteiligen. Viel mehr zog man sich zurück, intensivierte die Arbeit, um dem großen Coup näher zu kommen. Bisher hatte der Neuling unter den Aufstiegskandidaten die großen Veränderungen wegstecken können.

Die Euphorie wächst und wächst

Dabei ist der geerdete Steirer keiner, der große Töne spuckt, geschweige denn, den Tag vor dem Abend lobt. Mittlerweile ertappt man sich beim FC Ingolstadt jedoch viel zu oft, über die Zukunft nachzudenken, obwohl noch schwierige Aufgaben bevorstehen.

„Wir wissen, dass es eine Sensation wäre“

Sowohl infrastrukturell als auch vom Team her sehen sich die Oberbayern bereit für den großen Schritt. Platz eins über die ganze Saison kann schließlich kein Zufall sein.

„Wir wissen schon, dass es eine Sensation wäre, wenn wir es schaffen sollten. Wir haben verdammt schwere Gegner. Aber wenn, dann ist die Mannschaft bereit für die Bundesliga und hat es sich verdient.“

Vom neu gewonnenen Ansehen, der akribischen Arbeit und der neuen Begeisterung im Umfeld kann der Verein nur profitieren. „Natürlich macht es den Verein interessanter und wir merken schon am Transfermarkt, dass wir etwas zu bieten haben. Das macht die Sache einfacher“, weiß Hasenhüttl.

Lernen kann man noch immer, etwa das Feiern, von den Eishockey-Kollegen, die schon Erfahrung haben. Möglicherweise auch zusammen, wenn die Schanzer den Aufstieg und die Panther den DEL-Titel in trockene Tücher bringen könnten.

Spätestens dann dürfen München, Berlin, Hamburg und Köln eine neue Sporthauptstadt in ihren Reihen begrüßen.


Alexander Karper

„Wir sind noch kein großer und kein Traditionsverein. Wir mussten uns Respekt und Anerkennung erst schwer erarbeiten. Es wird uns einfach nichts geschenkt. Wir mussten gegen viele Unwegbarkeiten ankämpfen, hatten schwierige Phasen, haben dies aber als Ansporn gesehen, noch besser zu werden. Dazu gehört Cleverness und ein klarer Plan, von beidem haben wir eine Menge“, schilderte der FCI-Trainer den Entwicklungsprozess.

Nur eine Niederlage in den ersten 19 Saison-Duellen ebneten den Weg an die Spitze, die Euphorie entstand jedoch langsam, Schritt für Schritt. Erst im letzten Heimspiel gegen 1860 München wurde erstmals das „Ausverkauft“-Schild aus dem Lager geholt, 15.000 Zuschauer belohnten die harte Arbeit des bisherigen Fußball-Zwergs.

„Als wir den Fanshop in der Stadt eröffnet haben, war eine Euphorie da, die wir bis dato so nicht kannten. Gegen 1860 war die Hütte erstmals voll, das war mein Wunsch, dass mal wer abgewiesen wird und keine Karte bekommt. Das darf gerne öfter der Fall sein", meinte Hasenhüttl.

Euphorie nimmt zu, Potenzial vorhanden

Zu Beginn der Saison gingen rund 2.000 Dauerkarten über den Ladentisch, mit Fortdauer des Erfolgslaufs kamen im Winter weitere 3.000 dazu.

„Das ist schon etwas, was vor der Saison keiner für möglich gehalten hätte. Halt schon im Vorwissen, dass es ein Vorkaufsrecht für das nächste Jahr gibt. Die Fans waren lange sehr skeptisch, wie nachhaltig der Erfolg, den wir gezeigt haben, ist“, weiß Hasenhüttl.

Als Schlüsselmomente führt er an, wie Supporter nach dem DFB-Pokal-Aus gegen Offenbach und zwei Liga-Remis in Folge den Absturz befürchteten, er jedoch als Mediator auftrat und prophezeite: „Wer weiß, wofür die Saison noch gut ist.“

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