Van Gaal und Co.: "Retro-Kette" wieder en vogue

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Die Aufregung war groß.

Anstatt wie alle anderen Teams auf eine Viererkette zu setzen, probierte es Teamchef Josef Hickersberger bei der Heim-EURO 2008 in zwei Gruppenspielen mit drei Innenverteidigern in der Abwehr. Eine Maßnahme, die bei vielen Fans Unmut hervorrief.

„Damals ist es nicht gut angekommen. Mir wurde es als Ängstlichkeit ausgelegt“, erinnert sich Hickersberger im Gespräch mit LAOLA1. Gleichzeitig streicht er aber hervor: „Sechs Jahre später greifen nun aber viele Trainer auf dieses System zurück.“

„Die Fußball-Geschichte macht einen Schritt zurück“

Tatsächlich hat sich die Dreier- bzw. Fünferkette mittlerweile längst als probates taktisches Mittel etabliert. Als „veraltet“ oder „ängstlich“, wie es einst Hickersberger vorgeworfen wurde, gilt sie lange nicht mehr.

Die „Retro-Kette“ ist wieder in. Das haben nicht nur diverse Vereinsmannschaften wie zum Beispiel der FC Basel gegen Red Bull Salzburg vorgezeigt, sondern wird nun auch bei der WM bewiesen.

Mit Chile, Mexiko, Costa Rica und den Niederlanden setzten vier von 16 Mannschaften im Achtelfinale auf die Dreierkette, die je nach Gesamtausrichtung des Teams auch als Fünferkette bezeichnet wird. Der Übergang ist fließend und kommt auf die Position der beiden Außenverteidiger an.

Dabei war die Dreierkette seit der Umstellung von Manndeckung auf Raumdeckung lange Zeit in Vergessenheit geraten. „Die Fußball-Geschichte macht einen Schritt zurück. Viele Mannschaften spielen mit drei Innenverteidigern, manche sogar mit vier – aber davon halte ich überhaupt nichts“, kann sich Hickersberger einen Seitenhieb auf das DFB-Team nicht verkneifen.

Hickersberger glaubt an Brasilien als Weltmeister

Abwehrzentrum wird geschlossen

Die Vorteile der Dreier bzw. Fünferkette liegen auf der Hand. „Man kann das Abwehrzentrum besser schließen, als das mit einer Viererkette möglich ist. Vieles spricht für diese Variante. Vor allem, wenn es gegen technisch starke Mannschaften mit viel Ballbesitz geht“, erklärt Hickersberger.

Verteidigen vor den fünf Abwehrspielern auch noch zwei Sechser, so kann das Zentrum völlig abgeschottet werden. Costa Rica und die Niederlande haben diese Spielweise bei der WM perfektioniert. Hinten wird dicht gemacht, um über schnelle Gegenstöße offensiv gefährlich zu werden.

Natürlich braucht es dafür die richtigen Spieler. Bondscoach van Gaal stellte erst auf sein neues System um, als sich Roma-Profi Kevin Strootmann vor der WM verletzte. Den Ausfall des Mittelfeldspielers kompensierte der zukünftige ManUnited-Coach, indem er seine personell schwach besetzte Defensive mit einem zusätzlichen Innenverteidiger stärkte.

Manndeckung im Rahmen der Raumdeckung

„Man muss eine Mannschaft genauso spielen lassen, wie es ihren Qualitäten entspricht. Ich will gewinnen. Also wähle ich ein System aus, von dem ich mir am meisten verspreche. So geht Fußball. Es ist schön zu sehen, dass das Ergebnis mich bestätigt“, erteilt van Gaal all den Kritikern an seiner reaktiven Spielweise eine Absage.

Der „Tulpen-General“ schreckt dabei vereinzelt auch nicht vor Manndeckung zurück. So verfolgte Daley Blind Alexis Sanchez im Spiel gegen Chile teilweise bis an die Mittellinie. Dafür braucht es aber blindes Zusammenspiel mit den Abwehrkollegen.

„Natürlich kommt es mit drei Innenverteidigern auch darauf an, wer nach vorne Druck auf den Ball macht. Da muss eine gute Abstimmung da sein. Das machen die Holländer ausgezeichnet“, lobt Hickersberger die „Elftal“. 

Dreierkette kann auch offensiv interpretiert werden

Gleichzeitig müssen drei Innenverteidiger aber nicht gleichbedeutend mit einer defensiven Spielweise sein. Die Dreierkette funktioniert auch mit ballbesitzorientiertem Offensiv-Fußball. Das hat beispielsweise Chile bewiesen. Die Südamerikaner, die sowohl mit drei als auch mit vier Abwehrspielern agierten, waren bei der WM das am frühesten attackierende Team.

„Man kann eine Dreierkette auch offensiver gestalten als eine Viererkette, zum Beispiel wenn sich die Außenspieler bei gegnerischem Ballbesitz nicht gleich wieder zurückziehen“, streicht Hickersberger hervor.

Parallel weist der Ex-ÖFB-Teamchef jedoch auf die Nachteile einer Dreierkette für offensive Mannschaften hin: „Bei der Viererkette bauen zwei Innenverteidiger das Spiel von hinten auf, bei der Dreierkette aber drei. Man hat also eine Anspielstation weniger im Mittelfeld.“

Keine Genugtuung für Hickersberger

Im Viertelfinale zwischen Costa Rica und den Niederlanden kommt es nun zum großen Duell der letzten beiden Teams, die mit der „Retro-Kette“ verteidigen. Dass am Ende eine der beiden Mannschaften ganz oben steht, glaubt Hickersberger nicht.

„Ich setze nach wie vor darauf, dass Brasilien Weltmeister wird. Der Heimvorteil wird den Ausschlag geben“, so der Fußball-Pensionist.

Späte Genugtuung, dass die von ihm bei der EURO forcierte Dreierkette sechs Jahre später gefeiert wird, empfindet er nicht: „Ich habe als Trainer immer das gemacht, was ich für richtig gehalten habe. Mit Kritik muss man leben.“

 

Jakob Faber

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