Deutschland, Handbremse lösen!

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Deutschland steht im WM-Viertelfinale – allerdings mit Hängen und Würgen.

Denn beim 2:1 nach Verlängerung gegen Algerien bekleckerte sich die DFB-Auswahl nicht mit Ruhm (Nachbericht).

Der Auftritt gegen die „Wüstenfüchse“ war für viele Experten eines der schlechtesten Spiele einer deutschen Nationalmannschaft in den letzten zehn Jahren.

Die Nordafrikaner zeigten schonungslos auf, woran es mangelt. LAOLA1 nennt die drei großen Baustellen unserer Lieblings-Nachbarn.

TEAMCHEF JOACHIM LÖWS STURHEIT:

Der „Bundes-Jogi“ hat sich für die WM einen Plan zurecht gelegt. Und diesen zieht der 54-Jährige eiskalt durch – scheinbar ohne Kompromisse. Gerade bei der Endrunde in Brasilien, wo sehr viel Flexibilität gefragt ist, nicht unbedingt die beste Idee. Vor dem Turnier stellte der Schwabe auf ein 4-3-3 mit nur einem Sechser um. In diesem System eine Abwehrreihe mit vier Innenverteidigern zu bilden, kann man in gewisser Weise sogar nachvollziehen, da die DFB-Elf in der Vergangenheit viele Tore bekam. Löw wollte hinten dicht machen - okay. Die daraus resultierende Harmlosigkeit auf den Außenpositionen ist eine Folge. Vor allem, wenn wie gegen Algerien durch den Ausfall von Hummels Boateng ins Zentrum rückt und mit Mustafi ein Mann rechts zum Einsatz kommt, der mit dieser Position große Schwierigkeiten hat. Dass Höwedes links ebenfalls nicht gerade das Gelbe vom Ei ist, war bereits nach den ersten Spielen offensichtlich. Die Anfälligkeit bei schnellen Kontern, speziell wenn man so hoch steht wie gegen Algerien, ist aufgrund des fehlenden Speeds der Akteure ebenfalls kein Wunder - Ausnahme Boateng. Erst als Lahm aus der Not geboren (Mustafi-Verletzung) zurück in die Viererkette rückte, kehrte eine Besserung ein.  Weiters stellt sich die Frage, warum der Bundestrainer weiterhin an Mesut Özil festhält. Deutschlands teuerster Spieler sucht seit Wochen seine Form, konnte in bisher keinem Spiel überzeugen und scheint dennoch gesetzt. Und das obwohl er am rechten Flügel bei weitem nicht seine Stärken ausspielen kann.



LAOLA1-Einschätzung:

Löw muss sich von seinem sturen Festhalten seines Plans lösen und Änderungen vornehmen. Eine Entscheidung rückgängig zu machen, hat nichts mit scheitern zu tun, sondern zeigt, flexibel zu sein. Ein Wort, das Löw gerne in den Mund nimmt, aber kaum am Platz liefert. Warum nicht Kapitän Lahm dauerhaft auf seine frühere Position bringen? Und wenn nicht, warum nicht die Dortmunder Großkreutz und Durm die Außen bekleiden lassen? Beide kennen diese Position von ihrem Klub, haben dort Erfahrung  und schon ein paar Mal gezeigt (Stichwort Champions League gegen Real Madrid), dass man sich auch offensiv etwas erwarten kann. Dass in der Abwehr umgestellt wird, ist klar. Für Mustafi ist die WM nach dessen Muskelfaserriss vorbei. Hummels steht nach seinem grippalen Infekt vor einem Comeback. UND: Warum nicht Özil eine Pause geben und Schürrle von Beginn an bringen? Der Chelsea-Akteur hat mit einem Tor und einem Assist bereits mehr Scorer-Punkte als der Arsenal-Legionär. Die beste Lösung wäre aber zweifelsohne die Rückkehr zum angestammten 4-2-3-1-System.

