Welche Taktik-Trends erwarten uns bei der WM?

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Weltmeisterschaften sind Standortbestimmungen.

Bei Großereignissen spiegeln sich die fußballerischen Entwicklungen der letzten Jahre wider. So gewann Spanien 2010 mit jener Spielweise den Titel, mit der Barcelona damals die Champions League dominierte.

Die taktischen Innovationen finden zwar im Klubfußball statt, doch früher oder später schwappen sie auch auf Nationalteam-Ebene über. Nicht umsonst wartet die FIFA nach jeder WM mit einem technischen Bericht auf, in dem eine Experten-Kommission den Ist-Zustand des Fußballs festhält.

Welche taktischen Trends werden uns also bei der WM in Brasilien erwarten?

  • Das Zeitalter der Extreme

Extreme Maßnahmen erfordern extreme Gegenmaßnahmen. Vor einigen Jahren führte Pep Guardiola, damals noch beim FC Barcelona, den extremen Ballbesitz-Fußball ein. Sein ewiger Widersacher Jose Mourinho konterte mit extremer Verteidigung und elf Mann am eigenen Strafraum. Hinzu kommt das extreme Angriffs- und Gegenpressing, das beispielsweise Dortmund forcierte.

In der diesjährigen Champions-League-Saison setzten sich all diese Entwicklungen fort. Der englische Taktik-Buch-Autor Jonathan Wilson spricht deswegen vom „Zeitalter der Extreme“. Auch die WM wird von diesem Trend geprägt sein. Teams wie Spanien oder Deutschland setzten auf Dominanz durch Ballbesitz. Andere Mannschaften, wie Portugal oder Griechenland, werden darauf mit einer reinen Kontertaktik reagieren. Chile wiederum könnte mit hohem Angriffspressing für Furore sorgen.

  • Reals Flexibilität als Vorbild

Der moderne Fußball wird nicht nur immer extremer, er wird auch immer flexibler. Das hat nicht zuletzt Champions-League-Sieger Real gezeigt. Im Halbfinale stellten sie ihr System und ihre Spielweise perfekt auf den Gegner ein. „Die Flexibilität, die Real gegen die Bayern zeigte, hat mich beeindruckt. Es war perfekt ausgeklügelt und die taktische Ausrichtung wurde von den Spielern einwandfrei durchgezogen. Das war nahe dran am perfekten Spiel“, zeigt sich ÖFB-Trainerausbildner Thomas Janeschitz begeistert.

Diese Anpassungsfähigkeit wird auch von den Teams bei der WM gefragt sein. Die Coaches müssen ihre Mannschaften perfekt auf den nächsten Gegner einstellen. Viele Mannschaften verfügen deswegen schon vorab über mehrere Systeme, die sie spielen können. Das führt uns zum nächsten Punkt.

Van Gaal und sein Team probieren ein 5-3-2

  • Viele unterschiedliche Systeme

2010 spielten die meisten WM-Teilnehmer das klassische 4-2-3-1. Vier Jahre später wird es kein vorrangiges System mehr geben. Die Formationen der Mannschaften werden stärker variieren als jemals zuvor. Die Zahlenspiele reichen von 5-4-1 (Costa Rica) über unterschiedliche Varianten des 4-3-3 (unter anderem Brasilien, Belgien) bis zum 4-3-2-1 (Italien). Auch die falsche Neun, vor vier Jahren noch eine Unbekannte auf Nationalteam-Ebene, wird in Brasilien vermehrt zum Einsatz kommen. Spanien, Deutschland und Chile sind Kandidaten dafür.

Als besonders interessant dürften sich Louis van Gaals Niederländer erweisen. Früher war das 4-3-3 bei der „Elftal“ in Stein gemeiselt, doch der Tulpengeneral zauberte in den Testspielen vor der WM ein 5-3-2/3-5-2 aus dem Hut, bei dem Arjen Robben als Stürmer agiert. Generell sollte die Bedeutung von Systemen jedoch nicht überbewertet werden. „Im modernen Fußball kann man ein klares System oft gar nicht herauslesen. Innerhalb des Spiels verschwimmt vieles ineinander“, hält Trainerausbildner Janeschitz fest.

Balotelli kommt vom Sauna-Besuch

  • Fragezeichen Klima

Italiener schwitzen in der Sauna, Engländer trainieren in Winterjacke. Die Mannschaften greifen in der Vorbereitung auf ungewöhnliche Methoden zurück. Zwar rechnen Meteorologen im Süden des Landes mit gemäßigten Temperaturen, doch im Landesinneren und im Norden könnten Schwüle und Hitze den Spielern enorme Probleme bereiten. Vor allem die Amazonas-Stadt Manaus, wo die Luftfeuchtigkeit auf über 90 % steigen kann, ist bei Trainern gefürchtet. Im Vorhinein lässt sich nur schwer abschätzen, wie sich das Wetter tatsächlich auswirken wird. Laufintensives Angriffspressing könnte auf die Dauer jedoch konditionelle Schwierigkeiten bereiten. Janeschitz meint deswegen: „Ich glaube nicht, dass die Teams ein so extremes Pressing spielen werden, wie es beispielsweise Salzburg vormacht. Abgesehen vom Klima kommt hinzu, dass man als Nationalmannschaft einfach weniger Zeit hat, um so etwas einzustudieren.“

 

Jakob Faber

  • Mehr Kopfballtore, aber weniger aus Standardsituationen?

Bei der Europameisterschaft 2012 wurden insgesamt 22 Kopfball-Tore erzielt – so viele wie nie zuvor. Mehr als ein Viertel aller Treffer (28,9 Prozent) resultierte aus Flanken. Dieser Trend könnte sich auch bei der WM fortsetzen. Das Zentrum wird bei vielen Teams von zwei Sechsern abgeriegelt. Offensive Mannschaften setzen daher auf Hereingaben von der Außenbahn. Insbesondere offensive Außenverteidiger können sich auf diese Weise profilieren. Zumal die Qualität der Flanken immer besser wird.

„Kopfballtore fallen zu einem großen Teil aus dem Spiel heraus. Die Bälle kommen so gut, dass das sehr erfolgsversprechend ist“, meint ÖFB-Experte Janeschitz. Der Co-Trainer von Teamchef Marcel Koller tippt gleichzeitig aber darauf, dass Tore resultierend aus Standardsituationen abnehmen werden: „Einfach deswegen weil viele Mannschaft die Ecke gar nicht mehr hoch zur Mitte bringen, sondern kurz abspielen.“

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