DAS MITTELFELD-DILEMMA:

Mit Schweinsteiger oder Khedira? Was wurde nicht alles diskutiert. Da Löw weiterhin Lahm im Mittelfeld einsetzt(e), ist dies eines der heikelsten Themen im DFB. Gegen Portugal schmorte der Bayern-Star auf der Ersatzbank, gegen Ghana wurde er eingewechselt und sorgte für viel Schwung. Im Match gegen die USA erhielt der 29-Jährige dann den Vorzug gegenüber dem Real-Akteur. Beim Duell gegen Algerien startete erneut Schweinsteiger, Khedira kam in der zweiten Hälfte – allerdings für den verletzten Mustafi. Somit standen wieder beide Mittelfeld-Strategen am Feld. Allerdings hat man bei Schweinsteiger gesehen, dass er nach seiner im Mai erlitten Patellasehnen-Verletzung noch nicht 100 Prozent fit ist. Der Blondschopf pfiff in der Verlängerung aus dem letzten Loch und musste runter. Und Khedira kehrte erst Ende der Saison nach einem Kreuzbandriss zurück. Deshalb fragte auch Löw nach der Algerien-Partie: „Reichen bei Schweinsteiger und Khedira die Kräfte? Wir müssen sehen, wie sich die beiden jetzt erholen.“



LAOLA1-Einschätzung:

Bei der WM 2010 in Südafrika gab es keine Diskussion: Khedira und Schweinsteiger waren gesetzt. So leicht es damals war, so schwierig entpuppt sich die Lage diesmal. Wenn Löw der Meinung ist, dass es besser wäre, wenn sich Schweinsteiger und Khedira aufgrund ihrer Fitness abwechseln bzw. für einander eingewechselt werden, müsste Lahm im Mittelfeld bleiben. Denn aufgrund des verletzungsbedingten WM-Aus von Gündogan und Lars Bender bleibt nur mehr der junge Kramer.

FEHLENDE DEUTSCHE TUGEND:

Kämpfen, beißen, kratzen. Vor einigen Jahren überzeugte die deutsche Auswahl noch mit bedingungslosem Einsatz. In den letzten Jahren rückten immer mehr die Spielkultur und der Ballbesitz in den Vordergrund. Das ist auch gut so. Gerade bei einer WM sind jedoch zusätzlich besagte deutsche Tugenden gefragter denn je. Noch dazu, wenn spielerisch die Präzision zu wünschen übrig lässt wie gegen Algerien. Zwar kann man der DFB-Elf nicht nachsagen, nicht zu kämpfen, im Gegensatz zu anderen Nationen scheint jedoch die Bereitschaft, alles in die Waagschale zu werfen, bei dem einen oder anderen nicht ganz so hoch zu sein. Besonders augenscheinlich zeigt sich dies etwa bei Özil und Götze. Während ein Schweinsteiger oder ein Boateng weder sich noch den Gegner schonen, verlassen sich die beiden genannten Akteure zu sehr auf ihre Technik anstatt auch einmal richtig dagegen zu halten.

LAOLA1-Einschätzung:

Was nützt ein hoher Ballbesitz, wenn am Ende entscheidende Zweikämpfe verloren gehen?  Die Mischung macht es aus. Aus diesem Grund zählen die Deutschen bei jedem Großereignis zu den Mitfavoriten. Wenn es einmal spielerisch nicht läuft, konnte man sich auf ihren unermüdlichen Kampfwillen verlassen. Gerade bei einer WM muss sich jeder einzelne bewusst sein, was auf dem Spiel steht. Schon ein Prozent weniger zu geben, kann fatale Folgen mit sich bringen. Löw wiederholt gebetsmühlenartig, dass sich seine Spieler im Laufe des Turniers steigern werden. Die nächste Chance, die Handbremse zu lösen, bietet sich dafür schon gegen Frankreich.

 

Martin Wechtl

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